Espresso. Oder ist das zu viel verlangt?

Der Zürcher Moritz Güttinger erfand eine Kaffeemaschine, die auf das Wesentliche reduziert ist. Seine Zuriga soll lediglich guten Espresso machen. Das dafür tubelisicher.

Schlicht und einfach: Die Zuriga, gebaut im Kreis 4.

Schlicht und einfach: Die Zuriga, gebaut im Kreis 4. Bild: Thomas Egli

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Meine Geschichte mit dieser Kaffeemaschine beginnt in Italien. An einem grossen Fest sitzt Moritz Güttinger vor einem Apparat, der aussieht wie ein selbstgebastelter 3-D-Drucker: Kabelbinder bündeln die Plastikschläuche, überall lampen farbige Kabel raus, die Brüheinheit ist mit Klebeband fixiert, die Schalter könnten von einer Nachttischlampe stammen. Güttinger, Lockenkopf, Brille, Fliege, lässt Espresso um Espresso raus. Eine ganze Festgesellschaft braucht Koffein. Und ich frage mich: Was hat es mit dieser gebastelten Maschine auf sich?

Moritz Güttinger, der Kopf hinter Zuriga.

Moritz Güttingers Geschichte beginnt mit einer roten Italienerin. Sie steht in seiner Küche, ist klobig, lottrig und macht manchmal (und eben nur manchmal) guten Kaffee. Das zickige Ding ist Güttingers Quelle der Inspiration: Alles was ihn an «seiner» Italienerin nervt, inspiriert ihn. Sie hat ihn ziemlich viel Geld gekostet. Zu viel, findet er, nachdem er sie in ihre Einzelteile zerlegt hat. Er gelangt zur Überzeugung: Das kann man besser. Das kann ich besser. Das war vor zwei Jahren.

Atelier ist schon fast geblufft

Heute erzählt Moritz Güttinger, 32, studierter Umweltingenieur, die Geschichte seiner Kaffeemaschine. Wir sitzen in einem heruntergekommenen Innenhof im Kreis 4. Hier hat Güttinger sein Atelier. Atelier tönt nach mehr, als es ist: Es ist ein kleiner Schreibtisch mit einem durchgesessenen Stuhl davor und jeder Menge Krimskrams in Kartonschachteln daneben. Aber: Hier wird bald die Kaffeemaschine zusammengebaut, die vor einem Jahr ihren Härtetest in Italien bestanden hat. Inzwischen ist der vermeintliche 3-D-Drucker in einem eleganten Gehäuse aus gebürstetem Stahl verschwunden, statt Plastikschaltern gibt es zwei runde Knöpfe. Und das Teil hat einen Namen: Zuriga.

Aus dem Gedanken «das geht besser» ist eine Geschäftsidee entstanden, für die heute das Crowdfunding mit exklusivem Vorverkauf startet: Eine Kaffeemaschine, Made in Zurich, unter 1000 Franken. Die ersten Zurigas werden vor Weihnachten ausgeliefert. In ihnen stecken unzählige Stunden Arbeit und ein Erbvorbezug.

Es müssen nur zwei Sachen stimmen, eigentlich

Bevor Moritz Güttinger seine rote Diva auseinanderbaute, passte er selber perfekt in seine anvisierte Zielgruppe. Er mochte Kaffee, hatte davon aber keine Ahnung. Er wusste: Dieser hier ist mir zu bitter, jener da ist mir zu sauer. Weshalb? Eben: Keine Ahnung. Der Zuriga-Besitzer sei jemand, der jeden Morgen «einfach guten Espresso möchte», sagt Güttinger. Eine Zuriga kann nur etwas, das dafür gut, konstant gut: Espresso machen. Dazu braucht es «eigentlich nur zwei Sachen», konstanten Druck (9 Bar) bei konstanter Wassertemperatur (93 Grad). Vor allem bei der Temperatur kommt es auf Nuancen an: ein bis zwei Grad sind entscheidend. Das Einfache ist dann eben doch komplizierter. Das Zuriga-System von Grund auf neu entwickeln zu lassen, hat das Aktienkapital beinahe aufgebraucht; inzwischen wurde es zur Patentierung angemeldet.

Aus einer Idee wurde ein Styropormodell, ein Prototyp, ein Haushaltgerät.

Und dann waren und sind da die Zweifler, die sich immer mal wieder zu Wort melden und die «alle ein bisschen recht haben», wie Güttinger findet. Die Zuriga ist den einen zu teuer, den anderen zu günstig oder zu reduziert. Dass er selber immer wieder Argumente für das Scheitern seines Projekts vorbringt, scheint ihn nicht weiter zu beunruhigen; im Kern, sagt er, überzeuge ihn die Grundidee jedes Mal aufs Neue. Viel Maschine für wenig Geld, ein Produkt, bei dem man weiss was man bekommt, von wem und woher: Direkt aus den Hinterhofatelier im Kreis 4. Güttinger verkauft die Maschine nur über das Internet.

Moritz Güttinger hat den Zwischenhandel ausgeschaltet. Das gilt auch bei den Einzelteilen. Er bezieht sie alle direkt. Einer im St. Gallischen fräst das Gehäuse. Einer in Herisau stellt den Wassertank aus Laborglas her. Eine Behindertenwerkstatt in Zürich drechselt den Kolbengriff. Beim Espresso kommt man dann aber doch nicht ganz um Italien herum: Die gestanzten Siebträger stammen aus einer «Bilderbuch-Fabrik» im Piemont, die in vierter Generation geführt wird. Die Pumpe stammt aus dem Grossraum Milano.

Der Stecker ist raus

Mit der Zuriga soll alles schnell und einfach gehen. Innert knapp zwei Minuten ist sie am Morgen startklar. Damit der Kaffee gelingt, braucht es bloss die richtige Menge Pulver im richtigen Mahlgrad. Natürlich funktioniert die Geschichte mit gemahlenem Kaffee aus dem Grossverteiler. Noch besser allerdings wird der Espresso mit frisch gemahlenem Kaffee. Güttinger arbeitet an einer Zuriga-Mühle, die bald auf den Markt kommen soll. Zum Verkaufsstart soll es auf der Internetseite zudem eine entsprechende Tabelle mit «Kennzahlen» geben: So viel von diesem Kaffee, so fein gemahlen gleich guter Espresso. Die Geling-Garantie quasi.

Eine Zuriga kann nur eines: Espresso.

Güttingers rote Italienerin, übrigens, steht inzwischen im Atelier. Er hat seine Quelle der Inspiration wieder zusammengeschraubt. In der Küche zuhause steht der letzte Prototyp der Zuriga, schmal und elegant. Der grösste Unterschied zur roten Zicke: Die Zuriga ist eingesteckt. Der Espresso schmeckt gut, wie damals in Italien.

Bis auf Weiteres ist die Zuriga bei Qwstion Invites, Badenerstrasse 156, ausgestellt; www.zuriga.ch

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.09.2016, 09:28 Uhr

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