«Manchmal wurde jemand umgebracht, jetzt wollen mich alle besuchen»

Als Chrissy Angliker in die USA zog, galt das als uncool. Heute ist sie eine der aufregendsten Schweizer Künstlerinnen. Unterwegs mit ihr in Zürich, Baden und Brooklyn.

Farbkleckse sind ihr Markenzeichen: Chrissy Angliker in ihrem Atelier. Foto: Tobias Bühler

Farbkleckse sind ihr Markenzeichen: Chrissy Angliker in ihrem Atelier. Foto: Tobias Bühler

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The Great Georgiana PubDekalb Avenue, Brooklyn, New York

Chrissy Angliker hat einen Hangover und trinkt Bier. An einer Party habe sie in der vergangenen Nacht den Sohn des Regisseurs von «Die Schweizermacher» kennengelernt, erzählt sie. «Dabei habe ich den Film nie gesehen!» Als die 32-Jährige mit Anfang 20 nach Brooklyn zog, waren nicht nur dieser Stadtteil, sondern die USA überhaupt unbeliebt. «Das war in der Bush-Ära, und es galt bei meinen Freunden als völlig uncool, in die USA zu reisen.» In ihrem Wohnquartier Clinton Hill, früher Wohnort vieler bekannter Rapper, heute vornehmlich ein weisses Familienviertel mit grossen Vorgärten, hörte sie zu Beginn regelmässig Schüsse. «Manchmal wurde auch jemand umgebracht. Und jetzt sitze ich in Brooklyn, und alle wollen mich besuchen. Läck Bobby, das hat sich schon verändert.»

«Läck Bobby» sagt Chrissy, die Schweizerdeutsch mit Akzent und englischen Ausdrücken spricht, mehrfach. Sie verwendet auch Ausdrücke wie «happig», «hueregeil» und «Gopfridli». Es sind Teeniewörter aus den 90ern, die sie in der Schweiz verwendete, bevor sie 2002 in die USA auswanderte.

Chrissy arbeitet schon die Hälfte ihres Lebens als Künstlerin. Nach der Sekundarschule absolvierte sie die Kunstschule Walnut Hill an der US-Ostküste. Als Halbamerikanerin hatte sie schon immer einen Bezug zu den Vereinigten Staaten. Also verliess sie schon als Teenager «Mami und Papi» und hängte am Pratt Institute in Brooklyn eine Designausbildung an, die sie allerdings mehr als Verpflichtung ansah, um die in sie gesetzten Erwartungen zu erfüllen. «Ich spürte, dass ich wieder malen musste, und kämpfte mich in die Kunst zurück.»

Seit etwa vier Jahren kann die Winterthurerin vom Verkauf ihrer Bilder, die sie in Auftrag verschiedener Galerien in der Schweiz und New York produziert, leben. Das ist hart erkämpfte Arbeit. Denn die Wahl-New-Yorkerin verkehrt nicht in der Schweizer Kunstszene und muss im Vergleich zu ihren Altersgenossen in der Heimat ohne Kunstförderpreise über die Runden kommen. «Das war happig. Aber ich habe keine Mühe damit, tagelang ­Nudelsuppe zu essen.»

Ihre Teenie-Sprache verleiht Chrissy trotz ihrer Ernsthaftigkeit bisweilen etwas Kindliches. Und doch geht trotz ihrem ätherischen Wesen mit den langen blonden Haaren und den hellblauen Augen etwas Jungenhaftes von ihr aus: Sie trägt gerne tief ins Gesicht gezogene Baseballkappen und Männerpullover. Was auch immer sie anhat – immer entdeckt man auf ihren Kleidern oder Schuhen einen Farbklecks.

AtelierWashington Street, Brooklyn

Beim Besuch in ihrem Atelier wird klar, wie wichtig die Farbkleckse für Chrissys Arbeit sind. Ihr «Paradies» in einer ehemaligen Schleckwarenfabrik, das sie teilweise mit einem «Studiomate» teilt, ist am Boden und an der Wand mit Farbschichten und Flecken übersät. An der Decke hängen Schuhe und eine Schaukel, an der Wand stehen Bilder.

