Ordnung muss sein

Einen Augenblick lang den Sack mit den Flaschen am falschen Ort stehen gelassen, und schon ist es passiert: Der Ordnungshüter ahndet wegen illegaler Abfallentsorgung.

Warnung! Hier einen Sack mit PET-Flaschen zu deponieren oder auch nur zwischenzulagern, kann Sie teuer zu stehen kommen. Foto: Dominique Meienberg

Warnung! Hier einen Sack mit PET-Flaschen zu deponieren oder auch nur zwischenzulagern, kann Sie teuer zu stehen kommen. Foto: Dominique Meienberg

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Es ist so eine Sache mit Autoritäten, es gibt bekanntlich die glücklichen, die man auch «natürliche Autoritäten» nennt – und die von Amtes wegen. Sicher ist, dass Kinder erst einmal nicht zwischen beiden unterscheiden: Amtsträgerinnen und -träger wie Lehrerinnen oder Polizisten haben per se ihren Respekt; ja, ein Erstklässler empfindet geradezu Ehrfurcht, wenn der Verkehrspolizist im Schulzimmer steht und ihm und seinen Gspäändli erklärt, wie sie ­ordentlich über die Strasse zu gehen ­haben. Vor der Pubertät würde ihm nie in den Sinn kommen, die Autorität zu hinterfragen. Das ist gut so.

Umso mehr verblüfften mich die Tränen meiner zehnjährigen Tochter, die flossen, weil sie bereits vor ihrer Pubertät einen reiferen Begriff von Autorität entwickeln musste. Und das kam so: Wir waren mit ihrer Mitschülerin auf dem Weg zur Schule, und ich mahnte beide zur Eile, weil wir uns beim Mittagessen vertrödelt hatten und der Nachmittagsunterricht gleich begann. Ich wollte sie die ersten hundert Meter begleiten und stellte die zwei Säcke mit Plastikflaschen kurzerhand bei den Glascontainern an der Ecke ab, um einen richtigen Sprint mit den beiden hinlegen zu können. Den Mädchen erklärte ich, dass ich die Säcke in wenigen Minuten wieder mitnehmen würde, um sie in der Migros Enge zu entsorgen – jetzt aber gehe es erst mal darum, Tempo vorzulegen, damit sie wegen Zuspätkommens keine Strafbohne im Klassenzimmer abgeben müssten.

Doch dazu kam es nicht; keine zehn ­Meter weiter nämlich baute sich Polizist XY von der Wache Enge breitbeinig auf und herrschte mich ohne Grussformel sicherheitshalber gleich zweimal hintereinander an: «Zeigen Sie Ihren Ausweis!» Ich kramte diesen brav hervor, nicht ohne zu fragen, warum. Seine ­Antwort war, und auch diese wiederholte er mehrmals mit der Emsigkeit des Ordnungshüters, der auch in der Entropie des Alltags noch eine kolossale, die Weltfundamente erschütternde Unordnung wittert: «Ich werde Sie verzeigen!»

«Tatbestand erfüllt»

Er erklärte, ich hätte illegal Abfall entsorgt, und das müsse geahndet werden. Womit er, finde ich, recht hat – wenn ich das denn getan hätte. Daher erklärte ich ihm meine, wie ich meinte, plausiblen Gründe vor den staunenden Mädchen. Ich konnte in ihren Gesichtern lesen, dass dieser Polizist auftrat, wie er auftrat, weil ich eine Verbrecherin war! Was sie noch eine Minute zuvor nicht einmal geahnt hatten. Nun erwiderte ebenjener Polizist auch noch sehr barsch auf meine Entgegnung, meine erste Priorität sei das pünktliche Eintreffen der Mädchen gewesen: «Die sind doch längst alt genug, um allein zu gehen!» Was die beiden noch mehr staunen machte, denn offenbar wusste ich als Mutter selbst darüber nicht allein zu entscheiden.

Meine Nachbarin ging zufällig vorbei, entsetzt vom Verhalten des Ordnungshüters, wie sie mir später sagte; sie nahm die Mädchen mit, damit ich Polizist XY weiterhin meine lauteren –zumindest nicht unlauteren – Absichten erläutern konnte. Aber mehr als «Ich werde Sie verzeigen!» war aus ihm nicht herauszuholen.

Als liege es auf der Hand, dass Autoritäten die ­Lügen anziehen wie die Glascontainer den woanders zu entsorgenden Müll.

Am selben Tag rief ich bei der Stadtpolizei an, um mich über sein Betragen zu beschweren. Zu petzen, mögen Sie sagen, aber ich habe meine Pubertät nun mal schon einige Jahrzehnte hinter mir – und damit auch das Hinterfragen von Autoritäten über Jahre eingeübt –, und ich wollte in dieser Hinsicht wenigstens noch das Beste daraus machen: meiner Tochter zeigen, dass man sich wehren kann und sollte, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt.

Ein paar Tage später hörte sich der Mann bei der Stadtpolizei, der für «Feedbackmanagement» zuständig ist, den Lauf der Ereignisse an. Er versprach, der Sache nachzugehen, machte aus seinem Herzen jedoch keine Mördergrube, als er sagte: «Der Kollege XY hatte wahrscheinlich einen schlechten Tag.» Und es sei nicht zu leugnen, dass ich den «Tat­bestand» erfüllt habe.

Auf meinen Einwand, dass ein er­fahrener Polizist in seinen Fünfzigern über gesunden Menschenverstand und Augenmass verfügen müsse, also doch sicher gelernt habe, die Ehrlichen und die Verlogenen wie die Spreu vom Weizen zu trennen, folgte seine prosaische Antwort: «Was meinen Sie, wie oft wir täglich angelogen werden!» Als liege es auf der Hand, dass Autoritäten die ­Lügen anziehen wie die Glascontainer den woanders zu entsorgenden Müll.

Brief an Richard Wolff

Weil ich es noch immer nicht lassen konnte, schrieb ich der obersten Auto­rität in solchen Fragen: Polizeichef ­Richard Wolff. In seinem Brief ein paar Wochen darauf antwortete er, er habe sich erkundigt, und der Polizist XY habe sich «gemäss seinen Aussagen auf eine knappe und unmissverständliche Konversation beschränkt». Zwar sah er wie auch sein Mitarbeiter vom «Feedbackmanagement» eine «unnötige Aussage» darin, dass die Mädchen «alt genug seien, um den Schulweg allein in Angriff zu nehmen», und drückte sein Bedauern darüber aus. «Aus Gründen der Ge­waltentrennung» stehe es ihm aber nicht zu, «den vom Polizeiangehörigen an­gezeigten Sachverhalt zu beurteilen».

Womit die Sache mit der Autorität ­geklärt ist. Aber auch ich habe meine Hausaufgaben gemacht, der Autorität Genüge getan und die 370 Franken für Busse plus Gebühren plus Auslagen bezahlt. So renitent aber bin ich doch, hier zu gestehen, dass mich jeder einzelne Taler schmerzt, wenn ich mich daran erinnere, wie meine Tochter abends vor dem Schlafengehen an jenem Tag, da ich vor ihr zur Lügnerin und Büsserin gemacht wurde, heulte und sagte, sie habe solche Angst vor der Polizei. Nun hoffe ich, der nette Verkehrspolizist aus un­serem Quartier wird die Sache mit der ­Autorität bei ihr wieder richten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2017, 19:27 Uhr

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