Es lebe das Laster!

Es ist Fastenzeit. Da gibt es zwei Varianten: Entweder man fastet freiwillig und fröhlich – oder man lässt es bleiben.

Bruder Klaus, der Fasten-Weltmeister. Foto: Urs Jaudas

Bruder Klaus, der Fasten-Weltmeister. Foto: Urs Jaudas

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Es ging mir richtig schlecht. Ich fühlte mich sündig, voller Gewissensbisse und und zweifelte an mir. Gibt es womöglich ein 11. Gebot, von dem ich nichts weiss? Das Gebot: Du sollst fasten!

Das war an einem Aschermittwoch vor vielen Jahren. Der Priester sprach in seiner Predigt von Umkehr und Verzicht – die Sätze waren voller Imperative. Es war zum Davonlaufen! Jetzt wage ich einen Neubeginn: Wie hört sich eine Fastenpredigt heute an, zum Beispiel in der Kirche Bruder Klaus?

Niklaus von Flüe (1417–1487) ist die Verkörperung des Verzichtens, der Fasten-Weltmeister sozusagen. Gemäss Überlieferung hat er 20 Jahre ohne Essen und Trinken gelebt.

Die Kirche an der Verzweigung Winterthurer-/Milchbuckstrasse in Zürich war die erste Bruder-Klaus-Kirche der Welt; sie wurde 1933 errichtet. Die Weihe einer Kirche auf den Namen eines Seligen bedurfte der ausdrücklichen Genehmigung des Papstes, damals Pius XI.

Demonstrative Frömmigkeit

Pfarrer Martin Burkart bietet an diesem Mittwoch zwei Messen mit Aschenausteilung an, um 9 Uhr und um 19.30 Uhr. Seine Predigt stützt sich auf das Matthäus-Evangelium (Mt. 6, 16–18). «Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler.» Nicht um Sack und Asche geht es, sondern um Freude. «Salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest.»

Mit anderen Worten: Jesus hielt nichts von einer zur Schau gestellten Frömmigkeit. Pfarrer Burkart wohl auch nicht. Zwar spricht auch er zwei-, dreimal von Umkehr und einmal von Verzichten. Aber den Imperativ braucht er nicht. Was sich dennoch autoritär anhört, sind die Appelle des Propheten Joel (2, 12–15). Doch das ist zum Aushalten, weil Burkart den Akzent auf die Freiheit legt, immer wieder vom «freiwilligen Fasten» spricht. Vor allem aber: Der Priester stellt kein Pathos zur Schau.

Auch kommt er ohne Ministranten, Lektoren und Kommunionhelfer aus. Die Predigt, kurz und allgemein, reisst mich zwar nicht gerade von der Kirchenbank, aber das hat mehr mit meiner Ambivalenz gegenüber dem Thema als mit dem Pfarrer zu tun. Wenn Kritik, dann eher am Tempo. Martin Burkart spricht schnell. Zu schnell. Zügig erfolgen auch die liturgischen Handlungen: Speditiv streut er den Gottesdienstbesuchern das Aschenkreuz auf ihren Kopf, ebenso teilt er die Hostien aus.

Na ja, eigentlich passt das heute ganz gut. Schliesslich wurden wir eben gerade daran erinnert, dass alles begrenzt und endlich ist.

Was ist nachhaltig?

Missfallen tut mir eher, dass die Kirche diktiert: Jetzt ist Fastenzeit. Geht gar nicht für mich. Schon klar, Jesus hat 40 Tage in der Wüste gefastet. In Erinnerung daran und als Vorbereitung auf seine Auferstehung ruft die katholische Kirche die Fastenzeit aus. Von Aschermittwoch bis Ostern. Dass Fleisch-, Alkohol-, Zigaretten- oder Schoggiabstinenz sowie Handy-, Auto- oder Plastikfasten guttun und sinnvoll sein können, bestreite ich gar nicht. Man befreit sich so von unnötigem Ballast, kann sich auf Wesentliches konzentrieren. Gläubige kann es näher zu Gott bringen.

Ganzjährig bewusst leben wäre aber nachhaltiger. Und sowieso: In der Bibel finde ich keine Anweisung, wie und wann wir fasten sollen. Für Jesus war einzig wichtig, dass die Fastenden aufrichtig sind und fröhlich. Bin ich. In diesen Wochen ganz besonders, dank Fastenfood: Fasnachtschüechli, Zigerkrapfen, Schänkeli ... Und auch die nächste Versuchung steht schon in den Laden­regalen: Schoggihasen. Darum beginnt meine Fastenzeit erst nach Ostern, kurz vor der Bikinizeit. Und dauert bis Advent. Zuerst darf jetzt das Laster leben!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 14:27 Uhr

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