Futterneid am Zürcher Sonnenberg

AL und Grüne schiessen gegen den neuen Koch des Fifa-Lokals. Damit zementieren die Nörgler nur das Bild von den lustfeindlichen Linken.

Das Politikum: Das Fifa-Lokal Sonnenberg.

Das Politikum: Das Fifa-Lokal Sonnenberg. Bild: Urs Jaudas

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Der Populismus ist ein Instrument, dessen sich gewöhnlich die Rechten bedienen. In Zürich hat kürzlich aber auch ein Grüppchen aus dem linken Spektrum dieses doch recht plumpe Werkzeug für sich entdeckt. Und so forderten Vertreter von AL und Grünen im Gemeinderat, dass die gehobene Gastronomie vom Sonnenberg zu verschwinden habe. «Diesem Treiben ist nun mit Nachverhandlungen des Baurechtsvertrages endgültig ein Riegel zu schieben», heisst es in einer gemeinsamen Motion, die es auch in den «Tages-Anzeiger» schaffte.

Schon aus der Wortwahl spricht der Futterneid. Und die Absicht, auf billige Art zu Aufmerksamkeit zu kommen. Dabei zementieren die Nörgler damit nur das Bild von den lustfeindlichen Linken. Obwohl dieses eigentlich ebenso Unsinn ist wie das Gerede, dass sich nur die oberen Zehntausend ein Dinner beim Spitzenkoch Marcus G. Lindner, dem neuen Chef des Sonnenbergs, leisten könnten. Mit Verlaub: Selbst Schüler besitzen hier ein Smartphone für 1000 Franken, und fürs eigentlich zu teure Auto oder die Thailand-Ferien muss sich der Durchschnittsbürger auch nicht öffentlich entschuldigen. Wer aber Freude an erstklassiger Küche hat und bereit ist, dafür auch etwas tiefer in die Tasche zu greifen, gilt als elitär.

Mit dem Velo ins gehobene Lokal

Dass die Bressepoularde mit Trüffel für 72 Franken in der Motion zur Illustration der am Sonnenberg herrschenden Unmoral verwendet wird, ist wenig überraschend. Den Trüffel, ob schwarz oder weiss, setzen Futterneider gerne gleich mit einer Form der Kultur, die sie nicht verstehen: jener der Kulinarik. Wenn jemand lieber gut statt billig isst, heisst das nicht automatisch, dass ihm das Geld aus den Ohren kommt. Es ist oft einfach eine Frage der Prioritäten. Nicht wenige der mir bekannten Besucher gehobener Lokale fahren dafür auf dem Velo statt im Mercedes durch die Stadt.

Im Vertrag zwischen der Stadt Zürich und der Fifa steht, dass das Leistungsangebot auf dem Sonnenberg den Bedürfnissen einer breiten Bevölkerungsschicht dienen müsse. Es ist also nicht von den Alltagsbedürfnissen dieser Schicht die Rede. Und überhaupt: Wer ist denn diese Schicht, deren Bedürfnisse die meckernden Lokalpolitiker so genau zu kennen wissen?

Zu suggerieren, dass es sich beim Sonnenberg eigentlich um eine Ausflugsbeiz handle, die durch Ränkespiele dem Volk entrissen worden sei, hat ausserdem mit der Wahrheit nichts zu tun. Das Lokal war schon lange vor der Ankunft der Fifa preislich und in Sachen Angebot seiner grossbürgerlichen Umgebung angepasst. Ich habe im alten Sonnenberg Anfang der Neunzigerjahre eine Schnupperlehre als Koch absolviert und weiss noch genau, wie ich anhand der Speisekarte ausrechnete, welchen finanziellen Schaden ich dem mit mir nicht eben zimperlich umgehenden Betrieb mittels des mir als Belohnung versprochenen Abendessens für drei Personen zufügen könnte. Die Summe, die wir schliesslich verfrassen, war auf die damalige Zeit gemünzt im ähnlichen Rahmen wie heute.

Unappetitlicher SVP-Stil

Im Interesse der Zürcher Bürger sollte es vor allen Dingen liegen, dass ihre Stadt ein breites gastronomisches Angebot besitzt. Zu diesem gehören selbstverständlich günstigere Ausflugsbeizen wie das Degenried oder der Adlisberg, aber eben auch Restaurants für besondere Gelegenheiten.

Und noch etwas sei den für einmal linken Wutbürgern gesagt: Marcus G. Lindner, dessen Verpflichtung sie im unappetitlichen SVP-Stil als «neuen traurigen Höhepunkt in der Missachtung des Volkswillens» bezeichnen, mag an seinem Beruf nicht zuletzt die Abwechslung. An seiner bisherigen Wirkungsstätte in Gstaad schickte er deutlich mehr Schnitzel und Hamburger aus der Küche als Gourmetkreationen. Schauen wir doch erst einmal, wie die neue Sonnenberg-Karte im März aussehen wird. Vielleicht steht ja sogar Wurstsalat drauf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2017, 16:44 Uhr

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