Der etwas andere Kunstraub

Vom Tresen des El Lokal wurde der beliebte «Pulpopugno» gestohlen. Bringen die Täter die 18 Kilo schwere Skulptur zurück, werden sie nicht angezeigt, sondern belohnt.

Irgendwann seien alle Gäste weg gewesen – und mit ihnen die «Pulpopugno», erzählt Barchef Timo Tedaldi.

Irgendwann seien alle Gäste weg gewesen – und mit ihnen die «Pulpopugno», erzählt Barchef Timo Tedaldi. Bild: Samuel Schalch

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Die Tat ist nicht mehr ganz frisch, sie geschah bereits am 12. Mai. Dennoch hat das Kopfschütteln bei den Betreibern des El Lokal auch rund sechs Wochen später nicht nachgelassen, zumindest bildlich gesprochen.

Bevor wir aber zu den wilden Emotionen kommen, kommen wir zu den nüchternen Fakten. Oder ein wenig kriminalistischer formuliert: Was genau ist denn passiert? Barchef Timo Tedaldi sagt, es sei der Eröffnungsabend des beliebten Lauterfestivals gewesen, dessen Programm vorab von jüngeren Bands aus dem Raum Zürich bestritten werde; die heftigen Gigs hätten im vis-à-vis gelegenen Stall 6 stattgefunden, die etwas weniger lauten im El Lokal: «Das Publikum war an diesem Freitag entsprechend jünger als sonst, die meisten waren wohl zwischen 18 und 25 Jahren alt», so Tedaldi. Um aber umgehend zu präzisieren, dass er das keinesfalls irgendwie abwertend meine: Die Leute seien gut drauf und sympathisch gewesen, es habe keine Probleme gegeben. «Um 2 Uhr riefen wir wie immer die letzte Runde aus, eine halbe Stunde später waren die letzten Gäste weg – und dann haben wir es gesehen, das Loch!»

Dieses «Loch» befindet sich rechts des langen Tresens, auf der Bühnenund Damen-WC-Seite. Und da, wo nun die Lücke ist, stand vorher knapp sieben Jahre lang der «Pulpopugno» – eine vom Zürcher Bildhauer Jérémie Crettol aus sogenanntem Grauguss gefertigte Tintenfischfaust. Was sowohl für Tedaldi als auch für El-Lokal-Wirt Viktor Bänziger nach wie vor unverständlich ist (und zum erwähnten anhaltenden Kopfschütteln führt): Es waren an diesem Abend insgesamt sieben Mitarbeiter im Einsatz, es waren diverse Stammgäste präsent – und doch hatte niemand den Diebstahl bemerkt. Er erinnere sich, dass er den «Pulpopugno» gegen 20 Uhr zum letzten Mal bewusst angeschaut habe, erwähnt Timo Tedaldi sichtlich zerknirscht. Und Viktor Bänziger ergänzt, dass die Skulptur ja auch ganz ordentlich schwer sei, «ich schätze sie auf mindestens 15 Kilo, ein solches Gewicht trägt man nicht einfach locker vom Hocker nach draussen».

Die verhexte Ecke

Er habe oft gemahnt, man solle die Skulptur befestigen, «zum Beispiel auf einem mit dem Tresen verschraubten Drehteller, damit man sie von allen Seiten hätte bestaunen können», so Bänziger weiter. Einerseits habe er das gesagt, weil etliche Gäste gemeint hätten, aus infantiler Kraftmeierei oder sonstigem Unfug, den Brocken unbedingt hochheben zu müssen, was nicht immer ganz ungefährlich gewesen sei. «Anderseits empfahl ich die Befestigung aber auch, weil die Tresenecke, auf der die Eisenfaust stand... nun, diese Ecke scheint irgendwie verhext.»

