Beten für die Prostituierten

Das Quartierkloster Philadelphia steht an einem ungewöhnlichen Ort: Mitten im Sündenpfuhl im Kreis 4. Dort beten Schwestern für die Menschen am Rande der Gesellschaft.

Schwester Marianne Bernhard in der Kapelle des Quartierklosters Philadelphia. Foto: Doris Fanconi

Schwester Marianne Bernhard in der Kapelle des Quartierklosters Philadelphia. Foto: Doris Fanconi

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Die Suche nach Amüsement und Zerstreuung führt stets an dieselben Orte. In Zürich ist die Erfolgsquote an der Langstrasse am höchsten. Dort mischen sich Randständige mit Partymenschen, Kleindealer und Prostituierte buhlen um ihre Kundschaft. Spätestens morgens um vier schlägt die Stunde der Idioten – dann, wenn die letzten Betrunkenen aus den Nachtclubs gespült werden.

Die Dienerstrasse ist eine dieser schummrigen Seitenstrassen, die man um diese Zeit eher auslässt. Zumeist ist sie dann von Glasscherben übersät. Manchmal wird der Passant von einer Pfütze Erbrochenem überrascht – stilgerecht ausgeleuchtet durch die roten Lämpchen der umliegenden Etablis­sements. «Ein gottverlassener Ort», schiesst es wohl so manch einem durch den Kopf.

Doch gottverlassen ist dieser Ort keineswegs: Denn der Sündenpfuhl ist gleichzeitig auch Heimat eines Klosters in Zürich. In der Ecke zur Tellstrasse steht der unscheinbare Bau, der sich äusserlich nicht von den umliegenden unterscheidet. «Quartierkloster Phila­delphia» – ein diskretes Schild weist auf seine Existenz hin. Seit gut drei Jahren wohnen hier Schwester Marianne Bernhard vom evangelischen Saronsbund aus Uznach SG und die Stadtzürcher ­Reformierte Elisabeth Maier. Sie bilden eine geistliche Gemeinschaft.

Kloster und Aussenwelt

Die 74-jährige Bernhard öffnet die Tür und führt in den Gemeinschaftsraum. Ihre Erscheinung entspricht durchaus dem gängigen Bild einer Ordensschwester: Die weissen Haare sind zu einem straffen Dutt gebunden, dunkles Hemd, graue Strickjacke und ein knöchellanger grauer Faltenrock. Beginnt Bernhard zu kommunizieren, tritt das Sakrale, leicht Angegraute in den Hintergrund. Ihre Stimme wirkt lebendig und frisch, ihr Lachen beinahe jugendlich. «Ich fühle mich sehr wohl im Langstrassenquartier», sagt Bernhard. Die Vielfalt der Lokale, die Menschen aus allen Erdteilen, das Lebendige – das sei nicht selbstverständlich für die einst zwinglianisch ­geprägte Stadt.

Ihr klösterliches Leben steht im Gegensatz zur unberechenbaren Aussenwelt. Der Alltag im Quartierkloster Phila­delphia folgt einem strikten Ablauf. Nebst den täglichen Haushaltsaufgaben praktizieren die Frauen ihre Tagzeitengebete. Meistens zu zweit, einige Male pro Woche öffentlich. Am Montagabend versammelt sich die franziskanische Weggemeinschaft in der Kapelle. Randständige und Gassenarbeiter beten dann gemeinsam. «Wir setzen uns bei Gott für jene ein, welche die Hilfe am meisten benötigen», sagt Bernhard. Das sind in der Regel Obdachlose, Prostituierte, Drogensüchtige oder Flüchtlinge – egal welcher Religion sie angehören. Im Chräis Chäib haben viele ihre Heimat ­gefunden.

Die Idee begeisterte

Bernhard führt in die Klosterkapelle, die trotz ihrer Überschaubarkeit imposant daherkommt: Mehrere Kirchenbänke, ein Altar, Kerzenständer und eine hölzerne Jesusfigur zieren ihr Inneres. Die Schwester verweist auf den Bibelspruch am Kapellenfenster: «Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn.» Dieses Motto hätten sie von den Brüdern des Schweizerischen Diakonievereins übernommen. Sie lebten und beteten einst im Kloster, ehe das Gebäude für Jahre anderen Zwecken diente. Roland Luzi, Koordinator des Klosters, wurde vor gut vier Jahren vom ökumenischen Schweizerischen Diakonieverein Nidelbad beauftragt, Menschen zu suchen, die dem Gebäude an der Tellstrasse ihren ursprünglichen Sinn zurückgaben. «Die Idee begeisterte mich sofort: die Schaffung eines spirituellen Leuchtturms inmitten dieses rauen Milieus», sagt Bernhard. Für sie bedeutete das aber auch einen radikalen Wohnortwechsel: aus dem ländlichen Uznach ins verrufene Zürich.

Missionieren, das liege ihr aber nicht, sagt die Schwester. Vielmehr kämen die Menschen, die Hilfe benötigten auf sie zu. Wenn sie durch die Gassen gehe, dann riefen die Prostituierten «Hallo, Marianne»: «Manchmal begrüssen sie mich herzlich und wollen, dass ich für sie bete.» Weil einige dieser Frauen aus katholischen Ländern in Südamerika stammen, sei das Vertrauen schnell hergestellt. «Viele haben eine natürliche Gottvertrautheit», sagt Marianne Bernhard.

Nach gut drei Jahren habe sich das Quartier etwas verändert, sagt Bernhard. Der Lärm der Betrunkenen sei bisweilen unerträglich geworden. An ein Öffnen der Fenster in der Nacht sei kaum mehr zu denken. Doch wenn die zwei Frauen immer wieder aufs Neue den Menschen auf der Strasse begegnen, die sie in ihre Gebete miteinschliessen, dann fühlen sie sich bestärkt: «Dann ­wissen wir, dass wir hierher gehören.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.03.2016, 18:37 Uhr)

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