Eingang kommt selten allein

Der Zürcher Fotograf Christian Schwarz hat während fünf Jahren zahllose Gäste vor dem Eingang der Züri-Bar fotografiert. Denn er ahnte, dass die Bar nicht für immer offen bleibt.

Das waren noch Zeiten: Christian Schwarz vor dem mit den Jahren zur Unisex-Toilette gewordenen Damen-WC.

Das waren noch Zeiten: Christian Schwarz vor dem mit den Jahren zur Unisex-Toilette gewordenen Damen-WC. Bild: Reto Oeschger

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Das Rauchverbot hat auch seine guten Seiten: Es treibt die Menschen aus den Bars nach draussen. Vor die Kamera von Christian Schwarz. Der Fotograf lebt und arbeitet und raucht seit Jahrzehnten in der Zürcher Altstadt. Und in der Züri-Bar, der legendären Züri-Bar, die Ende 2015 schloss, lebte er irgendwie auch.

Das Rauchverbot. Es trieb Schwarz am 19. Juni 2010 einen Mann vor die Kamera, einen Töfffahrer, kurz geschorenes Haar, eine schwarze, gepolsterte Lederjacke, weisses T-Shirt mit dem Schriftzug eines Motorradherstellers darauf. Der Mann, er klaubt jetzt dann gerade eine Zigarette aus der Schachtel, lehnt gedankenversunken am Türrahmen, als Schwarz um 18.38 Uhr abdrückt. Dieses Bild war der Auslöser für eine ganze Serie von Bildern – mehr als 200 sind es, alle im Hochformat fotografiert, die Christian Schwarz in einem Buch ohne Titel zusammengefasst hat. Den Rahmen bildet stets der in Naturstein gefasste Eingang zur Züri-Bar, darin spielt das Leben – das Leben, wie es sich in der Züri-Bar abspielte. Das Cover ziert ebenfalls dieser Eingang, mit seinen Schriftzügen – und zugezogener Gittertür. Als wolle Schwarz sagen: Wer nie drin war, hat etwas verpasst.

An jenem Samstag im Juni 2010 beschlich Christian Schwarz ein leises Gefühl von Wehmut, Vortrauer quasi. Er schreibt im Editorial: «Mit der Vorahnung, dass es die Züri-Bar in dieser Form in absehbarer Zeit so nicht mehr geben könnte, entstand die Idee, die Stammgäste, das Personal und zufällige Besucher vor diesem einzigartigen Eingang fotografisch festzuhalten.»

Er sollte recht behalten: Ende 2015 schloss die Züri-Bar, ebenso das angrenzende Kontiki. Die Lokale «feierten» vergangene Woche eine kurze Wiedereröffnung und wurden besetzt; die Polizei sorgte in Vollmontur dafür, dass neben den Rauchern auch die Nichtraucher bald wieder draussen waren. Schwarz hat die Szene festgehalten – er kam auf dem Nachhauseweg zufällig vorbei.

Kriterien für eine gute Bar

Der Eingang zur Züri-Bar bekommt in Christian Schwarz’ Buch eine unwirkliche Prominenz. Er wirkt pompöser, als er in Wirklichkeit ist – das Haus ist leicht zurückversetzt, der Eingang geht eigentlich gar nicht so richtig auf den (ebenfalls bescheidenen) Platz hinaus, sondern so halb in die Niederdorfstrasse und halb in die Preyergasse. Die zum Züri-Bar-Schriftzug geschlungenen Neonröhren überschreiben jedes Bild.

