«Das Nichts ist unser aller Horizont»

Am Freitag wird das weltweit erste Museum des Nichts eröffnet. Ein absurder Witz? «Im Gegenteil», sagt dessen Gründer, der Künstler Andreas Heusser: «Es hilft, bewährte Denkmuster aufzubrechen.»

Andreas Heusser tourt demnächst durch Europa, um den Menschen in seinem musealen Bus das Nichts zu präsentieren. Foto: PD

Andreas Heusser tourt demnächst durch Europa, um den Menschen in seinem musealen Bus das Nichts zu präsentieren. Foto: PD

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Vor dem äusserlich unscheinbaren Haus im Kreis 4 steht ein mattschwarzer Minibus, und auf dem Tisch im Atelier, das sich im dritten Stock des Hauses befindet, steht ein silberner Laptop. Beides ist in Zusammenhang mit dem nachher folgenden Interview ziemlich wichtig – beides zusammen bildet nämlich das weltweit erste No Show Museum, auf Deutsch: Das Museum des Nichts.

Dessen Erfinder ist auch dessen Kurator: Er heisst Andreas Heusser, kam 1976 in Dielsdorf zur Welt, studierte Philo­sophie und Deutsch in Zürich sowie Kunst in Bern, war von 2010 bis 2013 kultureller Leiter im Kaufleuten-Club und organisiert das Openair Literaturfestival Zürich. In erster Linie ist Heusser jedoch als selbstständiger Künstler und Kurator aktiv, der es immer wieder versteht, mit vermeintlichem Nonsense viel Tiefsinn zu stiften.

Museum des Nichts, das klingt stark nach Monty-Python-Humor.
Kann sein, dass es danach klingt. Ist es aber nicht. Das merkt man rasch, wenn man beginnt, sich mit den Werken im Museum auseinanderzusetzen.

Ein Werk ist doch kein Nichts!
Das Nichts ist eben nicht nichts, es ist ­erstaunlich viel: Man kann die gesamte jüngere Kunstgeschichte anhand des Nichts betrachten. Man findet das Nichts aber auch in der Musik, wo es als hörbare Pause oder Stille interpretiert wird, ganz zu schweigen von der Philosophie oder der Wissenschaft.

Wer Ihr Museum also mit der Absicht besucht, nichts zu sehen, wird enttäuscht werden.
Im Gegenteil, er wird inspiriert werden. Klar wirkt es auf den ersten Blick paradox, das Nichts beziehungsweise die Annäherung ans Nichts zu zeigen. Doch gerade dieser Ansatz hilft, bewährte Denkmuster aufzubrechen. Vor allem wenn er nicht als Jux, sondern ernsthaft und konsequent betrieben wird.

Wie muss man sich eine solche Konsequenz vorstellen?
Nehmen wir an, jemand interpretiert das Nichts als leeren Kunstraum. In der konsequenten Umsetzung ist der Raum nicht angeschrieben, der Künstler lässt sich aus dem Ausstellungskatalog entfernen und ist bei der Vernissage nicht anwesend. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob die Leere wirklich die treffendste Darstellung des Nichts ist.

Welche ist treffender?
Mir gefällt der Denkansatz besser, der besagt, dass das Nichts im Alltag immer und überall präsent ist. Dass das Nichts unser aller Horizont ist, den wir laufend benötigen, beispielsweise wenn wir eine Negation zum Ausdruck bringen.

Gesellschaftlich interpretiert, wäre das Nichts also das Gegengift zur stetig wachsenden Reizüberflutung.
Diese Interpretation ist absolut denkbar. Man kann es aber auch vom Kunstmarkt her betrachten, und dann ist das Nichts natürlich die pure Provokation, weil man ein inexistentes, nicht vorhandenes Kunstwerk schwerlich handeln und verkaufen kann. Es ist aber nicht meine Absicht, mit dem Museum gezielte Gedanken und Reaktionen auszulösen, die Besucher sollen individuell auf die Werke und Denkanstösse reagieren.

Sie können all das nur bedingt beeinflussen, weil man das Museum gar nicht betreten kann – es existiert ja nur als Internet-Plattform.
Das Museum hat die Aufgabe, das diffizile Thema «Nichts» auf seriöse, aber nicht kopflastige, sondern einladende, spielerisch-bunte Art zu vermitteln. Die Online-Plattform ist das ideale Medium dafür. Sie ermöglicht eine übersichtliche Struktur, in der Subthemen wie «Nichts als Verweigerung», «Nichts als Reduktion», «Nichts als Lücke» oder «Nichts als Vorstellung» anschaulich und mit dem nötigen Hintergrundwissen präsentiert werden können. Es ist aber nicht so, dass das Museum allein virtuell existiert: Bei der Eröffnung am Freitag werden hier an der Elisabethenstrasse zwei Räume bespielt, und im Sommer werde ich real durch Europa touren.

