Das Archiv der Bubenträume

Im Laden «Train & Train» im Universitätsquartier werden all jene fündig, die das Kind in sich noch nicht vergessen haben – und sich für «progressive» Weltgeschichte interessieren.

Zug um Zug in die Vergangenheit: Martin (l.) und Ruedi Arn mit einigen Modellen im Laden Train & Train. Foto: Urs Jaudas

Zug um Zug in die Vergangenheit: Martin (l.) und Ruedi Arn mit einigen Modellen im Laden Train & Train. Foto: Urs Jaudas

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Ein Spielzeug, das vor 100 Jahren produziert wurde, heisst «Die ängstliche Braut». Es funktioniert so: Ein Blechmann sitzt auf dem Blechmotorrad, die Blechfrau im Blechanhänger dahinter. Er fährt geradeaus, schert plötzlich aus, schlingert. Sie steht auf und fuchtelt mit den Armen. Nach jedem Aufziehen von neuem.

Wir sind im Laden Train & Train an der Universitätstrasse Zürich – dem Laden, der Geborgenheit verkauft. Auch wenn das nirgendwo deklariert ist und auch die Geschäftsführer das nicht so sagen würden.

Vordergründig bietet Train & Train nämlich antikes Spielzeug zum Verkauf: Eisenbahnen, Dampfmaschinen und andere mechanische Blechspielsachen; neben der «Ängstlichen Braut» beispielsweise auch einen Cowboy, der auf einer Sau Rodeo reitet, einen Bäcker, der sein Brot in den Ofen schiebt, oder einen Pfau, der beim Stolzieren schreit. Hintergründig geht es aber um jene seligen Momente, als man noch Kind war und frei von Sorgen.

15 Jahre ist es her, seit Ruedi Arn den Laden aufgemacht hat. Der heute 78-Jährige suchte nach einer Möglichkeit, nach seiner Pensionierung seinem Hobby zu frönen. Für den Therapeuten und klinischen Psychologen waren die Spielzeuge schon lange «lebensbegleitende Psychohygiene», wie er sagt. «Dem Menschen kannst du dich nur über Hypothesen annähern, da ist man nie zu 100 Prozent gewiss. Maschinen sind simpler: Entweder sie funktionieren oder nicht», so Arn. Die Spielzeuge in den Händen zu halten und zu reparieren, war und ist für den Kopfarbeiter als Ausgleich wichtig. Er fand das Ladenlokal, schön ebenerdig, eine Türglocke hatte es bereits und ein Büro auch. Angefangen hat er mit zwei bis drei Vitrinen, darin Stücke aus seinem privaten Fundus.

Wie Gulliver in Liliput

Lange hat er draufgezahlt. «Die Miete, die Versicherung der Stücke, da gingen etliche Tausend Franken raus, die ich irgendwie einnehmen musste.» Der Laden rentierte nicht als Museum, eine Diversifizierung war nötig. Arn begann, Führungen zu veranstalten und einen Teil seiner Sammlung sporadisch an andere Sammler oder Museen zu vergeben. Zum Beispiel gestaltete er eine Ausstellung zum Thema Bahnhof, in der 45 Spielzeugbahnhöfe gezeigt wurden, um deren historische Entwicklung zu dokumentieren. Dank Mundpropaganda entwickelte sich so im Laufe der Zeit ein solider Kundenstamm, auf den Ruedi Arn (Einkauf) und sein Sohn Martin (Buchhaltung, Werbung, Kunden) heute noch zählen können.

Wer das Train & Train betritt, fühlt sich ein wenig wie Gulliver in Liliput: In den Vitrinen, die fast bis zur Decke reichen: Mikrokosmen aus Zügen, Autos und anderen Maschinen mit den dazugehörigen kleinen Figürchen. Es riecht förmlich nach Nostalgie. Als wäre es ein Archiv manifestierter Bubenträume.