Der Journalist prustet beinahe den Espresso auf den Tisch, und auch über die Gesichter von Bänziger und Tedaldi huscht ein (arg verschmitztes) Lächeln, dann klärt der Barchef auf: «Was Viktor damit sagen will ist, dass ‹Maria› und ‹Jesus›, die Figuren, die vor dem ‹Pulpopugno› dastanden, mehrfach gestohlen worden sind. Doch sie wurden stets zurückgebracht, bisweilen lagen sie auch einige Wochen nach der Entwendung plötzlich in einem Plastiksack vor der Tür, aber sie kamen immer zurück, immer!» Der Schankwirt nickt, möchte aber noch erwähnt haben, dass das rege Heimkehren der zwei Heiligen womöglich auch dem Zutun der italienischen Ladenbesitzerin im Kreis 4 zu verdanken gewesen sei, der er sie einst abgekauft hatte: «Als ich ihr beim erstmaligen Verschwinden davon erzählte, belegte sie die Täter mit einem Fluch.»

Wie auch immer, jedenfalls waren es ebendiese Erfahrungen mit «Maria» und «Jesus» (die übrigens eines Tages dann trotzdem ersetzt werden mussten, da die «Mutter Gottes» beim Putzen in die Brüche gegangen war) mit ein Grund, dass man lange zuwartete und auf eine wundersame Rückkehr des «Pulpopungo» hoffte. Nun aber hat man im El Lokal die Geduld mit der Karma-Polizei verloren – also die Hoffnung aufgegeben, die Nachtbuben seien für ihr verwerfliches Tun anderweitig gepeinigt worden, und um den Moralhaushalt wieder ins Lot zu bringen, würden sie sich reuig zum Retournieren des Kunstwerks entscheiden – nun musste die Vierte Gewalt (sprich diese Zeitung) ans Werk, um den Kunstraub publik zu machen.

Diesen Schritt begrüsst auch Jérémie Crettol: «Es darf nicht sein, dass sich diese Trottel jetzt ungerechtfertigt und ungehemmt an der Skulptur erfreuen!» Deshalb hofft der Bildhauer, dass durch den Artikel alle Welt davon erfahre und dass so Druck aus dem Kollegenkreis auf die Kleinganoven entstehe.

Damit das gelingt, hat uns der 42-Jährige eine Art «Steckbrief» diktiert. Höhe: 25 Zentimeter. Gewicht: 18 Kilo. Material: Grauguss (daraus werden beispielsweise auch Dolendeckel gemacht). Name «Pulpopugno»: Eine Mischung aus Spanisch (Pulpo; Tintenfisch) und Italienisch (Pugno; Faust). Weitere Fakten: Ursprünglich wars «nur» ein Modell für einen zweieinhalb Meter grossen, mehrere Tonnen schweren «Pulpopugno», den Crettol später aus Stein haute. Doch als sein Galerist fand, das Objekt eigne sich doch prima für eine Kleinserie, goss er 2010 acht Exemplare; den Wert gibt er mit «mehrere Tausend Franken» an.

«Es gibt keine Alternative!»

Und wie, Herr Crettol, gelangte ihr Geschöpf überhaupt in Zürichs eigenwilligstes Kunsthaus? Er lacht und erzählt vom Titelbild für das von Bänziger herausgegebene Heft «R.E.S.P.E.C.T», das er gestalten durfte – und dabei einer Musikerhand, die eine Bo-Diddley-Gitarre spielte, einen Krakenfinger verlieh. «Im Magazin war dann auch die Geschichte des ‹Pulpopugno› nachzulesen, also war es fast zwingend, dass ein solches Objekt als Leihgabe ins El Lokal musste.»

Voilà, damit zum vorläufig letzten Kapital des Dramas. Das geht so: Wer sachdienliche Hinweise auf den Verbleib des Werks liefern oder den Dieb dazu bewegen kann, es zurückzugeben, erhält einen El-Lokal-Bierpass (dasselbe würde gar für die reumütige Täterschaft gelten, und sie käme gar ohne Anzeige davon).

Auf die Frage, ob auch eine andere Lösung denkbar wäre, schüttelt Bänziger erneut den Kopf; diesmal jedoch aus Gewissheit: «Nein, es gibt keine Alternative! Wir wollen ihn zurück.» Und wir als Zeitung? Bleiben dran, völlig klar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2017, 11:56 Uhr

Der Pulpopugno von Bildhauer Jérémie Crettol.

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