Reumütiger Dieb bringt Beute zurück

Kürzlich hat Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtet, dass in der Zürcher Bar El Lokal eine auffällige Skulptur gestohlen wurde. Das hat offenbar auch der Täter gelesen.

Das 18 Kilogramm schwere Corpus Delicti: «Pulpopugno» des Bildhauers Jérémie Crettol. Bild: TA

Das 18 Kilogramm schwere Corpus Delicti: «Pulpopugno» des Bildhauers Jérémie Crettol. Bild: TA

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Im ersten Moment nervte sich Timo Tedaldi, als er den Plastiksack am Boden sah. «Ich dachte, die andern hätten nur halbpatzig aufgeräumt», sagt der Barchef des Zürcher El Lokal. «Weil ich zu faul war, um mich zu bücken, wollte ich ihn mit dem Fuss aufheben – was aber nicht ging, er war viel zu schwer. Und plötzlich hatte ich eine Ahnung.»

Vor zwei Monaten hatte sich im El Lokal ein Kunstraub der seltsamen Sorte ereignet. Damals fand in der Bar eine Teil des Lauterfestivals statt, vor allem bestritten von jüngeren Bands aus dem Raum Zürich. Das Publikum war entsprechend jünger als sonst, die meisten waren zwischen 18 und 25 Jahren alt. Als die letzten Gäste um halb drei Uhr morgens gegangen waren, entdeckten die Barbetreiber, dass etwas fehlte: Der «Pulpopugno», eine 18 Kilogramm schwere Skulptur, die den Tresen zierte. Ein Mischwesen aus einem Oktopus und einer Faust, gemacht aus Grauguss, einem Material, das man von Dolendeckeln kennt.

Vergebliches Warten auf die Rückkehr

Die Leute vom El Lokal waren zunächst nur überrascht, dass es jemand geschafft hatte, ein derart schweres Teil unbemerkt zu klauen. Obwohl sieben Mitarbeiter und diverse Stammgäste präsent waren. Aber allzu besorgt waren sie zunächst nicht. Schon die Vorläufer des «Pulpopugno» auf dem Tresen, zwei Figuren von Maria und Jesus, waren mehrfach gestohlen worden, doch sie wurden stets wieder zurückgebracht. Bisweilen lagen sie einige Wochen danach plötzlich in einem Plastiksack vor der Tür.

Nach Wochen vergeblichen Wartens auf eine wundersame Rückkehr des «Pulpopungo» schwand die Hoffnung im El Lokal allerdings und man wandte sich an Tagesanzeiger.ch/Newsnet, um den Kunstraub publik zu machen. Was am 1. Juli geschah. Unter anderem, indem man Mitwissern für Hinweise einen Bierpass versprach. Bildhauer Jérémie Crettol, der Schöpfer der geklauten Figur begrüsste das: «Es darf nicht sein, dass sich diese Trottel jetzt ungerechtfertigt und ungehemmt an der Skulptur erfreuen!»

Hinweis auf akademische Täterschaft

Und nun also, nur wenige Tage nach Publikation des Artikels über den Kunstraub, stupste Barchef Timo Tedaldi am späten Abend mit dem Fuss gegen einen Plastiksack, der scheinbar achtlos vor der Bar liegen geblieben war. Kurz darauf stürmte er rein ins El Lokal, wo seine Kollegen am Aufräumen waren, und rief: «Er ist wieder da! Ich schmeiss eine Runde!»

Jemand hatte den «Pulpopugno» tatsächlich retourniert, sprich: Zu vorgerückter Nachtstunde bei der Aussenbar deponiert. Dass dies heimlich und verstohlen geschah, legt die Vermutung nahe, dass es sich beim «Überbringer» mit grosser Wahrscheinlichkeit um den reumütigen Dieb handelte, der – Achtung! – aus Akademikerkreisen stammen könnte. Indiz dafür ist die Tüte, in welche die «heisse Ware» bei der Rückgabe gehüllt war – es war ein Giraffenmuster-Plastiksack des Studentenladens der Universität Zürich.

Eine Art Bekennerschreiben

Neben Mutmassungen gibt es aber auch Gewissheiten. Zum Beispiel, dass der Täterschaft eine gewisse «Originalität» nicht abzusprechen ist, denn: Zusätzlich zur Skulptur befand sich im Sack noch ein Schreiben mit dem Titel «Hallo meine lieben Barbewohner». Darin erklärt der «Pulpopugno» (beziehungsweise der gewitzte Lausbub), dass ihn nach sieben Jahren des Rumsitzens auf demselbem Fleck eine unbändige Abenteuerlust gepackt habe. Dass er nun aber die Welt (und dabei vor allem Wiedikon) gesehen habe und so glücklich und mit einigen Prellungen auf weitere sieben Jahre ins schöne El Lokal zurückkehre.

Damit, eine weitere Gewissheit, ist klar, dass der Dieb unseren Artikel gelesen hat: Nirgendwo sonst war zu erfahren, dass die Skulptur bereits seit 2010 auf dem Tresen rumlungerte.

Also Ende gut, alles gut? Nein, es wird wahrhaftig noch ein bisschen besser! El-Lokal-Schankwirt Viktor Bänziger wollte nämlich als zusätzliche Massnahme ein Spezialbier lancieren, dessen Etikette ein Suchaufruf mitsamt «Pulpopugno»-Steckbrief gewesen wäre... und dieses Bier wird es, notabene mit angepasster Etikette, nun gleichwohl geben – wegen der unstillbaren Freude.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2017, 08:34 Uhr

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