Mobility für Kleider

Janine Häberle verleiht in ihrer Boutique Kleider. Die Idee hinter dem Konzept: Weniger besitzen, mehr teilen. Nebenbei wertet sie auch noch Textilien «made in China» auf.

«Die meisten Menschen besitzen zu viele Kleider»: Janine Häberle in ihrer Boutique an der Idastrasse. Foto: Doris Fanconi

«Die meisten Menschen besitzen zu viele Kleider»: Janine Häberle in ihrer Boutique an der Idastrasse. Foto: Doris Fanconi

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Ich besitze ein Paar knöchelhohe Turnschuhe der Marke Fred Perry. Sie waren einmal glänzend beige. Mittlerweile sind sie so schmutzig, dass sie trotz mehrmaligem Waschen nicht sauber werden. Obwohl ich sie nicht mehr trage, bringe ich es nicht übers Herz, sie wegzuschmeissen. In ihnen habe ich mehrere Tausend Kilometer in Kanada und den USA zurückgelegt.

In meiner Schuhsammlung gibt es ein Paar sehr teure Stiefeletten aus Kalbs­leder von einer japanischen Designerin. Sie sind noch so sauber wie an dem Tag, an dem ich sie gekauft habe. Sie sind eine Augenweide, aber untragbar.

Die beiden Schuhe zeigen exemplarisch, weshalb es so schwierig ist, Platz im Kleiderschrank zu schaffen. Die einen Kleidungsstücke behalten wir wegen des emotionalen Werts, die anderen «nur» wegen des materiellen.

Bleiben wir beim materiellen Wert: Was, wenn wir diese Stücke mit anderen Menschen teilten und im Gegenzug etwas dafür erhielten? «Mode teilen und erleben statt besitzen» ist die Geschäftsidee der Leihboutique Kleihd an der Idastrasse. In einem kleinen, lichtdurchfluteten Ladenlokal werden ausgesuchte Kleidungsstücke aus privaten Garderoben verliehen.

Jedem Stück seine Biografie

Die Textildesignerin Janine Häberle arbeitet Vollzeit am «Kleihd-Traum», wie sie ihn nennt, drei weitere Frauen sind Teilzeit daran beteiligt. Nach ihrem Studium arbeitete Häberle als Produkte­designerin. Die 29-Jährige realisierte, dass die Kreation neuer Produkte für sie oft im Widerspruch zum allgegenwärtigen Überfluss steht. «Die meisten Menschen besitzen zu viele Kleider. Man kann die Stücke gar nicht alle tragen», sagt Häberle. Kleihd will für Konsumfragen sensibilisieren.

Viele Kleidungsstücke bei Kleihd haben eine kurze Biografie auf der Leihetikette. «Die Geschichte zur Herkunft und Machart des jeweiligen Stücks gibt ihm einen emotionalen Wert», begründet Häberle. «Man schätzt es dann automatisch mehr.»

Pinkes Abendkleid mit Wasserfallausschnitt aus Jersey-Stoff. Eine der Initiantinnen von Kleihd hat es gespendet. Sie hat es nur ein einziges Mal als Brautjungfer getragen. Im Kleihd-Laden wurde es neu entdeckt: Eine Frau war auf der Suche nach einem Brautjungfern-Kleid.

«Das ist doch sinnvolles Teilen, nicht?», fragt Häberle und fügt an: «Gerade bei Festkleidern ist das Kaufen oft unnötig.» Kleihd konzentriert sein Angebot auf ausgesuchte Stücke. Zwar nicht ausschliesslich auf Festkleidung, aber die Teile müssen alle entweder einen ausgewählten Stoff oder einen speziellen Schnitt haben. Nebst festlichen oder ausgefallenen Kleidern sind auch Klassiker wie Blazer und weisse Blusen zu finden. «Wir möchten auch Stücke anbieten, die im Alltag getragen werden können», sagt Häberle.

In der Leihboutique wird jeweils eine Auswahl des Sortiments präsentiert, die sich «einem Thema» widmet. Für Frauen gibt es deshalb momentan Röcke und Mäntel, für Herren vor allem Jacken. Die übrigen rund 400 Teile der Kollektion sind in einem Lager in Wallisellen untergebracht. Im Frühjahr will Kleihd jedoch in ein grösseres Ladenlokal ziehen, um eine breitere Auswahl anbieten zu können.

Dunkelblauer Jupe aus Wolle. Er gehört zu einem Deuxpièces. Der Stil entspricht dem der 70er-Jahre. Die Spenderin ist über 80 und war von Beruf Schneiderin. Sie hat zeit ihres Lebens alle ihre Kleider mit viel Sorgfalt und Genauigkeit selbst genäht.

Die Kollektion von Kleihd besteht vor allem aus Spenden von Privatpersonen. Zudem werden Stücke von Designer­labels verliehen, die nachhaltig produzieren. Für jedes Stück, das man Kleihd überlässt, erhält man einen Coupon mit der Aufschrift «Du gibst. Wir auch.» Damit kann man sich für einen Monat etwas ausleihen. Daneben gibt es die Möglichkeit eines Monatsabonnements. Für 40 Franken kann man sich fünf Teile ausleihen. Sonst beläuft sich die Leih­gebühr pro Kleidungsstück und Woche auf 20 Franken.

Ohne Vorurteile

Kleihd geht es neben der «Reduktion von Besitz und Konsum» auch darum, eine Alternative zu Fastfashion zu bieten. «Heute sind sich die wenigsten der Wertschöpfungskette in der Textilindustrie bewusst», sagt Häberle. «Auch billig produzierte Kleidungsstücke durchlaufen diesen Prozess.»

Weisses Herren-Shirt mit einem aufgedruckten Motiv einer Szene aus der Serie «Breaking Bad». Ein Fan hat es gespendet. Das Stück hat an den Ärmeln und entlang der Nähte Falten, die mit einer speziellen Technik gemacht wurden. Made in China.

Häberle findet, dass Stücke «Made in China» nicht dem Gedanken der Nachhaltigkeit widersprechen – sofern es sich nicht um einen Neuerwerb handelt. «Wenn diese Textilien schon produziert wurden, dann sollten wir sie verwerten und auch wertschätzen.» Diese Idee wird mit einem besonderen Labeling-System unterstützt. Kleihd näht in alle Stücke das eigene Label ein. «Kennt man die Marke nicht, sucht man sich das Stück ohne Vorurteile aus.»

Meine Stiefeletten übrigens stehen seit Tagen im Flur. Ich habe es bisher nicht geschafft, mit ihnen bei Kleihd vorbeizuschauen. Mir ist nämlich eingefallen, dass ich sie mir mit meinem ersten ordentlichen Lohn geleistet habe. Vielleicht haben sie doch auch einen emotionalen Wert.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.01.2016, 21:21 Uhr)

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