Eine Herzensangelegenheit aus Haut und Holz

Urs Lüthi baut Rahmentrommeln. Manchmal benutzt er sie auch – allein im Wald.

Urs Lüthi hat wenig Zeit, die Haut um den Rahmen zu spannen. Fotos: Doris Fanconi

Urs Lüthi hat wenig Zeit, die Haut um den Rahmen zu spannen. Fotos: Doris Fanconi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Urs Lüthi krempelt die Ärmel seines rot-schwarz karierten Holzfällerhemdes hoch, taucht seine Arme in eine blaue Wassertonne und hebt ein weisses Stück Gewebe hoch. Er steht in der Waschküche seines Wohnhauses im Zürcher Kreis 6, einem der Orte, an denen er seinem Hobby nachgeht; die Nachbarn haben ihn bis anhin gewähren lassen.

Lüthi taucht das Gewebe nochmals ins Wasser, windet es aus und legt es ins mitgebrachte Becken. «Sie riecht erst ein bisschen», sagt er. Sie, das ist die Damhirsch-Haut, die Lüthi am Vortag ins Wasser gelegt hat. Mindestens 24 Stunden muss er sie jeweils wässern, damit sie schön geschmeidig wird. Nach 30 Stunden würde der Verwesungsprozess einsetzen. «Und dann stinkt es wirklich, und die Haut ist für mich nicht mehr zu gebrauchen.» Aus solchen ­Häuten stellt Urs Lüthi hobbymässig Rahmentrommeln her, so wie sie für schamanistische Bräuche üblich sind.

Von Schamanen inspiriert

Es war die Ausstellung über Schamanen im Zürcher Völkerkundemuseum, die Urs Lüthi vor acht Jahren in den Bann der Rahmentrommeln gezogen hatte. Er sah die Ausschnitte des Films «Schamanen im blinden Land», sah, wie junge Männer aus Nepal, die Schamanennovizen, sich einen Baum suchten, um daraus ihre erste Trommel zu fertigen. «Das hat mich so stark berührt, dass mir die Trommeln nicht mehr aus dem Kopf gingen.» Er besuchte die Ausstellung noch drei weitere Male, schaute sich die ausgestellten Exemplare an und zeichnete sie ab. Es war die Kombination von Handwerk und Ritus, die ihn faszinierte. Ein gefällter Baum liefert das Holz für den Rahmen der Trommel, von einem erlegten Tier stammt die Haut für die Membran. Lüthi besass bereits eine maschinell gefertigte Rahmentrommel. «Diese habe ich immer als abgeschlossenes Werk betrachtet. Wie sie hergestellt wird, habe ich mir bis dahin nie überlegt.»

Obwohl er dem Schamanismus nicht wirklich zugetan war, wusste er: Er wollte selber eine Trommel herstellen, ganz nach traditioneller Art. Selber, ohne von einem Experten angeleitet zu werden, ganz nach dem «Trial and Error»-Prinzip. Dieses pflegt er seit seiner Ausbildung am Lehrerseminar. Damals versuchte er im Rahmen der Abschlussarbeit, ohne jegliche Hilfe Bronze zu giessen. Er testete, liess Fehler zu, probierte es anders, bis es gelang.

Kraftakt Esche

Es war nicht so, dass der 46-Jährige auf der Suche nach einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung war. Der Heilpädagoge, Vater dreier Kinder und Teilzeithausmann hatte ein ausgefülltes Leben. Doch das Arbeiten von Hand gefiel ihm seit seiner Kindheit. Damals hatte er schon mit Leder und Holz gewerkt, Schnitzen bezeichnete er als eines seiner Hobbys. Ebenso lange war er fasziniert von der indianischen Kultur.

Im Sommer 2007 setzte er sein Vorhaben in die Tat um, liess eine Esche fällen und bog das langfasrige Holz, nachdem er auch dies gewässert hatte. Es war ein Kraftakt sondergleichen, bis die Form hielt. «Ein Tier liess ich aber für meinen Erstling nicht schiessen», sagt er ironisch. Er bezog die Haut aus einer Gerberei. Nach vielen Stunden Arbeit tat er den ersten Schlag auf die Trommel. Sie tönte. «Nicht gut, aber sie tönte.»

