Was ist das Bestechende daran?

Bei unseren Fragen zum Jahreswechsel gibt es diesmal Unterstützung von: Architekten, Majestäten, Theaterschaffenden, allem, Dadaisten, Holzflössern, ­Festbrüdern, Biertrinkern.

Endlich! Beim Züri Fäscht 2016 gibt es auch Bier von Kleinbrauereien. Foto: Keystone

Endlich! Beim Züri Fäscht 2016 gibt es auch Bier von Kleinbrauereien. Foto: Keystone

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Peter Johannes Kraska, Sie sind 2015 als König von Zürich abgetreten und haben ein Interregnum hinterlassen. ­Haben Sie inzwischen eine ­Persönlichkeit ausgemacht, die für Ihre Nachfolge tauglich wäre?
Braucht es das?

Was hat seit Ihrem Rücktritt in der Stadt geändert?
Weiss nicht.

Ein Rücktritt gibt Raum für Neues: Welche Pläne haben Sie für 2016?
Ich lasse es auf mich zukommen.

Haben Sie Ihren Rücktritt jemals bereut? Könnten Sie sich gar ein Comeback vorstellen?
Nein.
Seine Majestät Pjotr Kraska, der König von Zürich, legte an Ostern 2015 nach 35-jähriger Regentschaft seine Krone nieder. Seither lebt er als Bürger namens Peter Johannes Kraska in Zürich.


Patrick Gmür, werden in Zürich auch in diesem Jahr nur Häuser gebaut, die aussehen wie auf dem Bild oben?
Nein, kaum. Weil hier der Eingang und das Dach fehlen.

Wir nehmen an, es handelt sich um Rohbauten – wann werden die eigentlich fertiggebaut?
Ihre Annahme stimmt vermutlich. Ohne Eingang und Dach gab es hier sicher einen Baustopp.

Was ist das Bestechende daran, das uns entgangen ist?
Daran gibt es nichts Bestechendes! Gemäss PBG Paragraf 238 sind Bauten jedoch so zu gestalten, dass eine befriedigende Gesamtwirkung erreicht wird. Was wollen Sie mehr? Aber Spass beiseite! Leider gibt es in der gegenwärtigen Architekturszene tatsächlich auch die Haltung, dass die Reinheit des architektonischen Ausdrucks nur mittels der gleichmässigen Rhythmisierung von gleichen Fenstern erreicht wird – egal, welche Nutzungen sich hinter der Fassade befinden. Das birgt die Gefahr, dass die Bauten monoton und wie Klone wirken.
Patrick Gmür ist Stadtbaumeister in der Stadt Zürich.


Ralph Kühne, in welche Hecke am Seebecken werden Sie heuer einen Fluchtweg fräsen?
Die Sicherheit hat einen überaus hohen Stellenwert. Deshalb müssen auch Hindernisse wie Hecken unter die Lupe, also Säge genommen werden.

Wie erklären Sie den Leuten, dass Sie am Fest lieber mit ausländischen Biergiganten statt mit lokalen Brauern zusammenarbeiten?
Vorab: Nur die Grossbrauereien verfügen über genügend Infrastrukturen, um die Festwirtschaften ausreichend mit Tranksame zu versorgen. Deshalb sind sie eine wichtige Stütze der Festlogistik. Aber wir können mit einem Primeur aufwarten: 2016 wird es einen Festplatz mit einem Dutzend Bieren aus Schweizer Lokal- und Kleinbrauereien geben! Die Geniesserinnen und Geniesser erwartet am Züri-Fäscht eine Biervielfalt, die ihresgleichen sucht.
Ralph Kühne ist OK-Präsident des Züri-Fäscht.


Tom Emerson, wie lange schwimmt das Floss, das Sie mit Ihren ­Studenten für die Manifesta bauen?
Die Manifesta 11 beginnt im Juni 2016 und dauert 100 Tage. So lange schwimmt der «Pavilion of Reflections», der komplett aus Holz besteht, im See.

Was bedeutet das Projekt für Ihre Studierenden?
Ein Projekt auf dem Zürichsee zu verwirklichen, dem aussergewöhnlichsten öffentlichen Ort der Stadt, ist sehr aufregend. Für die Studierenden ist das eine enorme Herausforderung, aber sie sind mit Leidenschaft und Engagement dabei. Sie haben bereits ein gelungenes Design für den Pavillon entwickelt und beginnen nun mit dem Bau.

