«Das ganze Drumherum ist Kunst»

Stefan Bumbacher stellte seine Wohnung zwei Wochen lang einem Künstler zur Verfügung. Jetzt hat er grüne Wände und endlich eine «fertige Stube».

Stefan Bumbacher mit seinem Ess- und Pingpontisch. Foto: Sabine Bobst

Stefan Bumbacher mit seinem Ess- und Pingpontisch. Foto: Sabine Bobst

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Kunst im privaten Raum – das war das Konzept der Aktion «Don’t Talk To Strangers», die im Februar dieses Jahres in verschiedenen Zürcher Wohnungen stattfand. Auch Stefan Bumbachers Stube wurde zum Ausstellungsraum: Der Künstler Federico Herrero versah die Wände der WG an der Langstrasse mit leuchtend grünen Flächen, ebenso die Enden des ausziehbaren Tisches, auf dem während der Vernissage Tischtennis gespielt wurde. Wie ist das eigentlich, Kultur zu Hause zu haben?

Herr Bumbacher, entweder Sie sind einsam oder ein Kunstfanatiker.
Beides trifft nicht zu.

Warum haben Sie sich dann bereit erklärt, Fremden Ihr Wohnzimmer zu öffnen?
Das war Zufall. Mein ehemaliger Mitbewohner kennt Sandino Scheidegger und Nico Ruffo, die Kuratoren von «Don’t Talk To Strangers» und hat die Aktion schon in New York verfolgt. Scheidegger befand unsere 4-Zimmer-Wohnung für geeignet, schlug uns die Sache vor, und wir hielten es für eine gute Idee.

Ist es nicht schräg, auf einmal Fremde im Wohnzimmer zu haben?
Für mich nicht. Ich wohne seit 12 Jahren in wechselnder Besetzung in dieser 2er-WG. Schon immer gingen verschiedene Gäste ein und aus, wir haben hier viele Partys gefeiert und kriegen oft spontan Besuch. Die Wohnung ist gross und mitten in der Stadt – kein Wunder, ist sie ein Treffpunkt.

Wie viele Fremde haben durch die Kunstaktion zu Ihnen gefunden?
An der Vernissage waren etwa 60 Leute. Danach mussten uns Interessenten anrufen, um einen Termin auszumachen. Am ersten Wochenende waren wir gar nicht da, hätten aber fünf Interessenten gehabt. Empfangen haben wir in den zwei Wochen insgesamt acht kunstinteressierte Gäste.

Und wie war das?
Einige haben beim Betreten des Wohnzimmers gefragt: Wo ist denn jetzt die Kunst? Eine Frau Ende 20, die vorbeikam, liess sich in ein Pingpong-Match mit der Auflage «Wer verliert, kocht» verwickeln. Sie musste dann Znacht kochen, es war sehr fein. Noch immer hallt die Aktion nach: Eine Schauspielerin hat kürzlich angefragt, ob sie bei uns Aufführungen machen dürfe, sie sei auf der Suche nach alternativen Bühnen.

Stichwort Privatsphäre: Ist das keine Nabelschau?

Das sehe ich nicht so eng. Während der Vernissage waren die Türen zu allen Zimmern offen. Da hier kürzlich renoviert wurde, sind viele meiner Sachen ohnehin im Estrich geblieben. Viel zu sehen gibt es also nicht. Und wenn schon. Meines Wissens hat auch niemand durch meinen Schrank gewühlt oder sich ins Bett gelegt. Ich verstehe also nicht, was mich hätte stören sollen.

«Ihr» Künstler, Federico Herrero, wird mit einer Einzelpräsentation an der diesjährigen Art Basel ­vertreten sein. Kannten Sie ihn überhaupt?
Nein. Aber die Veranstalter meinten, Federico Herrero würde gut zu unserer WG passen. Ausserdem haben wir angeboten, dass er hier schlafen kann. Das hat ihn wohl überzeugt. Er wollte da bleiben, wo er Kunst schuf.

Wie war die Begegnung mit ihm?
Ich muss anfügen, dass ich in den wenigen Tagen, die Herrero hier gearbeitet hat, kaum anwesend war. Aber ich empfand ihn als sehr zurückhaltend, fast schon schüchtern. Als er hier ankam, hatten wir gerade Freunde zu Besuch und waren in eine Partie Pingpong vertieft, bei der wir den Esstisch zu einer Tischtennisplatte umfunktioniert hatten. Das muss ihn beeindruckt haben.

