Abenteuer im Nachtexpress

Eine Bahnreise mit dem Interrail-Pass ist nach wie vor eine der besten Möglichkeiten, um Europa zu entdecken – vor allem für einen taufrischen Maturanden mit wenig Geld, aber viel Zeit.

Angeheiterte Österreicher, resolute Schaffnerinnen, schlaftrunkene Mitreisende: Eine nächtliche Reise mit dem Zug bietet die volle Palette prallen Lebens. Foto: Gerry Balding (Flickr)

Angeheiterte Österreicher, resolute Schaffnerinnen, schlaftrunkene Mitreisende: Eine nächtliche Reise mit dem Zug bietet die volle Palette prallen Lebens. Foto: Gerry Balding (Flickr)

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Wer selber schon einmal die Erfahrung gemacht hat, mit der Bahn Städte wie Prag, Amsterdam, Paris oder Lissabon zu besuchen, wird mir beipflichten, dass es nur wenig Aufregenderes gibt: Mit nichts weiter bewaffnet als einem Rucksack, dem Interrail Global Pass und einer gehörigen Portion Entdeckerlust schlägt man sich durch riesige Metropolen, jagt von Abenteuer zu Abenteuer, lernt dabei interessante Leute kennen und übernachtet in oftmals schmuddeligen, dafür aber preisgünstigen Herbergen.

Etwas vom Aussergewöhnlichsten am Interrailen sind für mich die Nachtzüge. Vielleicht auch etwas verklärt durch ­Pascal Merciers Meisterwerk «Nachtzug nach Lissabon» freue ich mich Mal für Mal auf die Reisen im Nachtzug, obwohl ich mit meinen 1,87 Metern Körpergrösse auf den kurzen, unbequemen Pritschen selten gut nächtige. Ich verbringe die Zeit, in denen der Nachtexpress durch österreichische Wälder, durch die Weiten der spanischen Sierra oder entlang der portugiesischen Küste rattert, meistens damit, im Velowagen mein Tagebuch à jour zu bringen.

Aus dem Abteil ausgeschlossen

So auch im Nachtzug von München nach Amsterdam, als ich mich plötzlich umgeben von einer Gruppe bereits recht angeheiterter Österreicher wiederfinde. An ein Schreiben in Ruhe ist fortan freilich nicht mehr zu denken, was aber weiter nicht tragisch ist, bietet die fidele Gesellschaft doch ihrerseits beste Unterhaltung. Mit dem Spass ist es allerdings dann definitiv vorbei, als ich auf Höhe Stuttgart um etwa ein Uhr in der Früh feststellen muss, dass man mich aus meinem Schlafabteil ausgeschlossen hat. Zunächst ist dies nicht gross von Belang, ich habe ja immerhin Gesellschaft. Doch eine weitere Stunde später werde ich von der Müdigkeit übermannt, also mache ich mich auf die Suche nach einem Schaffner. Ein paar Wagen weiter werde ich tatsächlich fündig, und die Schaffnerin, eine stämmige Deutsche, erklärt sich bereit, mich aus meiner misslichen Lage zu befreien.

Wer nun aber erwartet, dass die gute Frau einen Schlüssel zückt, um die Tür aufzusperren, täuscht sich gewaltig (wortwörtlich): Sie hämmert stattdessen nämlich mit viel Wucht zehnmal gegen die schmale Metalltüre, bis schliesslich jemand das Schloss entriegelt und mit schläfriger Miene in den Gang tritt. Doch o Schreck: Wie mir ein Blick ins Innere des Abteils verrät, sind alle sechs Betten belegt. Ich habe mich im Wagen geirrt! Die verwirrten Blicke der armen Seelen, die durch das energische Klopfen geweckt wurden, und das vorwurfsvolle Kopfschütteln der Schaffnerin werde ich wohl nie vergessen.

Die Schweiz? – «Ah, el paradiso!»

Nachtzüge sind aber nicht nur für derlei Anekdoten gut, sie können einen durchaus auch die Augen öffnen. So mache ich im Nachtzug von Madrid nach Lissabon die Bekanntschaft von Javier, einem schätzungsweise 30-jährigen Spanier mit ungewöhnlich blondem Haar und wachen, vifen Augen, die im Gespräch immer mal wieder unvermittelt aufblitzen. So auch, als ich ihm eröffne, dass ich aus der Schweiz stamme – und ihm darob ein «Ah, el paradiso» entfährt, begleitet von einem tiefen Seufzer. Dann erzählt Javier, der ein Wirtschaftsstudium mit dem Master abgeschlossen hat und aufgeweckt und aufgeschlossen wirkt, dass in seinem Heimatort, einer kleinen Gemeinde nahe Pamplona im Nordosten Spaniens, eine Arbeitslosigkeit von rund 50 Prozent herrsche, bei den Jungen sei es fast noch mehr.