Mit dem schwarzen Bus, der vor dem Haus parkiert ist?
Genau. Ich habe bereits mit Betreibern von Off-Spaces Kontakt aufgenommen. Sie werden ihre Klientel zu bestimmten Events einladen, sei es in ihrem Kunstraum oder in einem öffentlichen Raum. Und an diesen Events werde ich mit dem Bus präsent sein und nichts präsentieren. Dazu kommen absurd-poetische Anlässe, bei denen ich den Bus an abgelegenen Orten parkiere und dort Events à la «No Show Museum präsentiert nichts von Yves Klein und anderer Künstler» durchführe.

Das können Sie jetzt behaupten, weil das niemand überprüfen kann.
Oh doch, man kann es sehr wohl überprüfen. Und gern auch vorbeikommen – ich gebe die exakten Koordinaten der Orte bei der Ankündigung der Anlässe selbstverständlich bekannt.

Das klingt alles herrlich absurd. Was war überhaupt der Urknall des ganzen Museumsprojekts?
Als ich die Kunsthochschule abschloss, bestand die Schlussarbeit aus einem theoretischen Teil und der Teilnahme an einer Gruppenausstellung. Ich habe im Theorie-Teil klargemacht, dass ich meine Arbeiten nie auf fixe Ausstellungsorte hin entwickle, sondern den Ort der Präsentation hinsichtlich der Wirkung auswähle, die ich erzielen will. Diesem Prinzip gehorchend, war klar, dass ich an der Gruppenausstellung nicht teilnehmen konnte. Daraus entstand die Idee, gerade diese Nicht-Teilnahme – das Nichts – als Kunst zu präsentieren. Ich kündigte also per Mail an, dass ich konkret von dann bis dann nichts zeigen werde. Mein Werk gab viel zu reden, es stiess Mitstudenten vor den Kopf, es forderte Experten und die Schulleitung heraus. Da das Nichts aber kunsthistorisch schlüssig als Weiterentwicklung der Ready-mades von Marcel Duchamp und der Ideen der Konzeptkunst der 60er-Jahre interpretiert werden kann, gab es nicht nur lange Diskussionen darüber, ich bekam sogar ein Diplom (lacht).

Dann war Duchamp der ideologische Urkünstler des Nichts?
Für mich ist das so, ja. Indem er um 1913 mit seinen Ready-mades anfing – also Alltagsgegenstände allein durch deren Auswahl oder durch die Signierung zu Kunstobjekten erklärte –, stellte er den gängigen Kunstbegriff radikal und nachhaltig infrage. Wobei er dann gar noch weiterging, als er auf dem Höhepunkt seines Erfolgs der Kunstwelt den Rücken kehrte und öffentlich erklärte, er spiele fortan nur noch Schach . . . und niemand wirklich wusste, ob auch diese Aussage als künstlerisches Statement zu deuten sei. Natürlich war Duchamp auch eine Inspiration für die Dadaisten, die ebenfalls mit Erscheinungsformen des Nichts experimentierten.

Wie wird das No Show Museum überhaupt finanziert?
Wie bei jeder anständigen Galerie vornehmlich durch Geldwäscherei und ­Spekulation (lacht). Nein, für den Start lancierte ich eine Crowdfunding-Kampagne, da kam ein wenig Geld zusammen. In erster Linie werde ich aber versuchen, das Projekt durch meine anderen Kunstaktivitäten querzufinanzieren. Damit Geld zu verdienen, ist aber sowieso nicht das Ziel, im Vordergrund steht die persönliche Neugier, mehr über das Nichts zu erfahren. Solange diese Neugier da ist, werde ich das Museum voller Elan weiterentwickeln.

Eine oft gehörte Weisheit lautet: «Von nichts kommt nichts.» Was ist Ihr liebstes Nichts-Bonmot?
Mir gefällt Marina Abramovics Statement, das sie 2010 anlässlich ihrer Ausstellung «The Artist is present» im New Yorker MoMa äusserte: «The hardest thing to do is something close tonothing.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.05.2015, 19:00 Uhr)

Stichworte

Die Eröffnungs-(No-)Show

Sounds und Science zum Nichts

Das Museum des Nichts wird künftig hauptsächlich in der virtuellen Welt des Internets präsent sein (siehe Interview) – an der Museumseröffnung vom Freitag (29. Mai, ab 18 Uhr) aber kommen die Besucher in den Genuss einer in der Realität zu erlebenden Eröffnungs-(No-)Show: Gründer und Kurator Andreas Heusser bittet nämlich in den Räumen (Untergeschoss und 3. Stock) des «Instituts» an der Elisabethenstrasse 14a im Kreis 4 den Musiker Nik Bärtsch, die Tanzgruppe Company of Dancers, den Astrophysiker Ben Moore sowie den Doing-Nothing-Festival-Direktor Denis Handschin, das Nichts in Form von Klängen, Bewegungen, Filmausschnitten und eines Referats hör-, fühl- und sehbar zu machen. (thw)

www.noshowmuseum.com

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