Inwiefern?
Er sagte später, sein Werk, die grünen Flächen an den Wänden und auf dem Tisch, repräsentiere den Rhythmus des Pingpongs. Ausserdem haben wir ja dann an der Vernissage auch Pingpong gespielt. Das war ein wichtiger Teil des Gesamtkonzepts.

Aber lenkt das Spiel nicht von der Kunst ab? Statt mit Fremden über das Werk zu diskutieren, spielt man lieber eine Runde ­Tischtennis.
Ich denke, das Werk ist nur der Aufhänger, nur die Ausrede, um Fremde zusammenzubringen. Es soll ein Setting provozieren – das ganze Drumherum ist die eigentliche Kunst. «Das Leben geht weiter, trotz Kunst» – das ist als Botschaft doch nicht so abwegig.

Und was sagen Sie zu Herreros Werk – das Soziale mal ausgeklammert?
Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich mehr Farben erwartet hätte. Ich hatte ein wenig im Web recherchiert und Herreros bunte Werke gesehen. «Vielleicht malt er die ganze Decke an», dachte ich mir; im Stile einer modernen Sixtinischen Kapelle. Aber schliesslich muss ein Künstler ja nicht die Erwartungen erfüllen – das wäre langweilig.

Wie waren die Reaktionen darauf?
Der Tenor war sehr positiv. Sowohl zum Grün, als auch zur Aktion. Ein Nachbar meinte, er ziehe es vor, wenn Wände ganz gestrichen seien. Grundsätzlich verhielten sich jene, denen es nicht gefiel, diplomatisch und sagten «Ich verstehe nichts von Kunst» oder «Ich finde den Zugang nicht».

Muss man über Kunst sprechen?
Kunst soll beim Betrachter etwas auslösen – soll ihn erfreuen, inspirieren, provozieren, ekeln, aus der Bahn werfen. Dann wird es spannend. Worte sind dazu nicht unbedingt nötig, aber wenn Kunst anregt, in irgendeiner Weise, wenn sie Fragen aufwirft, dann macht es auch Spass, darüber zu sprechen.

Wie hat sich Federico Herrero auf Ihre Wohnung ausgewirkt?
Freunde, die vorbeikommen, fragen unisono: Was soll das? Für mich machen die grünen Wände den Raum spannender. Sie sind dezent, verleiden aber nicht. Vorher war die Stube leer, jetzt ist sie fertig. Schliesslich hat es für mich auch die Frage gelöst, ob und welche Bilder ich aufhängen soll.

Ist Kunst etwas Soziales?
Ich weiss nicht, ob ich mit dieser Frage etwas anfangen kann. Ich interessiere mich zwar für Kunst, aber ich habe wenig Ahnung davon. Mich hat bei «Dont’t Talk To Strangers» das Setting fasziniert. Die ungewohnte Umgebung für alle Beteiligten.

Wird Ihre WG in Zukunft wieder zum öffentlichen Raum?
Ich hatte in diesen 12 WG-Jahren schon einen Saxofonspieler auf dem Balkon – da war ich allerdings nicht da –, auf dem Dach wurde durch einen riesigen Milchtrichter ein Alpsegen gesprochen, und an zwei 1.-Mai-Veranstaltungen hat man Ballone und Papierflieger zu Krawallanten und Polizei entlassen. Für mich spricht nichts gegen solche Aktionen, solange ich dahinter eine gute Idee erkenne.

Was passiert jetzt mit Ihren grünen Wänden?
Wir lassen sie bis auf weiteres so. Sowohl für uns als auch für den Vermieter galt die Bedingung: Alles, was rückgängig gemacht werden kann, ist okay.

Was haben Sie aus der Aktion ­gelernt?
Journalisten brauchen für alles ein Fazit, stimmts? Gut, wenn Sie eines wollen: Menschen sind nett. Aber ehrlich gesagt habe ich keinen neuen Einblick in das menschliche Wesen bekommen. Stattdessen habe ich eine Geschichte mehr zu erzählen. Es passiert ja nicht oft, dass ein bekannter Künstler deine Stube umgestaltet.

Bilder: www.randominstitute.org

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.04.2015, 19:15 Uhr)

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