Die Liebe in Zeiten des Tunnelbaus

Ein Zürcher Autor legt einen Roman über den ­Gotthard-Basistunnel vor. Reines Marketing?

Die Arbeit im Tunnel macht den Protagonisten des Buches einsam. Foto: Reto Oeschger

Die Arbeit im Tunnel macht den Protagonisten des Buches einsam. Foto: Reto Oeschger

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Die Erzählung «Begegnung in der Unterwelt» trägt den Untertitel «Der Gotthard-Basistunnel-Roman». Er klingt nach Marketing. Nach dem Wunsch, vom Rummel um das Megaereignis des laufenden Jahres zu profitieren. Vertraut da einer der Eigenkraft seiner Erzählung nicht ganz?

Jedenfalls setzt sich der in Zürich und im Misox lebende Texter Peter Kron, geboren 1946, so selber unter Druck. Dass es sich nicht bloss um eine Art Festschrift mit den Mitteln der Fiktion handelt – diesen Verdacht muss er quasi wegerzählen.

Protagonist Fabrizio Zumstein ist Schichtführer und Sprengmeister auf der Neat-Baustelle im bündnerischen Sedrun. Symbolhafter kann ein Name nicht sein. Halb italienisch, halb deutsch, führt er in seiner Person – ganz wie der Tunnel – Norden und Süden zusammen. «Zumstein» passt dazu, weil der Mann tatsächlich im Fels arbeitet. Täglich fährt er mit dem Schachtlift 800 Meter in die Tiefe.

Zumsteins Frau Hanna und die Kinder sind im Unterland geblieben, während er in einer Einzimmerwohnung in der Surselva haust. Oft fühlt er sich einsam. Bis eines Tages die Geologiestudentin Iris Strub auf der Tunnelbaustelle auftaucht. Jetzt wird es strub. Sprengmeister Zumsteins frugale Welt gerät aus den Fugen. Mit 45 verliebt er sich in eine junge Frau.

Der Nagellack auf der Zehe

Es fängt harmlos an. Die beiden verabreden sich für eine Wanderung zum Toma­see. Unterwegs in den Heidelbeeren wird Strub in die Hand gestochen oder gebissen. War es ein Insekt? Eine Schlange? Jedenfalls wird ihr schlecht. Sie braucht einen Arzt.

Die Zeit scheint stillzustehen, während die zwei auf den Helikopter warten. Zumstein sitzt, sie liegt. Er hat ihr die Schuhe und Socken ausgezogen. «Ihre weissen, mädchenhaften Füsse mit dem rosafarbenen Nagellack auf der grossen Zehe wirkten erotisch auf mich», sagt er in seiner Rückblende. Gute Literatur beschwört Gefühle eigentlich eher bildhaft, statt sie zu benennen; einige Unbeholfenheiten dieser Art fallen im Text auf.

Das Spiel mit den mythischen Bildern an dieser und anderen Stellen ist nicht ohne Reiz. Seit der Bibel ist klar: Wenn ein Mann und eine Frau in der Natur allein sind und eine Schlange taucht auf, dann ist das Unheil nah. Eine Schwäche hingegen: dass die leicht delirierende Iris all die Schlangenassoziationen gleich selber aufzählt und entschlüsselt. Dass es eine Schlange war, bestätigt dann der behandelnde Arzt.

Es klingt nach Ingenieurbüro

Trotz der Einwände: Peter Kron, der Zürcher Autor, ist einigermassen stark, wo er den gereiften Mann und die jüngere Frau begleitet und ihr Zusammenkommen schildert. Aus Iris, die sich bald erholt, und Fabrizio wird aber auf Dauer nichts. Stattdessen entdeckt Gattin Hanna die Liaison und zieht sich aus der Beziehung zurück.

Das Begehren Fabrizios, seine seelische Sehnsucht, der eheliche Lustverlust sind gut eingefangen. Weniger überzeugend sind die langen Passagen, in denen Fabrizio von seinem Job im Sursilvaner Fels erzählt.

Das tönt dann nach Ingenieurbürobroschüre: «Dabei werden mit dem Bohrjumbo jeweils rund 35 Meter tiefe Löcher in die Tunnelbrust gebohrt. Diese Erkundungsbohrungen ermöglichen sowohl Aussagen über die Eigenschaften des Gesteins als auch über mögliche Wasseradern.»

Autor Kron hätte das Tunnelchinesisch mit Vorteil gekürzt oder ganz gestrichen. Aber hätte er dann von einem «Gotthard-Basistunnel-Roman» reden können?

Peter Kron: Begegnung in der Unterwelt. Der Gotthard-Basistunnel-Roman. Offizin-Verlag. Gebunden, 118 S., 24 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2016, 21:15 Uhr

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