«Ich war so hässig»

Die Zürcher Filmemacherin Mirjam von Arx erzählt im Dokumentarfilm «Freifall» von ihrer Tragödie: Sie hatte Krebs, und während ihrer Chemotherapie sprang ihr Freund als Basejumper in den Tod.

«Die Bilder im Kopf sind immer schlimmer als die Realität», sagt Mirjam von Arx. Foto: Urs Jaudas

«Die Bilder im Kopf sind immer schlimmer als die Realität», sagt Mirjam von Arx. Foto: Urs Jaudas

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Vom Video hat Mirjam von Arx per Zufall erfahren. Sie brauchte ein Jahr, bis sie es sich anschauen konnte. Die Bilder wackeln leicht. Sie sind vom 4. August 2010. Weit unten sieht man das Lauterbrunnental, es wirkt beinahe idyllisch. Vor dem Abgrund stehen zwei Männer. Der eine wirkt nervös, hebt die Arme zwei-, dreimal hoch, geht in die Knie. Dann springt er. Nicht viel später klingelt in Zürich Mirjam von Arx’ Handy.

Der Anruf, erinnern Sie sich noch?
An jedes Detail. Wo ich gestanden habe, meine erste Reaktion. Herbert sei tot, sagt Andi. Ob er einen Witz mache, frage ich. Würde ich darüber Witze machen?, fragt er zurück.

Andreas Dachtler war Coach von Herbert Weissmann, Mirjam von Arx’ Freund. Die beiden sind im Berner Oberland, weil man hier darf, was in vielen Ländern verboten ist: von Felswänden springen, um kurz später den Fallschirm zu ziehen. Es ist der 19. Sprung von Herbert Weissmann als Basejumper.

Als Sie am Telefon die Stimme von Andreas Dachtler hörten, ahnten Sie da nicht schon Böses?
Nein, weil ich es nicht wahrhaben wollte. Ich hatte deshalb wohl das starke Bedürfnis, nach Lauterbrunnen zu fahren. Ich musste Herbert in der Auf­bahrung sehen. Weil die Bilder im Kopf immer schlimmer sind als die Realität.

Sie gehören offenbar zu jenen Menschen, die sich konfrontieren. Hat Sie das überrascht?
Was mich überraschte, war die Wut, die in mir aufkam, als ich Herbert sah. Wie ich heute weiss, folgt diese typischerweise auf das Negieren. Du Idiot!, flüsterte ich. Ich war so hässig, weil er alles weggeworfen und mich zurück­gelassen hatte.

Mirjam von Arx sitzt in ihrem Studio an der Lagerstrasse. Neben ihr, im Kinderwagen, schläft ihr Baby. Die 48-Jährige macht Filme, und bis in jenem August war sie sich sicher: Einen persönlichen würde sie nie drehen. Mit «Freifall» hat sie es auf berührende Art getan. Ihre Geschichte ist eine Amour fou der anderen Art. Drei Monate vor dessen Sprung hatten sie und Herbert Weissmann sich kennen gelernt über eine Partnerschaftssite. Man kommt sich näher, aber noch in der erste Woche schreibt sie: «Heute war ein schwarzer Tag, bin mir nicht sicher, ob ich dir das überhaupt schreiben soll, wir kennen uns ja gar nicht.» Die Ärztin hatte bei von Arx einen Tumor in der Brust ­diagnostiziert. Krebs. Er schreibt zurück: «Du bist jetzt nicht mehr allein, vergiss das nicht.» Drei Monate später ist Mirjam von Arx allein. Sie beginnt zu filmen. Auch an der Beerdigung, an der sie Weissmanns Eltern zum ersten Mal trifft.

War das die Regisseurin in Ihnen, die zur Kamera griff?
Richtig trennen lässt sich das nicht. Ich hatte auch nicht die Absicht, einen Film zu drehen. Ich war mitten in der Chemotherapie und hatte einfach nur Angst, Herbert zu verlieren, meine ­Erinnerung an ihn. Ausser einem Foto hatten wir ja nichts. Deshalb wollte ich möglichst viel festhalten. Begonnen habe ich in Herberts Wohnung, in der ich zuvor erst zweimal war.

Lernten Sie neue Seiten von ihm kennen? Nach drei Monaten kennt man sich ja noch nicht so gut . . .
Eine Freundin begleitete mich. Ich hatte Schiss, was mich dort erwartete. Nicht, dass ich mit Leichen im Schrank rechnete, aber da war doch eine Geschichte, von der ich wenig wusste. Was mich dann aus der Bahn warf, war das Logbuch seiner Sprünge. Als ich es las, realisierte ich, dass es vorher schon mal sehr knapp war. Weil ich Herbert nicht mehr damit konfrontieren konnte, hat sich meine Wut auf Andi verlagert.

