Stadtbienen braucht das Land

Bestäuben ist ihr Business: Tom Strobl und Claudio Sedivy ersetzen fehlende Honig- durch Wildbienen. Die Tiere werden auf Balkonen gezüchtet, bevor sie auf Obstplantagen exzellente Arbeit verrichten.

Bringen Bienen unter die Leute: Tom Strobl (l.) und Claudio Sedivy. Foto: Reto Oeschger

Bringen Bienen unter die Leute: Tom Strobl (l.) und Claudio Sedivy. Foto: Reto Oeschger

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Das weltweite Sterben der Honigbiene beunruhigt – die Sorge ist nicht unberechtigt. «Ein Drittel aller Lebensmittel ist auf die Bestäubung durch Insekten, vor allem Bienen, angewiesen», sagt Tom Strobl. Zusammen mit seinem Studienkollegen Claudio Sedivy will er diesem Bienensterben nicht mehr länger bloss tatenlos zuschauen. Die beiden Biologen haben im vergangenen Jahr das Unternehmen Wildbiene + Partner gegründet. Es ist ein ETH-Spin-off mit Sitz im Viadukt, dass sich auf einen speziellen Bestäubungsservice konzentriert.

Statt auf die Honigbiene setzen die beiden Zürcher Jungunternehmer Sedivy und Strobl auf die gehörnte Mauerbiene, die sie für das Bestäuben von Obst- und Beerenplantagen einsetzen. «Die Mauerbiene ist eine ausgezeichnete Bestäuberin von Kern- und Steinobst», sagt Tom Strobl. «Sie lebt nicht in einem Volk, sticht nicht, produziert aber auch keinen Honig.» Allerdings liebe sie Obstblüten und bestäube diese im direkten Vergleich bis zu 300-mal effizienter als die Honigbiene.

Private als Züchter

Das Geschäftsmodell: Privatpersonen werden als Züchter angeworben, in dem sie eine Wildbienenpartnerschaft eingehen. Das funktioniert so: Als Wildbienengotte oder -götti bestellt man bei den beiden Zürchern ein Bienenhäuschen, ein «BeeHome», das je nach Modell 120 oder 175 Franken kostet. Der ideale Standort für ein solches Häuschen ist eine witterungsgeschützte und trockene Hauswand auf dem Balkon, im Garten oder auf der Dachterrasse.

Im Häuschen selber befindet sich eine kleine Startpopulation aus 15 Mauerbienenkokons. Jeder dieser ungefähr erdnussgrossen Kokons enthält eine voll entwickelte Mauerbiene im Stadion der Winterruhe. Im Frühling schlüpfen die Bienen, bestäuben die Blumen und Pflanzen der Umgebung und nisten in den Schilfrohren des Häuschens. Im Herbst können die Bienenpaten die Holzbox per Post zurück an die Firma von Sedivy und Strobl schicken. Diese bringen die Wildbienen zu den Obstbauern, deren Obstplantagen sie dann bestäuben. Den Paten wird umgehend wieder eine neue Startpopulation zugeschickt, damit der Kreislauf im Frühling wieder von vorne beginnen kann.

Alternative zu Hummeln

Seit dem Start von Wildbiene + Partner vor eineinhalb Jahren haben Sedivy und Strobl 2000 Bienenpaten gefunden, bis Ende dieses Jahres sollen weitere 1500 hinzukommen. «Unsere Züchter werden zwar nicht mit Honig belohnt, dafür erhalten sie Einblicke in die Lebensweise der Wildbienen», sagt Strobl. Gleich­zeitig würden sie mithelfen, die Bestäubungssituation in der Schweiz zu verbessern.

Die Unternehmer sind mit der Entwicklung ihres Geschäfts bisher zufrieden. Wie ist das Echo bei den Obstbauern? Im vergangenen Jahr haben die beiden in Zusammenarbeit mit dem kantonalen Obstbauberater von St. Gallen bei sechs Landwirten einen Pilotversuch auf Kirschplantagen durchgeführt. «Der Versuch verlief sehr erfolgreich. Alle Bauern machen wieder mit», sagt Tom Strobl.

Dieses Jahr dehnen sie den Versuch auf 15 landwirtschaftliche Betriebe aus. Da und dort sei schon noch Überzeugungsarbeit gefragt. Denn nicht wenige Obstbauern setzen bei Bestäubungs­engpässen nach wie vor auf Hummeln. Für Strobl ist dies in ökologischer und ethischer Hinsicht fragwürdig. «Die Hummeln werden aus dem Ausland über weite Strecken transportiert und nach ihrem Einsatz einfach entsorgt», sagt er. Die beiden Biologen sind überzeugt, dass die einheimische Mauerbiene eine nachhaltige Alternative zu importierten Hummelvölkern bietet.

www.wildbiene-und-partner.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.02.2015, 20:45 Uhr

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