Worüber werden Sie persönlich im «Pavilion of Reflections» nachdenken?
Die möglichen Überlegungen sind vielfältig. An erster Stelle steht das Vergnügen, einen Film im See reflektiert zu sehen. Was könnte Zürich unvergesslicher machen? Als jemand, der nicht aus Zürich stammt, finde ich es bemerkenswert, wie stark See und Flüsse das Leben der Stadt beeinflussen. Mehr noch als Plätze oder Gebäude. Die Offenheit, das Licht, die in der Distanz sichtbaren Berggipfel, das frische, kalte Wasser – das gibt der Stadt einen einzigartigen Charakter. Der Pavillon wird eine Gelegenheit für die Menschen in Zürich, Kultur und See zusammenzubringen.
Der Brite Tom Emerson ist Architekt und ETH-Professor.


Barbara Ellenberger, Swissness ist gefragt – Miller’s Studio, bitte! ­Benennt ihr euer Haus 2016 ­endlich in Müllers Werkstatt um?
Dass eine Namensänderung überfällig ist, hatten auch wir erkannt. Doch Swissness ist ein schlechter Grund: Er ist englisch. So haben wir kurzerhand das Studio gestrichen und heissen nun nur noch Miller’s. Verkürzung scheint uns wenn nicht schweizerisch, dann doch zürcherisch.

Im Editorial des Programms 2016 geht es einen ersten Absatz lang um Sie. Das ist symptomatisch: Denkt ihr Theatermacher wirklich nie (oder dann nur im letzten Moment) ans Publikum? Es ist doch nichts als anständig, sich als Erstes kurz vorzustellen, wenn man irgendwo neu anfängt.

Auf welches Privileg des ­Schauspielhauses sind Sie neidisch?
Dass sie Künstlerinnen und Künstler als feste Ensemblemitglieder haben.
Barbara Ellenberger ist künstlerische Leiterin des Miller’s.


Regina Spiess, wir wollen 2016 ­endlich Erklärungen. Für alles. ­Wovon müssen wir uns in Acht ­nehmen? Vor Verschwörungstheoretikern. Sie bieten Erklärungen für das Unverständliche: Kriege, Terrorismus, Ausbeutung. So seien Kondensstreifen von Flugzeugen in Wahrheit sogenannte Chemtrails, das heisst Chemikalien, durch welche Mächte die Menschen vergiften. Diese Verschwörungstheorie enthält allerdings einen Hauch Wahrheit: Fliegen ist tatsächlich Gift für die Atmosphäre.
Regina Spiess leitet die Fachstelle Infosekta.


Adrian Notz, ist nicht genau dies das Problem?
 Ja! Wir müssen immer ganz aufklärerisch alle Probleme selber lösen, die Antwort selbst begründen und finden. Immer alles begründen! Das reicht nicht. Manchmal müssen wir es auch einfach unbegründet stehen lassen und uns auf unsere intuitiven, affektiven und sensuellen Fähigkeiten berufen können. Mit denen arbeiten und ihnen vertrauen. Nicht immer nur intellektuell begründen.

Da stellt sich natürlich schnell die Frage nach dem Gewicht einer Eule und der Grösse eines Maulwurfs. Stimmts?
Nun ja. Je kleiner der Maulwurf, desto grösser der Effekt, wenn er dann einmal etwas ausgräbt. Es ist ohnehin erstaunlich, dass er überhaupt etwas ausgräbt, da er ja blind ist. Einfach wühlen, bis er auf etwas stösst. Eulen sind ja nicht nur nicht schwer, sie machen auch keine Geräusche beim Fliegen.

Ist es nicht vielmehr so, also mehr von einem durch und durch . . . also von einem Standpunkt aus betrachtet, dass es von den Zusammenhängen des grossen Ganzen abhängt, welcher Ausschnitt uns gerade präsentiert wird – gerade auch im Bezug auf das Leben und seine Fugen?
Das ist bestimmt so, denn jeder und jede von uns ist auch nur ein Standpunkt, und so hat jede und jeder von uns auch einen eigenen Ausschnitt der Welt, vom Leben und seinen Fugen. Es ist ja überraschend, dass wir so weit gekommen sind, dass wir noch immer glauben, einander zu verstehen, und dass wir mit Worten miteinander kommunizieren.

Und das ist es dann wert, ein Jahr lang gefeiert zu werden?
Beim Feiern geht es ja immer darum, etwas in Erinnerung zu rufen und die Bedeutung dessen durch das Feiern zu verstehen. In dem Fall ist es nicht eine Frage des Wertes, sondern viel eher eine Frage des Müssens. Wir müssen ein Jahr lang feiern, damit wir uns richtig erinnern und ansatzweise die Bedeutung erfassen können. Es muss obsessiv bis zum Irrsinn bis zur Bewusstlosigkeit mit edlem Gestus und feinem Anstand gefeiert werden. Es wäre eigentlich wert, sieben Jahre gefeiert zu werden!
Adrian Notz ist Direktor des Cabaret Voltaire, Zentrum der Dada-Bewegung, die 2016 ihr 100-Jahr-Jubiläum feiert.

(Erstellt: 07.01.2016, 08:43 Uhr)

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