Einsichten eines Clowns

Die Zürcher Band The Clowns irritierte während Jahren das Publikum im In- und Ausland. Ein Resümee am Küchentisch.

Ein letztes Mal mit roten Haaren: The-Clowns-Gründer Frederick Obando in seinem Bühnenoutfit. Foto: Giorgia Müller

Ein letztes Mal mit roten Haaren: The-Clowns-Gründer Frederick Obando in seinem Bühnenoutfit. Foto: Giorgia Müller

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Frederick Obando sitzt am Küchentisch in Zürich-Wiedikon und jongliert. Jongliert mit Worten, mit Anekdoten, mit Vergleichen. Auf dem Kopf trägt er eine rote Perücke, das Gesicht ist weiss geschminkt, seine Kleidung zieren bunte Farbtupfer. Keine Frage: Unser heutiger Interviewpartner ist ein Clown.

Obando hat uns in seine Wohnung eingeladen, um ein Kapitel seines Lebens abzuschliessen. Sein Bandprojekt The Clowns soll diesen Monat zu Grabe getragen werden. Die letzte Platte ist ­gepresst, das letzte Konzert längst gespielt. Und heute, hier und jetzt, an diesem grauen, regnerischen Montagnachmittag im Januar, hat er ein letztes Mal die Schminke aufgetragen, hat er sich ein letztes Mal in sein Bühnenoutfit gestürzt. Der Leichenschmaus besteht aus liegen gebliebenen Adventsleckereien, ein paar Gläsern Zwetschgen- und Birnenschnaps, griffiger Gitarrenmusik ab Vinyl und vielen guten Geschichten. Die Gäste: die Fotografin und der Journalist, sonst niemand.

Wieso der Musiker, der in den vergangenen sieben Jahren in genau dieser Aufmachung mit seinen Mitmusikern auf grossen Schweizer Festivalbühnen und in Clubs in New York und London stand, diesen wichtigen Schritt gerade mit uns begehen will, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass der Schreibende mit Obando vor gut zehn Jahren schon mal an einem ähnlichen Küchentisch in einer ähnlichen Wohnung sass und ihn damals mit leuchtenden Augen von seinen grossen Plänen erzählen hörte.

Drei Identitäten

Er wolle eine Band gründen, die ihre Zuhörer irritiert, sagte er damals. «Ein Popstar muss ein Mysterium sein und ein Mysterium bleiben. Die Leute sollen nicht wissen, wer hinter dieser Band steht.» Deshalb schuf Obando drei Identitäten, erfand die Namen und Biografien von Frederick Obando, Dino Castelli und Eugene Bakarow, suchte einen Bassisten und Schlagzeuger und liess dann drei Kostüme schneidern.

War er als Clown unterwegs, sprach Frederick Obando konsequent Englisch. Viel Aufwand wurde betrieben, viel in die Verschleierungstaktik investiert. So viel, dass es den Mitmusikern zu bunt wurde. Im Kostüm zu proben, hielten sie für übertrieben. Am Veranstaltungsort in Clownmontur zu übernachten und zu frühstücken auch.

«Ich habe damals gar nicht kapiert, dass ich das Kostüm brauchte. Dass es einfach einen Schutz darstellte.»Frederick Obando

Obando konnte seine Mitmusiker nicht voll und ganz von seiner Vision überzeugen. «Ich habe damals gar nicht kapiert, dass ich das Kostüm brauchte. Dass es einfach einen Schutz darstellte, ohne den ich als Frontmann nicht funktionsfähig gewesen wäre. Schliesslich war ich einfach zu feige, um meine Songs unmaskiert zu spielen.»

Die Bemühungen, die Obando mit seinen mehr oder weniger motivierten Bandkollegen unternahm, um berühmt zu werden, waren ausserordentlich: Man wollte den Durchbruch über das Ausland schaffen, und so reiste man nach New York und London. Um an Gigs im Big Apple zu kommen, klapperte die Band in Vollmontur die angesagten Konzertlokale in Brooklyn ab und drückte den Programmverantwortlichen ihre Demo-CD in die Hand. Um sich bei britischen Plattenlabels ins Gespräch zu bringen, erschienen sie gar mit einer Torte. Einer biss an: Der Boss des Labels Wall of Sound – ein Clownfan – besorgte der Band 2010 einen Gig am Bizarre Festival in London. Doch der Gig geriet zur Wackelpartie. In wichtigen Momenten «versagte» die Band. Zu fragil war die Banddynamik, zu wenig zog man am gleichen Strick. Die grosse Popkarriere kann man sich vor diesem Hintergrund abschminken.