Er stellt sich dieser Diskussion.
Ja, und ich rechne ihm das extrem hoch an, dass er diesen Fragen nie ausge­wichen ist, auch vor der Kamera nicht. Das half mir enorm. Herbert konnte nicht mehr reden. Andi war sein Freund, und er war ihm als sein Coach auch in der Baseszene der Nächste, bis zum letzten Sprung.

Herberts Fallschirmlehrer sagt im Film, dass dieser nie hätte springen dürfen. Er sei zu unerfahren gewesen, um zu basen. Machten Sie Andreas deswegen je Vorwürfe?
Nein, aber es war eine Frage, die uns beide stark beschäftigte. Ich selber wusste, dass Herbert vom Basen fasziniert war. Dass er ein unsicherer Springer war, wusste ich nicht. Andi sah, dass Herbert nicht beständig war, dass auf sehr gute Sprünge mässige folgten. Er glaubte, dass Herbert den Knopf auftun werde. Aber letztlich war Herbert ein sehr intelligenter Mensch. Er wusste, was er tat, und gesprungen ist nur einer: er selber.

Wissen Sie, was genau passierte?
In diesem Video sieht man die Schieflage, die er beim Abspringen hat.

Dieses Video wirkt so unschuldig. Sein Grauen erhält es, weil man weiss, dass es schiefgeht. Im Film schauen Sie es sich an. Ist das nachinszeniert?
Nein, ich schaue es mir da zum ersten Mal an. Ich konnte das nur, weil ich wusste, dass man einzig den Absprung sieht. Ich hatte keine Ahnung, wie ich reagieren würde, aber ich musste es sehen. Ab dem Moment eigentlich, an dem ich zufällig erfuhr, dass es existiert.

Wann haben Sie entschieden, dass aus Ihren Erinnerungshilfen ein Dokumentarfilm werden sollte?
Einen Monat nach Herberts Tod. Als ­Andreas und ich beim Absprungort die Erinnerungstafel anbrachten. Da habe ich gemerkt, dass es so viel mehr ist als nur meine Therapie- oder unsere Liebesgeschichte. Dass sich das Ganze um Fragen dreht, die alle Menschen beschäftigen. Fragen über Leben und Tod, über Selbstverwirklichung und Verantwortung, auch der Familie gegenüber.

In dieser Szene tritt Ihre dreifache Rolle besonders gut hervor. Sie sind Regisseurin, Schauspielerin und gleichzeitig Privatperson, die ihre Trauer verarbeiten und verstehen will. Wie gingen Sie damit um?
Ich habe extrem intuitiv gedreht. Über Kameraposition oder Licht machte ich mir keine grossen Gedanken. Und was dann geschah, liess ich mehr oder weniger passieren. Jedenfalls ist alles live und nichts nachinszeniert.

Ausser den Szenen, in denen Sie und Iihr Freund aufgetreten wären. Sie wählten dafür Ausschnitte aus alten Hollywoodfilmen. Die wirken fast etwas kitschig.
Die Frage war: Wie vermittelt man dem Zuschauer, was ich verloren habe? Und die Bilder mögen kitschig wirken, aber gerade deswegen stimmen sie. Es war für mich ja wie ein Hollywoodmärchen. Ich liege im Spital und bin total verknallt. Krankenschwestern sagen: Frau von Arx, wie toll, Sie lachen, dabei hatten Sie gerade eine Krebsoperation.

Woher nahmen Sie die Kraft fürs Filmen? Oder war es die Kamera, die Ihnen die Kraft gab, weil Sie sich distanzieren konnten?
Ich bin gefühlsmässig eher noch näher ran. Ich musste dem auf den Grund kommen, was Herbert gemacht hat, um die Wut zu überwinden, um zu trauern und um bis zu einem gewissen Grad verstehen zu können, was Baser antreibt.

Am Zurich Film Festival feierte Mirjam von Arx’ Film Premiere. Es flossen ­Tränen. Was die Zuschauer sahen, war kein Film über den Tod. Sie sahen einen Film übers Leben. Dessen Ursprung liegt mittlerweile vier Jahre zurück. Und auch wenn Mirjam von Arx schon tausendmal davon erzählt hat, sie macht nie den Eindruck, dass es ihr inzwischen einmal zu viel wäre. Dafür habe sie die Geschichte zu sehr geprägt, sagt die 48-Jährige. Ein Kreis schloss sich für sie, als ihr ein ­Baser dasselbe sagte wie die Ärztin vor der Operation: «Wenn du akzeptierst, dass dein Leben endlich ist, mach, was dir wichtig ist, verschiebe es nicht.» Von Arx versucht sich seither daran zu ­halten. Sie hat ein neues Glück gefunden. Mit ihrem neuen Mann hat sie zwei Kinder, von denen die neun Wochen alte Tochter gerade erwacht.

«Freifall», im Houdini 1. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.12.2014, 22:09 Uhr

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