Nostalgie und Koffein

Christian Forrer hat Vivi-Kola wieder zum Leben erweckt. Zum Produkt fand der Grafiker über die Etikette. Und weil Cola alleine nicht wachhält, wendet er sich auch noch dem Kaffee zu.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine bunte Weltkarte im Retrostil. Sie sieht aus, als gehöre sie einem Seefahrer. Herangezoomt: Afrika, gelb und gross in der Mitte. Von der Westküste Afrikas aus nimmt ein Schiff Kurs Richtung Amerika. «Kamerun: Das Land der Kolanüsse» steht wie von Hand hin­geschrieben.

Lange haben die Schweizer mit dieser Weltkarte «ihre» Cola in Verbindung gebracht: Vivi-Kola, der ersten Cola im Land. Die Mineralquelle Eglisau AG brachte es 1938 auf den Markt, musste die Produktion 1986 aber wegen der Konkurrenz aus den USA einstellen. Die Etiketten verschwanden für fast dreissig Jahren aus den Regalen – bis ein Eglisauer, inspiriert von ebendiesem Etikett, fand, es sei Zeit, Vivi-Kola wieder sprudeln zu lassen. «Dieses Etikett fasziniert mich seit meiner Jugend», sagt der Grafiker Christian Forrer, «da denke ich sofort an die Abenteuer von Tim und Struppi.» Er brachte das Produkt vor rund sechs Jahren wieder auf den Markt.

Damit hat Forrer eine alte Getränketradition zurück in sein Heimatdorf ­gebracht – und versucht nun, eine neue aufzubauen: ViCafé. Die Produkte haben mehr als das Koffein gemein: «Beide ­berühren die Sinne», sagt Christian ­Forrer. Riechen, Sehen, Hören, Tasten, Schmecken.

Riechen

In der ehemaligen Schalterhalle des Bahnhofs Eglisau befinden sich das Lager und die Rösterei von ViCafé. Kaffee­geruch füllt den Raum. Auf Paletten riesige Kaffeesäcke aus fernen Ländern, Tansania, Honduras, Guatemala. Mitten im Raum steht die grosse Röstmaschine. Hier, erinnert sich Forrer, habe er als Kind Billette gekauft. Erst wurde der Kaffee im Vivi-Café im Dorf geröstet. Doch mit den Mengen, die ViCafé inzwischen für den Vertrieb und die beiden Espresso-Bars am Bellevue und am Goldbrunnenplatz in Zürich benötigt, musste eine grössere Röstmaschine her. Forrer hievt einen Kaffeesack auf die Palette, während er aus seiner Vivi-Welt erzählt: Deren Geschichte erlebe man bis heute am besten im Café in Eglisau.

Sehen

Im Vivi-Café hängen alte Plakate, in einem kleinen Glaskasten stehen die ersten Vivi-Flaschen. Vivi-Kola war früher als Rennfahrerbier bekannt, erzählt Forrer, weil die Mineralquelle Eglisau AG Sponsor der Tour de Suisse war. Es gibt ein paar wenige Tische und eine kleine Bar. Daneben steht noch die alte, inzwischen zu kleine Röstmaschine; hier werden die Bohnen für die Bar täglich frisch geröstet. Zum Beispiel gerade jetzt: Stefan Forrer, Christians Cousin, macht das. Er füllt Bohnen in ein tankartiges Gefäss, in dem sie geröstet werden. Im Tank gibt es einen Stöpsel, den man während der Röstung in kurzen Abständen herauszieht, um die Farbe der Bohnen zu kontrollieren.

Tasten

Christian Forrer war als Werbegrafiker und Verpackungsgestalter tätig. «Für mich stand das Greifbare im Beruf immer im Vordergrund.» Das sei ihm so richtig bewusst worden, als er sich kurzzeitig selbstständig machte und als Grafiker für die Finanzindustrie tätig war: «Das Resultat der Arbeit war plötzlich nicht mehr greifbar.» Mit Vivi wollte er wieder reale Produkte kreieren: Kaffee und Kola herstellen, Verpackungen und Etiketten dafür gestalten.

Hören

Christian Forrer hob aus seiner Jugend ein Vivi-Plakat und ein Vivi-Kola-Fläschli mit der farbigen Weltkarte als Etikette auf. Einem Freund von ihm fiel beim Betrachten der Stücke ein, wie er in einem Restaurant mitbekommen hatte, dass die Mineralquelle in Eglisau wieder in Betrieb genommen werden soll. Das brachte die Frage auf, wem die Rechte der Marke Vivi-Kola gehören. Forrer recherchierte: Zu einem Teil einem Anwalt aus Zürich, zum anderen Feldschlösschen. «Ich musste vier Jahre warten, bis die Rechte freigegeben und die Marke an mich abgetreten wurde», fasst Forrer den Prozess zusammen. Im Detail war die Sache komplizierter und mit viel Bürokratie verbunden gewesen.

Schmecken I

Das Originalrezept von Vivi-Kola fand Forrer im Eglisauer Dorfmuseum. Die Herausforderung: ein so altes Rezept mit heutigen Zutaten zu mischen. «Der Geschmack der Produkte verändert sich mit der Zeit», sagt Forrer. Es sei eine Tüftelei gewesen, bis es nach Cola geschmeckt habe. Zwei ehemalige Mitarbeiter der Mineralquelle Eglisau testeten schliesslich das «neue» Vivi-Kola. Die beiden hatten den Geschmack des Originals noch im Gaumen. «Nach dem ersten Schluck schwiegen sie und schauten sich an», erzählt Forrer. Die Nervosität stieg. «Dann sagten sie: Isch guet.» Als gebürtiger Eglisauer wusste er, dass viele in der Gemeinde an der Marke hängen. Deshalb war ihm die Meinung dieser Menschen wichtig. Was er auch wusste: Mit Nostalgie alleine kann man nicht überleben. Er brauchte ein weiteres Produkt. Ihm fehlte aber die Idee.

Schmecken II

Christian Forrer lebte eine Zeit lang in Südafrika. «Dort werden die Kaffeebohnen meistens direkt in den Cafés geröstet.» Er probierte in jedem Café eine andere Sorte, in einem Lokal kam er mit einem Kaffeeröster ins Gespräch, der ihm die wichtigsten Schritte beim Rösten erklärte. Hier entstand die Idee: Kaffee, Kola, Koffein – das könnte passen. Zudem stammen Kaffee und Kolanüsse aus Afrika. Er fragte den Kaffeespezialisten, ob er Lust hätte, ihm in der Schweiz das Kaffeerösten beizubringen. Er hatte.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.02.2016, 22:51 Uhr)

Artikel zum Thema

Vivi Kola verkauft sich viel besser als erwartet

Das im Juni wieder lancierte Getränk aus Eglisau ist erfolgreich in die erste Saison gestartet und mittlerweile auch ausserhalb der Region erhältlich. Nur die Schliessung des Thurella-Abfüllbetriebs trübt die Euphorie. Mehr...

Unterländer Kultgetränk kehrt zurück

Christian Forrer aus Eglisau bringt nach 26 Jahren Vivi-Kola wieder auf den Markt. Abgefüllt werden die Flaschen von der Firma Thurella. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Sponsored Content

Design Sackmesser

Weil Sie sowieso nie wissen, was Sie schenken sollen.

Die Welt in Bildern

Hart am Wind: Taifun Megi wütet im Osten Taiwans mit starkem Regen und noch stärkerem Wind. (27. September 2016)
(Bild: Ritchie B. Tongo (EPA, Keystone)) Mehr...