Kunst und Raum, gleichermassen von einer Farbexplosion überrollt, werden zu einem Gesamtkunstwerk. Ohne das vermalte Studio wirken Chrissys Werke beinahe heimatlos. Ein Bild ist denn auch erst reif, «wenn es ohne das Studio stark genug wirkt». Die etwa 15 Leinwände, die an der Wand lehnen, sind reif genug. Sie sollen bald in die Schweiz transportiert und Mitte August Chrissys Soloausstellung «Medium» in Baden eröffnen (noch bis zum 27. September).

«Medium» zeigt mehrheitlich abstrakte, leicht verschwommene Szenen in Blau, Weiss und hautfarbenen Tönen, von denen man sofort angezogen wird. Darauf sind Leute am Wasser, im Wasser, am Strand zu sehen. Geht man näher heran, ist man plötzlich unsicher, ob man von Weitem tatsächlich eine Frau in Bikini oder einen gestreiften Liegestuhl gesehen hat. Mit der «Drip»-Technik, bei der Chrissy die Ölfarbe in dicken Strichen oder Punkten über die Leinwand fallen lässt, entsteht eine 3-D-ähnliche Struktur. Die «Bodies of Water», erklärt Chrissy, vereinten alles: Die Körper stehen am Wasser und bestehen selbst auch aus Wasser. «Und wenn man selbst ins Wasser geht, verschmilzt man mit dem Element, so wie meine Farben auf der Leinwand mit den Motiven verschmelzen.»

Wie die meisten Werke – darunter sind auch Porträtserien – bildet der «Medium»-Zyklus eine abgeschlossene Serie. Egal, was Chrissy malt – sie kann nicht auf Abruf arbeiten, sondern muss immer auf den Moment warten, «in dem sich alles aufstaut. Wenn es losgeht, male ich vier bis fünf Stunden durch, bis ich empty bin.» Ein «innerer Dialog» gibt ihr dabei den Rhythmus vor. Davor kann es sein, dass sie in ihrer «Procrastinating-Phase» stundenlang ihre geliebten Tier- oder Katzenvideos schaut, die sie von Freunden zugeschickt bekommt und auf Facebook teilt. «Ich habe ja sonst niemanden gross zum Reden im Atelier.»

SollbruchstelleWerdstrasse 126, Zürich

Die Anspannung, die Chrissy Angliker in New York etwas anzusehen war, ist verflogen. Sie weilt seit ein paar Tagen in der Schweiz und hat hier das letzte Bild für die Ausstellung beendet – eine dichte Ansammlung von Menschen am Strand. «Es ist recht chaotisch und ist in einem Zug während des Trinkens einer Büchse Red Bull entstanden», sagt die Malerin, die tagsüber in der Sollbruchstelle gearbeitet hat. Chrissy, die bereits im April für ein paar Wochen hier war, ist Teil einer Gruppe von Künstlern, die sich hier ausgetobt haben.

Wie im New Yorker Atelier hat sich auch in der Sollbruchstelle um das Bild eine eigene Welt ausgebreitet. Die Leitungsrohre hinter der Leinwand, die am Boden steht, sind weiss angemalt; ebenso der Boden, der zusätzlich mit dicken Farbpunkten versehen ist. In drei Tagen ist Vernissage, und Chrissy hat in den letzten Tagen fleissig Interviews gegeben und ihre Facebook-Seite mit Bildern von der Sollbruchstelle gefüllt.

Galerie 94Merker-Areal, Baden

Sascha Laue, der Galerist, der Anglikers Ausstellung geplant hat, berichtet, dass er an einer Eröffnung noch nie so viel verkauft habe wie bei «Medium». Bis auf zwei Bilder sei alles weg. «Dabei dauert die Ausstellung noch bis übernächste Woche!»

Bei der Finissage wird Chrissy nicht anwesend sein. Sie ist bereits wieder in New York und schickt per Facebook-Messenger ein paar Katzenvideos. Zudem berichtet sie frohlockend, sie habe mehr Platz im Atelier, weil ihr Studiopartner ausgezogen sei. «Ein Neubeginn! Jetzt habe ich gerade mein Atelier weiss gestrichen. Ich werde meinen Tempel nie mehr verlassen!» Der nächste Zyklus hat begonnen.

Medium, bis 27. 9., Galerie 94, Merker-Areal, Baden

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2015, 19:13 Uhr

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