Linksfüsser unter sich

1977 wurde die Alternative Fussballliga gegründet. In 40 Jahren hat sich vieles verändert – gewisse Ideale sind geblieben.

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Koni Frei war verunsichert. «Darf man als Linker Fussball spielen?», fragte sich der Gastrounternehmer 1976. Zusammen mit Freundinnen und Freunden aus der linken Bewegung, darunter der Anarchist Giorgio Berelli, beantwortete er sie mit Ja.

Quelle: Youtube

Das Reglement des im Jahr darauf zum ersten Mal kickenden Fortschrittlichen Schweizer Fussballverbands (FSFV) unterschied sich denn auch deutlich von jenem der Schweizer Profiliga: Schiedsrichter, einheitliche Trikots, Stollenschuhe – alles vorerst verboten. Gemischte Teams waren erwünscht. Strittige Entscheide wurden ausdiskutiert; und falls das zu nichts führte, blieb den Teams die Möglichkeit eines Sitzstreiks. Die Mannschaften trugen Namen wie Rotwy-Fahne, FC Anderscht oder FC Bakunin. Die Spiele im Juchhof oder in der Buchleren wurden von der Polizei observiert, über die Tschütteler Fichen angelegt. Zu viel linksalternative Ballung, damals.

40 Jahre später muss Mämä Sykora lachen, wenn er diese Episoden erzählt. Er sitzt im oberen Stock eines ­Industriegebäudes in Altstetten, im Büro des Fussballmagazins «Zwölf», dem er als Chefredaktor vorsteht. Für den FSFV amtet Sykora seit 13 Jahren als Präsident, jetzt steckt er in den letzten Vorbereitungen für das 40-Jahre-Jubiläum der ältesten alternativen Liga im deutschsprachigen Raum. An den Wänden hängen Bilder, daneben sind alte Trikots drapiert: Zwietracht Turicum, Dynamo Röntgen, Wacker Selnau, FC Widerstand, Schwarzrot 8000, Sputnik. 44 Teams sind im FSFV registriert, 1000 Aktive spielen mit, inklusive Senioren und Frauen. Viele Namen weisen auf die rebellischen Anfänge der Liga hin. Heute ist vieles anders beim FSFV. «Der Hype ist längst vorbei, aber die Liga funktioniert», sagt Sykora.

Mit harter Hand zum Fairplay

Als Präsident betont der 41-Jährige den Unterschied zur «gewöhnlichen» Liga. Etwa mit der dritten Halbzeit, bei der die Spieler aller Teams beim Bier zusammenkommen: Sie ist fast schon Pflicht. «Man kennt sich auf dem Rasen, das verändert auch die Spielweise», sagt Sykora. «Liebe Spieler spielen schöne Spiele», lautet der Ligakodex. Und falls der Ehrgeiz einmal zu stark durchdrückt, drohen Sanktionen: «Trikot zupfen, Schwalben oder Schiedsrichterbeleidigungen ahnden wir.» Die Fairplaywertung hat beim FSFV besonderes Gewicht. Fällt eine Mannschaft durch, wird sie in die Mangel genommen oder im Extremfall vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Die freundschaftliche Atmosphäre wird mit harter Hand durchgesetzt.

Sykora kam in den 90er-Jahren als Spieler zur Alternativen Liga, wie der FSFV genannt wird, zu Dynamo Röntgen. «Während einer Zeit, als Fussball und auch die Alternative Liga einen wahren Hype erlebten», sagt er. Zur Saisoneröffnung traten in angesagten Spunten DJs auf, Fussballbars verbreiteten sich in der Stadt und wurden zu Hotspots. Kein angesagter Beizer, der nicht in der Alternativen Liga tschuttete oder Trikots sponserte – etwas, das in den Anfangs­tagen undenkbar gewesen wäre.

«Es war eine Zeit, als sich die Gesellschaft entpolitisierte», sagt Sykora. Der Fussball wurde professioneller. Aus der Arbeiterkultur entwuchs ein Massenphänomen, bei dem plötzlich auch junge, urban geprägte Erwachsene eine Rolle spielten. Wenn auch nicht immer ironiefrei. War dieser Fussball eine frühe Hipster-Erscheinung? «Vielleicht», sagt Sykora. Wichtiger scheint ihm die WM-Teilnahme der Schweiz in den USA.

Kumpel statt Kommerz

Aus der Anfangszeit ist kein Team mehr im FSFV aktiv. Auch die teilweise radikalen Ideen mussten pragmatischen Lösungen weichen. Was blieb, ist die Idee einer alternativen Fussballkultur, die den Spass ins Zentrum stellt. Die Teams seien weniger homogen aufgestellt. «Es kommen mehr Leute aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten zusammen», sagt Sykora.

Filippo Leutenegger, der in den 70er-Jahren bei Tipp Kick Langstrasse spielte, fällt im sehenswerten Dokumentarfilm von Christoph Kohler über den FSFV, «Ein Tor für die Revolution», die Rolle des Machos zu: «Unter Männern kann man voll attackieren. Diese stetige Durchmischung ist vielleicht doch nicht so gut», sagte er damals. Eine Aussage mit prophetischem Charakter: Die Frauen schieden kurz nach der Gründung des FSFV freiwillig aus den Teams aus. Doch griff das Statement zu kurz, denn die Geschichte der Frauen beim FSFV begann erst später: Seit 2000 besteht die Frauenliga aus dreizehn Teams, auch im Vorstand spielen die Frauen eine gewichtige Rolle.

Der Blick zurück und der Besuch der Ausstellung mit Mämä Sykora legen den Schluss nahe, dass dieses auf das Zwischenmenschliche fokussierte Tschutten abseits der immer professioneller und kommerzieller werdenden Fussballrealität ein Erfolgsmodell bleiben wird. Wenn es auch ohne den rebellischen Idealismus der Gründer gänzlich undenkbar sein mag: Koni Freis Frage, ob Fussball auch für Linke ein Spass sein darf, wirkt heute natürlich absurd.


FSFV-Jubiläum, Samstag ab 16 Uhr, Badenerstrasse 849. Mit Grill, Tischfussball, Ausstellung und einem alternativen Sportpanorama: Dani Kern moderiert Zusammenfassungen von FSFV-Spielen. www.fsfv.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.06.2017, 10:55 Uhr

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