Was verbindet Kunsthandel und Gottesdienst?

Fraumünster-Pfarrer Niklaus Peter hält anlässlich der Manifesta 11 im Zürcher Kunsthaus eine Predigt. Alle Wünsche des Kurators will er aber nicht erfüllen.

Kunst und Religion sind «im Ursprung miteinander verbunden», sagt Pfarrer Niklaus Peter. Foto: Thomas Egli

Kunst und Religion sind «im Ursprung miteinander verbunden», sagt Pfarrer Niklaus Peter. Foto: Thomas Egli

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Fraumünster-Pfarrer Niklaus Peter bekam schon viele Anfragen für Predigten. Diese aber – nach einer Auktion von Christie’s im Zürcher Kunsthaus einen Gottesdienst zum Thema Kunst und Religion abzuhalten – war etwas Besonderes. Als der Kurator der Manifesta 11, Christian Jankoswki, mit dieser Bitte an seine Kirchentür klopfte, war er darum nicht abgeneigt. Das Verhältnis zwischen Kunst und Religion interessiert den Pfarrer schon lange. Kunst werde erst interessant, wenn sie sich auf Sinnbestände symbolischer, menschlicher und religiöser Art konzentriere, sagt er. Es sind die Reibungsflächen, die ihn faszinieren.

Nur etwas störte Pfarrer Peter: die Idee, nicht nur zu predigen, sondern auch Gebete zu sprechen. Das, sagt er, könne man nur mit Freiwilligen in der Kirche und nicht im Kunsthaus tun. Schliesslich wolle er niemanden nötigen, einem Gottesdienst beizuwohnen.

Der Plan Jankowskis, Leute aus verschiedenen Sphären zusammenzubringen, etwa über Kunst, Religion und deren Verständnis von Werten zu sprechen, passt dem kunstaffinen Zürcher Pfarrer. Da fängt er Feuer und kommt ins Philosophieren. Kunst und Religion seien seit Urzeiten miteinander verbunden, sagt er, «das erzeugt eine interessante Spannung». Jankowskis Wunsch, die Manifesta 11 zu segnen, will er aber nicht nachkommen. «Objekte zu segnen, das ist nicht protestantisch», sagt der Kirchenmann. Zu einer Kurzpredigt und einer kleinen Zeremonie ohne Gebet sei er aber bereit. Er will aber «Nägel mit Köpfen machen, etwas Durchdachtes vortragen». Auch wenn er kein Geld bekommt für seinen Auftritt, auch keines will. Nur die Harfenistin, die er engagiert hat, soll etwas bekommen.

Zwillingsschwestern

Zu Beginn der Predigt wird Pfarrer Peter einen Psalm lesen, danach als Grundlage für die Kurzpredigt einen Paulustext: «Ich habe gepflanzt, Apollos hat bewässert, Gott aber liess es wachsen.» Da gehe es um Geistiges, um Inspiration, um Pflege und Sorge und ganz grundsätzlich um Wachstumsprozesse, sagt Peter. Das sei ein guter Einstieg, um über Kreativität, Schöpfertum, über Wertvolles und Beständiges nachzudenken. Seinen Auftritt im Kunsthaus sieht er als «Versuchsanordnung»: Was verbindet Kunsthandel und Gottesdienst?

Für Pfarrer Peter sind Kunst und Religion Zwillingsschwestern. «Keine eineiigen zwar, aber im Ursprung miteinander verbunden.» Von den Höhlenmale­reien und den prähistorischen Figurinen über mittelalterliche Kathedralkunst bis zu Barnett Newman, Mark Rothko und Gegenwartskünstlern. «Es sind geistige, existenzielle, spirituelle Erfahrungen, die in der künstlerischen Darstellung ihren Ausdruck, ihre Schönheit, ihre Wahrheit und ihre Faszinationskraft gefunden haben.» In der Kunst wie in der Religion gehe es um Dinge, die Bestand haben, «die nicht einfach verwischen wie Spuren im Sand». Manchmal vielleicht um Ewiges. Für Peter hat sich die Kunst zwar von der religiösen Auftragskunst befreit, es ist jedoch interessant, wie viel Spiritualität die moderne Kunst hat. Peter nennt Kandinsky und Chagall als Beispiele.

Da läuft etwas aus dem Ruder

Und wie nähert sich ein protestantischer Theologe dem Thema Kunst und Religion an? «Die Inspirationsquelle ist nicht die eigene Seele, das eigene Ich oder die eigene Individualität, sondern eine konkrete biblische Tradition, die wir emphatisch als Wort Gottes bezeichnen.» Inspiration sei ein geheimnisvoller Vorgang, wo jemand etwas erfahre, spüre, Gewissheit bekomme. Sowohl in der Religion wie in der Kunst gehe es um Kreativität, die in tiefere Dimensionen führen und Einblicke und Durchblicke ermögliche.

«Im Auktionshaus wird Kunst mit Sorgfalt gepflegt, die Gefahr aber besteht, dass die Kunst zu sehr zu Geld wird», sagt Peter. Gewisse Prozesse würden nicht mehr der Logik des Kunstwerks entsprechen, sondern eher der Marktlogik. «Wenn für ein Werk 300 Millionen Franken bezahlt werden und ein Menschenleben nur 8.50 Franken wert ist, dann läuft etwas aus dem Ruder, um es in japanischer Höflichkeit zu sagen.»

«Heute suchen viele Menschen in der Kunst ihr Heil.»Niklaus Peter

Auch deshalb hat er für diesen Auftritt zugesagt. Denn Peter ist überzeugt, dass Kunst und Religion «eine Affinität zueinander haben, eine spannungsvolle», die aber nicht in den gleichen Topf geworfen werden sollten. «Heute suchen viele Menschen in der Kunst ihr Heil, aber ohne die tieferen Sinndimensionen.» Kunst brauche Religion als soziale Sinnressource, und Religion brauche freie, experimentierende Kunst, damit sie nicht hart und dumm und dann gefährlich werde. Aber auch für Kunst gebe es Grenzen der Freiheit. Nicht nur in der bildenden Kunst, auch beim Theater. Peter spricht die Schmähinszenierung gegen Roger Köppel am Neumarkt an und sagt: «Grenzen gibt es dort, wo andere verhöhnt und verletzt werden.»

Moralisieren will der Fraumünster Pfarrer aber nicht. Er freut sich auf seine Rede im zum Auktionshaus umfunktionierten Kunsthaussaal. Es werde keine kirchliche Veranstaltung sein, auch wenn er ein Bibelwort auslege. Er will sensibilisieren, will, dass sich den Zuhörenden der Satz «Gott aber liess es wachsen» einpräge. Pflanzen stehe für das Kreative, Bewässern für Sorgfalt und Arbeit, aber wachsen lassen, das tue Gott.

«What People Do for Money», Kunsthaus Zürich, Montag, 30. Mai, 19.30 Uhr. Vorher findet eine Auktion von Christie’s statt. Anmelden: engage@manifesta.org. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2016, 22:11 Uhr

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