Zurück zur «alten Schule»

Das Altmodische als Avantgarde? Mehr Kundennähe statt Ausbau des Onlinegeschäfts? Aktuelle Konzepte von Läden wie OOR Records oder Stephan Nyffeneggers Individum verleiten zu dieser Einsicht.

Mit neuen Ideen und Gästen in die Zukunft: Stephan Nyffenegger im oberen Showroom des Individum in Wiedikon, der heuer 20 Jahre alt wird. Foto: Dominique Meienberg

Mit neuen Ideen und Gästen in die Zukunft: Stephan Nyffenegger im oberen Showroom des Individum in Wiedikon, der heuer 20 Jahre alt wird. Foto: Dominique Meienberg

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Vor einem Vierteljahrhundert wurde ein kleiner Laden an der Badenerstrasse im Kreis 4 quasi über Nacht zum Darling der Lokalmedien. Er hiess (und heisst noch) Schuhcafé, wer ihn betrat, wurde umgehend mit dem charmanten Standard «Hoi, wettsch grad es feins Käfeli?» empfangen und danach kompetent beraten. Die wenigsten verliessen das Geschäft ohne Einkauf, obwohl die trendigen Treter nicht eben günstig waren.

Die Volkswirtschaft ächzte, die Konsumstimmung war flau, im Kleingewerbe herrschte der Darwinismus. Neue, originelle Ausrichtungen waren überlebenswichtig, ein königlicher Service am Kunden Pflicht. Marco Bloch hatte dies als einer der ersten begriffen und sein Schuhgeschäft um eine Minicafeteria ergänzt – wofür er von Journalisten etwas euphorisch, aber nicht ganz unberechtigt als «Avantgardist» geadelt wurde.

Heute sind die ökonomischen Probleme noch komplexer, weil globaler. Wieder sind Detailhändler und Kleinproduzenten (heraus-)gefordert, denn in jedem Branchenzweig ist die Konkurrenz nochmals gewachsen, nicht nur zahlenmässig, auch qualitativ. Viele, deren Dienstleistungen oder Produkte es zulassen, setzen auf einen Onlineshop, das ist effizienter und günstiger: Die Ware kokettiert nicht vom teuren Ladenregal, sondern vom Desktop, ein Computerprogramm wickelt das Geschäft ab, bezahlt wird per Kreditkarte – klick, klick, klick, ist der Deal im Sack. Oder präziser: im Pack. Allerdings ist das Internetbusiness auch anonymer: kein Händedruck, kein Lächeln, kein Käfeli.

Gleichwohl ist es zur Regel geworden; von Berlin bis London, vom Big Apple bis Downtown Switzerland. Doch bekanntlich gehört zu jeder Regel die Ausnahme, das antizyklische Verhalten. Was dabei erstaunt: Sucht man dieser Tage in tonangebenden Shops der städtischen Trendkreise 3 und 4 nach solch konzeptuellen Gegenentwürfen, entdeckt man nicht etwa die Zukunft, sondern die Vergangenheit. Da gibt es keine neuartige Verkaufsutopie, dafür die Besin­nung auf bewährte Werte der «alten Schule» – die smarte Erweiterung bzw. Diversifizierung des Angebots, der persönliche Kundenkontakt, ein Topservice. Etwas überspitzt gesagt: Das «Altmodische» wird wieder zur Avantgarde, als Symbol feiert das Käfeli sein Comeback!

Reale soziale Treffpunkte

Gut erkennbar ist das im Plattenladen OOR Records, der im letzten September in Aussersihl eröffnet wurde: Auch wenn man das plötzlich wieder hoch im Kurs stehende Vinyl – es ist Herz und Seele des Shops – problemlos über das Internet verkaufen könnte, setzen die Betreiber radikal auf Kundennähe; unter anderem durch ein erfrischend unkonventionelles Rahmenprogramm, bei dem der überschaubare Laden an der Anwandstrasse dann und wann zum Konzertlokal, zum Vortragssaal, zur DJ-Bühne oder zum nicht virtuellen sozialen Treffpunkt wird.

Auch angesagte Quartierläden scheinen vom einst wegweisenden Schuhcafé-Geist inspiriert: So kann man in der gelebten Italianità des Canzoniere an der Kanzleistrasse nicht nur formidabel tafeln und ausgewählte Lebensmittel und Alkoholika erwerben, sondern auch Filme ausleihen oder tolle Musikanten beim Konzertieren bestaunen. Auf sinnige, volksnahe Anlässe als Zweitstandbein setzt auch das beliebte Feinkostgeschäft Balasso & Betulius an der Gertrudstrasse in Wiedikon: Man veranstaltet Lottoabende, Koffermärkte oder verwandelt den hinteren Ladenbereich in ein Kunsthandwerksmuseum – herzlich-herzige und haptische Augenblicke kontern die cool-kühle Touchscreen-Gesellschaft.

Eigenwilliger wird die Rückkehr der «alten Schule» in Stephan Nyffeneggers bekanntem Secondhandmöbelgeschäft Individum an der Seebahnstrasse 113 umgesetzt: Statt der gängigen Taktik seiner Branche zu folgen und den Lagerverkauf übers Internet zu forcieren, hat er seine Showroomfläche kürzlich von 200 auf 400 m2 verdoppelt, indem er die über dem bestehenden Ladenlokal gelegene Etage, die früher als Loft diente, dazugenommen hat.

Der «temporäre Gast»

Dort, sagt der 47-Jährige lachend, wolle er aber nicht nur weitere Designklassiker präsentieren, «sondern wie in den guten alten Zeiten ideell wieder mal ‹fremd­gehen›». Was er damit meint: Früher hatte er im Individum oder einer Dependance artfremde und doch zeitgeistige Anlässe wie die Gastroreihe Jet Culinaric oder die cinéma-jazzige Suitcase-Lounge durchgeführt, stets mit grossem Erfolg. Das habe ihn animiert, zum 20-Jahr-Jubiläum des Ladens wieder mal in der Mottenkiste der Ideen zu wühlen, wie er sagt. Hervorgekramt hat er ein Vorhaben, das entfernt ans Shop-in-Shop-Prinzip erinnert: Im neuen Showroom gebe es ein japanisches Zimmer, erklärt er. «Diese schicke Nische, oder, falls sie nicht passt, auch einen anderen Bereich, werde ich Accessoires- oder Kleindesign-Herstellern wochenweise zur Verfügung stellen, damit sie dort ihre Produkte anbieten oder auch mal eine Vernissage machen können.» Als weitere Idee wolle er den Individum ab Frühjahr von Zeit zu Zeit zum Platten­laden erweitern und diese Phasen mit ­speziellen Musikanlässen begleiten.

Den ersten «temporären Gast» hat er mit Manuela Eckert und deren Medusa-Taschen bereits im Japanzimmer einquartiert, im Frühling soll das kleine Thinkfink-Label seine neueste Schmuckkollektion zeigen.

Wer sich als «temporärer Gast» im ­Individum bewerben möchte, meldet sich unter: info@individum.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2015, 21:59 Uhr

Manuela Eckert ist mit ihren Medusa-Taschen derzeit Gast im Individum. Foto: Dominique Meienberg

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