«Das ging mir definitiv zu weit. Mir liegt das Handwerk der Rahmentrommeln am Herz.»Urs Lüthi

Lüthi machte sich per Youtube in der traditionellen Verschnürung kundig. An einem Markt holte er sich Tipps von einem Trommelverkäufer, gleichzeitig liess er sich von den Holzrahmen zur ­Käseherstellung inspirieren.

Mittlerweile ist er nicht nur im Biegen ein Profi. Als Formen dienen ihm Teile von Kanalisationsrohren. Er hat sie alle unter seiner Werkbank im Kellerabteil gestapelt. «Kürzlich wurde die Strasse vor unserem Haus saniert. Seither habe ich unzählige Grössen vorrätig.» Er zwingt das Brett um das Rohr in Form, verleimt und verdübelt es 14 Tage später.

30 Trommeln hat Lüthi seither her­gestellt; manchmal hat er dazu eine ­Räucherware angezündet. Seine Trommeln vermarktet er über Mundpropaganda, einige Exemplare gibt es im ­Weltmusikladen im Niederdorf zu kaufen. Ab 500 Franken aufwärts sind sie zu haben.

Lieder beim Bau

Einmal sollte er für einen Mann ein Exemplar herstellen, der in einer transzendentalen Begegnung Vorgaben von einem Schamanen bekommen hatte: Lüthi sollte sich vom Namen der Trommel inspirieren lassen und bei der Herstellung jene Lieder singen, die der Schamane den Kunden gelehrt hatte. «Das ging mir definitiv zu weit. Mir liegt das Handwerk am Herz.» Was die späteren Besitzer mit seiner Trommel anstellen, sei ihm egal, Hauptsache, sie werden gespielt. Er selbst trommelt nur selten auf seinen Kunstwerken. Doch wenn, dann richtig. «Für mich allein nachts mit Feuer im Wald», sagt er. Man zögert. Nein, es sei kein Scherz. Und er wurde nie angegangen? Lüthi lacht. «Nein.» Ein Freund habe ihm einmal gesagt, dass alle, die ihn so sähen, vor Angst davonstöben. Das sei wohl der Fall.

Auf dem Tisch im Wohngang legt Urs Lüthi die Haut aus, schneidet sie auf die Form zu und aus dem Rest eine lange Schnur. Das muss schnell gehen, damit die Haut nicht ihre Geschmeidigkeit verliert. Dann stanzt er die Löcher in den Rand, um die Membran zu spannen.

Der erfüllendste Teil seines Hobbys kommt für Urs Lüthi am Schluss. Dann nämlich, wenn er die Fäden am Holzgriff auf der Trommelunterseite festspannt. Die Griffe sind sein Stolz. In ihnen verliert er sich gerne. Stundenlang schnitzt und feilt er sie zu Blumen, Schädeln oder geometrischen Formen. Und nicht selten bestimmen sie auch die Trommelform selbst. In Planung ist eine Trommel mit elf Schädeln.

Ganz auf sein Hobby konzentrieren will sich Urs Lüthi indes nicht. «Einst hat mir ein Maler geraten: Achte darauf, dass dein Beruf immer ein wenig dein Hobby bleibt, und lass dein Hobby nie zum Beruf werden.» Daran hält sich Urs Lüthi.

Ab Samstag bis Mitte März sind einige von Lüthis Exemplaren in der Galerie Zeitpunkt in Altdorf UR ausgestellt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.01.2016, 21:18 Uhr)

Stichworte

Fachmännisch verschnürt: Eine von Lüthis Rahmentrommeln.

Das besondere Hobby
Aufruf

Mit diesem Artikel setzen wir die lose Serie über Zürcherinnen und Zürcher fort, die einem besonderen, bemerkenswerten, exotischen oder schrägen Hobby nachgehen. Solche wie der Heilpädagoge Urs Lüthi, der in seiner Freizeit schamanische Rahmentrommeln baut. Wir suchen weitere Menschen wie er, die bereit sind, ihre Faszination mit uns zu teilen.

Melden Sie sich doch bei uns per Mail (bellevue@tages-anzeiger.ch) oder per Post: Redaktion Tages-Anzeiger, Bellevue, Postfach, 8021 Zürich. Herzlichen Dank! (ema)

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Schattenspiel: Menschen kühlen sich nach einem heissen Sommertag in Madrid ab. (26. Juli 2016)
(Bild: Francisco Seco) Mehr...