Beim Essen sind wir alle Schweine

Auch und gerade beim Essen gibt es Abgründe. Von den schauerlichsten berichtet der neueste «Züritipp»-Gastroblog.

In jedem von uns steckt ein Schwein, wenn es ums Essen geht. (Bild: ZVG)

In jedem von uns steckt ein Schwein, wenn es ums Essen geht. (Bild: ZVG)

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Als ich als Kind im Klassenlager vom Lehrer gezwungen wurde, frisch geschöpften Hüttenkäse zu probieren, musste ich mich in Sekundenschnelle übergeben. Und zwar gründlich. Mein Freund B. dagegen liebt Hüttenkäse und löffelt ihn – was ich mehr als ekelhaft finde – nur mit etwas Aromat bestreut aus grossen Plastikkübeln. Seine ganz besondere Begeisterung aber gilt den sogenannten Raclette-Hüttenkäse-Joints. Zu deren Herstellung bestreicht er erkaltenden, aber noch flexiblen Raclettekäse mit einer Schicht Cottage Cheese und rollt dieses Konstrukt analog einem Joint zusammen, ehe er reinbeisst. In meinen Augen ist das pervers, für B. wie gesagt ein Hochgenuss.

P. toppt den geschmolzenen Käse derweil gern mit zerbröselten Caramelbonbons oder Aprikosenkonfitüre, was mir zwar recht merkwürdig erscheint, aber längst nicht so schauerlich wie ihr Lieblingsfrühstück: ein mit Unmengen von Zitronensaft getränktes Durcheinander von Gurken, Tomaten und Hüttenkäse. Pfui Teufel! Aber eben: B. würde diese Ferkelei aus der Küche von P. sicher mögen.

Was den Kollegen D. angeht, sind wir uns dagegen alle einig: D. ist ein ausgewachsenes Schwein. Er führt sich nämlich regelmässig grössere Mengen Mayonnaise direkt aus der Tube zu, nicht selten ein Viertelkilo. Das Gemisch aus Eigelb, Öl und allerlei im Kleingedruckten aufgeführten Segnungen der Industriegesellschaft ist für ihn nicht einfach eine Zugabe zu Pommes frites oder Fischstäbchen, sondern ein vollwertiges Nahrungsmittel. Ein Mittag- oder Abendessen kann bei D. durchaus einzig und allein aus Mayonnaise bestehen. Weist man ihn darauf hin, dass dies doch sehr befremdlich sei, reagiert er mit Unverständnis und betont, dass kaum ein Lebensmittel so bequem zu transportieren sei und für so wenig Geld so viele Kalorien liefere wie Mayonnaise aus der Tube. Ihr Brennwert liegt bei rund 7000 Kalorien pro Kilogramm.

Haferflöckli und Zucker im Verhältnis 1:1

Natürlich habe auch ich kulinarische Vorlieben, die in den Augen anderer nichts weiter sind als Perversionen. Weil ich beispielsweise Milch auf den Tod nicht ausstehen kann, habe ich mir angewöhnt Haferflöckli und Zucker im Mischverhältnis 1:1 zu essen. Ohne jegliche Zugabe von Flüssigkeit. Probieren Sie das mal aus, das Gemisch wirkt im Mund erstaunlicherweise gar nicht trocken. Zumindest in meinem nicht.

Auch altes Brot liebe ich. Brot, das nicht einfach nur ein wenig ausgetrocknet ist, sondern hart wie Stein. Irgendwie ist sein Geschmack intensiver und die Spannung, dass einem bei jedem Bissen ein Stück Zahn abbrechen könnte, macht den Verzehr noch attraktiver. Der König unter dem harten Brot ist der harte Zopf. Woran das liegt, weiss ich nicht genau. Es könnte aber sein, dass die im Zopfteig in grossen Mengen vorhandene Butter eine Art edle Ranzigkeit entwickelt. Jedenfalls ist harter Zopf köstlich und viel zu schade für Enten oder gar bösartige Schwäne aus dem Zürichsee.

V., den man nie in der Öffentlichkeit essen sieht und der meines Wissens auch nicht kochen kann, berichtete mir im Zuge der zugegeben recht kurzen Recherche zu diesem zugegeben etwas fragwürdigen Artikel, dass es ihm Tomatenpüree aus der Tube angetan habe. Er streiche es auf Brot oder Cracker und esse dann einen Abend lang nichts anderes. Ich vermute, dass V. noch ganz andere Sachen isst, von denen er mir aber nichts erzählen will, und rufe deshalb Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf, mir Ihre kulinarischen Perversionen zu gestehen. Schreiben Sie einfach in die Kommentarspalte oder senden Sie ein Mail an gastro@zueritipp.ch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.01.2017, 15:31 Uhr

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