Er selbst hat mittlerweile einen Job gefunden, in der Finanzaufsicht, wo er spanischen Firmen in Portugal auf die Finger schaut, weshalb er nun wöchentlich zwischen Madrid und Lissabon pendelt. Er sei überqualifiziert für diese Arbeit, wie er mehrmals betont, auch wird er im Verlauf der folgenden anderthalb Stunden noch mehrmals «Schweiz» und «Paradies» im selben Atemzug nennen. Ich weiss wenig darauf zu erwidern, doch mir wird klar, wie wenig bewusst ich mir meines Glückes eigentlich bin: ein erstklassiges Schulsystem (das unter anderem dafür verantwortlich ist, dass ich mich mit Javier auf Spanisch unterhalten kann), danach eine freie Studienwahl, im Anschluss daran eine fast garantierte Jobsicherheit und dazwischen noch locker Zeit, um drei Wochen nach Belieben durch Europa zu reisen: Ich lebe wahrlich im Paradies.

Leider gibt es auch Abstriche, was das Interrailen anbelangt: Alle Nacht- und Hochgeschwindigkeitszüge müssen reserviert werden (und dies zu teils horrenden Preisen), ansonsten verliert der Interrail-Pass seine Gültigkeit. Diese Reservationen gestalten sich zudem äusserst mühsam, da die verschiedenen nationalen Bahngesellschaften nicht aufeinander abgestimmt sind. So ist es beispielsweise nicht möglich, von Lissabon aus eine Verbindung nach Zürich zu buchen; vielmehr muss sowohl an der spanischen Grenze zu Frankreich als auch an der französischen Grenze zur Schweiz eine neue Reservierung getätigt werden.

Rückschritt trotz Globalisierung

Gewisse Zugverbindungen wie zum Beispiel der berühmte Nachtzug nach Lissabon sind zudem mangels Rendite im Zuge der Finanzkrise aus dem Fahrplan gestrichen worden. Man kann wohl nicht ganz zu Unrecht behaupten, dass der grenzüberschreitende Bahnverkehr eines der wenigen Dinge ist, die in den letzten Jahren trotz fortschreitender Globalisierung einen Rückschritt erlebt haben.

Nichtsdestotrotz: Eine grosse Interrail-Tour ist ein unvergleichliches Erlebnis, an das man sich auch Jahre später noch zurückerinnern wird. Davon ist auch mein treuer Reisebegleiter Oliver überzeugt. Und wir sind uns ziemlich sicher, dass dies nicht unsere letzte Entdeckungsreise per Bahn durch Europa ist; es gibt da ja auch noch Grossbritannien und den hohen Norden.

Reto Heimann (19) hat im Sommer die Matura gemacht. Er schreibt alle paar Wochen auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet eine Kolumne über sein Zwischenjahr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2014, 07:38 Uhr

Interrail Global Pass

30 Länder mit der Bahn

Den Interrail Global Pass bezieht man in der Schweiz über die SBB. Das günstigste Angebot – es ist quasi der «Klassiker», der schon seit Jahrzehnten verkauft wird – ist jenes für Erwachsene unter 26 Jahren: Für einen 5-Tag-Pass (nur gültig für die 2. Klasse) bezahlt man beispielsweise 227 Fr., der 22-Tag-Pass kostet 425 Fr. und derjenige für einen ganzen Monat 544 Fr. Anders als früher existieren heute auch Interrail-Global-Pässe für Kinder, Senioren sowie Erwachsene ab 26 Jahren aufwärts. Diese Tickets sind zwar teurer, man kann sie aber nicht nur für die 2., sondern auch für die 1. Klasse buchen. Mit dem Pass steht einem ein Bahnnetz zur Auswahl, das insgesamt 30 europäische Länder von Skandinavien bis Portugal und von Rumänien bis Irland umfasst. Auch die Fähre nach Griechenland ist im Pass inbegriffen. (thw)

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