Was Christian Schwarz’ Buch zeigt: Es gibt keinen typischen Züri-Bar-Besucher, keine typische Züri-Bar-Besucherin. Die Bar war vielen Heimat und stand allen offen. Jetzt sitzt Christian Schwarz mit einer Stange am Tresen der Safari-Bar. Auch ein guter Ort, findet er. Seine Kriterien für eine gute Bar: u-förmiger Tresen, damit man von überall den Überblick hat; gute Musik; Frauen können auch alleine hinein, ohne angemacht zu werden; die Bar bietet Heimat. «Wenn man sich jahrelang nicht sah, dann traf man sich in der Züri-Bar wieder», sagt Schwarz. Diese Funktion soll nun die Safari-Bar übernehmen. Jedenfalls sind Schwarz und die anderen «Ewigen», wie er jene nennt, die immer da waren und immer da sind, jetzt in der Zähringerstrasse oben anzutreffen. Die Ewigen sind natürlich auch im Buch präsent, sie sind Teil der Vielfalt, die diese Bar – glaubt man Schwarz’ Fotos im Buch – ausmachte.

Wer verkehrte denn eigentlich dort, in dieser Züri-Bar? Krethi und Plethi, richtige und lokale Prominenz – Christian Schwarz hat sie allesamt fotografiert. Brida von Castelberg, die ehemalige Chefärztin der Triemli-Maternité. Peter Johannes Kraska, der im vergangenen Jahr abgetretene Stadtmonarch von Zürich. Sexkino-Programmierer Peter Preissle mit seinen beiden Hunden (und einer Glühbirne in der Hand). Die älteste praktizierende Prostituierte der Stadt, die sich eigentlich nie fotografieren lässt, guckt am Rand eines Bildes in die Bar hinein. Der Cowboy, der Jeans im nahen VMC verkauft. Ein Töfffahrer hat sein Baby für das Bild vor den Eingang gefahren. Ein Mann posiert mit seiner Frau und seinem Kleinkind. Ein Habitué besucht die Bar mit seiner Frau und seiner Pétanque-Kugel. Ein Kurier vom Pizza-Blitz huscht durchs Bild. Einer sieht ein bisschen wie ein Bundesrat aus, also wie ein halber Bundesrat: Samuel Schmid. Der Basketball-Thomi ist ebenso abgebildet wie einige zahn- und zahllose Namenlose. Und eine Reihe Verstorbener.

Wer will eine zweite Auflage?

Christian Schwarz’ Bilder sind roh, Momentaufnahmen, manche ziemlich zufällig. In einigen Fotos leuchten Reflektoren und rote Augen auf, manchmal scheint die Sonne grell in die Gesichter, einige Bilder sind durch Seifenblasen oder Rauchschwaden hindurch gemacht; man ist versucht, «geknipst» zu schreiben – das Verb ist eine Beleidigung für jeden Fotografen. Hier soll es mehr das Unmittelbare ausdrücken. Und auf den Entstehungsprozess und dessen Beiläufigkeit hinweisen: hinstellen, abdrücken, tschüss!

150 Exemplare hat Christian Schwarz von seinem Buch gedruckt. Zu 100 Franken verkaufte er das Stück – und kaum war die Lieferung aus Deutschland eingetroffen, war das Werk auch schon vergriffen. Nun trägt sich Schwarz mit dem Gedanken, eine zweite Auflage zu drucken, unnummeriert diesmal und mit leicht angepasstem Vorwort. Er wartet noch einen Moment ab, versucht herauszufinden, ob überhaupt eine Nachfrage bestünde (unter info@christianschwarz.ch oder am Tresen der Safari-Bar nimmt er sachdienliche Hinweise entgegen).

Exemplar Nummer 112, das uns freundlicherweise zur Ansicht überlassen wurde, ist mit einer kurzen Widmung versehen. Ort und Datum: Safari-Bar, 12.1.16. Das Buch zeigt Vergangenheit, die Signatur weist in die Zukunft. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.01.2016, 14:06 Uhr)

Das erste Bild einer schier endlosen Serie: Töfffahrer, aufgenommen 2010. (Bild: Christian Schwarz © 2015, ProLitteris)

Internationale Kundschaft: Sikhs beim Besuch der Züri-Bar. (Bild: Christian Schwarz © 2015, ProLitteris)

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