Doch Ruedi Arn widerspricht: «Wir sind kein Männerladen», auch Frauen fühlten sich angezogen von den Bahnhöfen oder von den verzierten Dosen, jenen anderen schönen alten Dingen, die es im Laden zu kaufen gibt. Das Wertespektrum reicht vom Blechauto für 6 Franken bis zu einer Lokomotive, von der es nur noch zwei Stück auf der Welt gibt und die 4000 Franken kostet. Die Züge und Bahnhöfe sähen viele Kunden als 3-D-Gemälde, sagt Arn. «Sie wollen etwas Märchenhaftes oder ein Stück Geschichte, das sie inspiriert oder schwelgen lässt.» Für Architekten sei zum Beispiel das Modell des Bahnhofs Friedrichshafen im Bauhaus-Stil interessant. Es ist offensichtlich: Zum Spielen ist dieses Spielzeug nicht gedacht. Trotzdem, insistiert Arn: Alles, was im Laden stehe, funktioniere auch. Als Beweis zeigt er einen Heissluftmotor, eine Wärmequelle bringt ein Rad zum Laufen. Wer kauft so etwas? Jemand habe einen Ventilator daraus gebastelt, sagt Arn.

Internationale Fangemeinde

Viele Kunden stolpern zufällig in den Laden; mal sind es 30, mal nur 4 am Tag. Läuft wenig, nutzen Vater und Sohn die Zeit, um Teile zu reparieren. Es existiert aber auch eine internationale Fangemeinde, die, wenn in Zürich, immer im Train & Train haltmacht.

Wir würden sagen: Spielsachen erinnern an Wünsche, an das Schöne. Ruedi Arn sagt: Spielsachen haben eine regressive Kraft. Die Kunden holen sich das zurück, was ihnen als Kind viel Freude bereitete. Wie zum Beispiel jener Italiener, der die US-Lok sah und fast in Tränen ausbrach – seine Mutter hatte die seine einst aus Versehen weggeworfen.

Geschichte ist wichtiger als Nostalgie

Arn selbst hatte als Kind wenige Spielsachen, träumte aber immer von einer Eisenbahn. Ihn habe stets interessiert, was die Welt zusammenhalte. Den Faktor Nostalgie findet er darum für seinen Laden nicht so relevant, wichtiger sei der Faktor Geschichte. «Spielzeug ist seit je progressiv», erklärt er, «jene Dinge, von denen man überzeugt war, dass sie die Welt verändern würden, gab es oft bald als Spielzeug: Eisenbahnen, Zeppeline, Autos. Jedes Stück widerspiegelt den damaligen Zeitgeist.»

Es ist wie Geschichtsunterricht, nur spannender, wenn Ruedi Arn über die Spanisch-Brötli-Bahn referiert, von der Skeptiker dachten, sie würde sich nicht durchsetzen, weil es die Leute verrückt machen würde, so schnell zu fahren.

Früher hatte Spielzeug auch ein soziales Moment. Oft wurde eine Eisenbahn nur einmal im Jahr aufgestellt, und alle sassen darum herum. Heute, klagt Arn, lebten wir in einer Wegwerfgesellschaft, «das beschäftigt mich sehr.» Wäre die Herstellung eines Spielzeugs wie die «Ängstliche Braut» heute technisch ein Klacks, war es damals eine hohe Kunst. Sein Sortiment sei darum eher eine Hommage an eine verloren gegangene Manufaktur als Retro-Chic.

Nach über einer Stunde bei Ruedi Arn ist klar: Die Kunden haben in ihm nicht nur einen kompetenten Berater, er ist auch ein exzellenter Geschichtenerzähler. Und so, mit einer hübschen Episode, wird der Besuch auch beschlossen. Einmal, an einem kalten Wintermorgen, sagt Arn, habe plötzlich eine hochschwangere Frau im Morgenrock den Laden betreten und gefragt, ob sie an die Wärme kommen dürfe. «Sie sagte, sie sei stinksauer, weil extra aus dem Thurgau ins Unispital gekommen, und dann habe der Arzt die Entbindung verschoben, weshalb sie eine Nacht im Spital verbringen müsse.» Dann habe sie sich umgesehen, eine Holzburg entdeckt und versprochen, nach erfolgreicher Geburt mit Kind und Mann zurückzukommen, um diese zu kaufen – ein Versprechen, das sie eine Woche später einlöste.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2015, 20:30 Uhr

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