Der Sachlage entsprechend würde man vielleicht an diesem regnerischen Montag einen traurigen Clown erwarten. Schliesslich blieb der Band der grosse Durchbruch verwehrt. Aber das Gegenteil ist der Fall: «Ich sehe The Clowns überhaupt nicht als ein gescheitertes Projekt», sagt Obando. «Es ist mir heute klar, dass das Ganze irgendwann ein Ende finden und implodieren musste.» In dem Sinne sei das gut für das Projekt und seine Entwicklung gewesen. Gut für sein Songwriting, gut für die Verarbeitung jener Themen, die ihm am Herzen lagen.

Gut auch für die Entwicklung eigenständiger Musik: Zwar hört man Einflüsse wie die Chili Peppers, wie Hendrix, wie Lenny Kravitz oder alten Soul, aber die Musik der Clowns schlägt eigene Wege ein. Die Songs mit Eiern und Seele tänzeln, toben, rocken, wandeln sich. Sie sind lustvoll und melancholisch, bittersüss und verspielt. Auf «The Last Chapter», dem demnächst erscheinenden Abschlussalbum, werden sie immer wieder mal plötzlich von einer psychedelischen Nebelwand eingehüllt.

Ohne Maskerade

Das würde man gerne live hören. Doch das ist nicht mehr möglich: Die Band zerbrach 2012. Der letzte Todesstoss erfolgte um einen Auftritt am Gurten-Festival. Ein Gig, den man sich in einem Bandwettbewerb hart erspielt hatte. Doch die interne Kommunikation war derart zerrüttet, dass proben nicht mehr möglich war. Die Generalprobe im Hotelzimmer misslang komplett, auf der Bühne fanden die Musiker nie zusammen. Und das alles live auf SRF 3.

«Ich habe mir den Mitschnitt erst ein Jahr später angehört», erzählt Obando. «Beim Hören habe ich mich in Grund und Boden geschämt. Das war der Tiefpunkt.» Die Aufnahme sei dem, wofür die Clowns einst standen, in keinster Weise gerecht geworden.

Das Niveau der ersten, hochmotivierten Jahre habe die Band nie mehr erreicht. Zwischen 2006 und 2009 verortet Obando auch die magischsten Momente. Manchmal sei das Zusammenspiel im Fluss gewesen, seien Stücke aus dem Nichts entstanden, sei die Band über sich hinausgewachsen.

Heute macht Obando in anderer Konstellation Musik. Ohne Maskerade, ohne falsche Identität, in kleinerem Rahmen mit tieferen Ambitionen. Mit den Clowns hatte er schon abgeschlossen, die Erlebnisse unter einer Frustschicht begraben. Doch dann, mit Abstand, machte sich Obando alleine an die Aufarbeitung.

Es galt die letzten neun Songs aufzunehmen. Songs, die die Band lange Jahre live gespielt hatte, die es aber noch nicht auf einen der beiden Tonträger geschafft hatten. Aufgenommen in einem Studio in Basel mit verschiedenen Gastmusikern, drehen sie sich nun auf dem Plattenspieler im Wohnzimmer. Derzeit kann man die Vinyl-Produktion über ein Crowdfunding-Projekt auf der Plattform Wemakeit unterstützen.

Aus dem Wohnzimmer dringen die letzten Klänge der Platte. In dem Song, der gerade läuft, geht einiges in die Brüche. Dabei hatte er so schön ruhig angefangen. Der Clown schmunzelt. Für sein Seelenheil war diese Band ein Erfolg.

The Clowns stellen ihr finales Album «The Last Chapter» am 23. Januar in der Matahari-Bar in Zürich vor.

Weitere Informationen unter about.me/theclowns (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.01.2016, 20:43 Uhr)

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