«Ich zeichne den Klang einer Person»

Künstler Tobias Gutmann reist mit seinem «Face-o-mat» in verschiedene Länder und malt abstrakte Porträts – diese seien präziser als jede Fotografie.

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Sein Atelier blüht grün. Auf dem Fenstersims steht das Mangobäumchen neben der Ananaspflanze. Sie seien eine Erinnerung an seine Kindheit auf dem Inselstaat Papua-Neuguinea, sagt der 30-jährige Zürcher Künstler Tobias Gutmann. Sein Leben gleicht verschlungenen Lianen: Kindheit in Papua-Neuguinea, Kunststudium in Bern, Zivildienst in Tansania, Masterstudium in Stockholm, Atelier in Zürich, Zeichnen auf der ganzen Welt. Er sei ein «Flexarier», sagt Gutmann über sich – in kürzester Zeit fühle er sich wohl an neuen Orten. Vor seinem Pfefferminztee steht eine himmelblau bemalte Box, die mit Kurven, Loopings und geknickten Linien versehen und gross mit «Face-o-mat» beschriftet ist.

Was ist dieser «Face-o-mat»?
Der «Face-o-mat» ist ein Nomade, der nirgends zu Hause ist und sich immer seiner Gegend anpasst. Es ist ein «Omat», also ein analoger Automat, der einen Blick auf das Gesicht des Gegenübers wirft und dieses als Momentaufnahme abbildet. Er erzählt die Geschichte eines reisenden Dings.

Das klingt jetzt sehr abstrakt.
(lacht) Ja, dabei ist das Projekt aus einem spontanen Momentum heraus entstanden: Während meines Studiums in Schweden gab es einen Markt, zu dem alle etwas beigetragen haben. Ich sprach kein Schwedisch, suchte aber nach Möglichkeiten, mit den Leuten zu interagieren: Sie zu zeichnen, war ein Mittel.

Seit rund fünf Jahren sind Sie mit dem «Face-o-mat» auf Reisen. Hat er sich in dieser Zeit verändert?
Die Box war zuerst ein Ungetüm auf Rollen, das ich wie eine kleine Orgel durch die Gegend ziehen musste. Als der «Face-o-mat» seine erste Tour machen durfte, musste er abspecken – schliesslich ist er zu einer kleinen Kartonschachtel zusammengeschrumpft.

Die Person vor dem «Face-o-mat» malen Sie nicht realitätsgetreu.
Ich bin kein Künstler, der jedes Härchen realgetreu abzeichnet. Gerade wenn du jemanden skizzierst, ist das aber die erste Erwartung des Porträtierten. Deshalb habe ich mich entschieden, meine Interpretation von dem, was ich in den Gesichtszügen sehe, zu zeichnen.

Und was sehen Sie?
Zuerst habe ich in den Gesichtern der Besucher Tier-, später Möbelsujets entdeckt. Erst nach einem Jahr wagte ich das Zeichnen reiner Gesichter. Über die Jahre hinweg merkte ich, dass es mit diesem abstrakten Skizzieren gar möglich ist, präziser zu sein als jede Fotografie.

Wie das?
Ich zeichne den Klang einer Person. Dazu versuche ich, über ihre Hautfarbe, das Make-up oder den Status hinwegzuschauen. Hinter jedem Gesicht möchte ich das Leben einer Person entdecken.

«Face-lift» oder «natürlich», «farbig» oder «schwarz-weiss» – «Face-o-mat»-Benutzer dürfen zwischen zwei Einstellungen wählen.
Was die Person auswählt, sagt viel über sie aus. Schüchterne und Vorsichtige stellen eher auf «natürlich», die Mutigen auf «face-lift». Tendenziell wählen mehr Leute «farbig». Ich glaube, wir sehen in unserer Gesellschaft «farbig» immer noch als hochwertiger an – wie beim Farbdrucker. Wer «schwarz-weiss» aussucht, tut dies bewusst. Es sind dies oft Designer und Architekten. Vielleicht sehen sie Schwarz als Statement?

Drei Minuten dauert es bis zum Porträt. Ein kurzer, aber intimer Moment.
Einige werden gehemmt, wenn sie vor dem «Face-o-mat» sitzen. Sie wissen nicht, was passiert. An jedem Ort ist die Stimmung aber eigen, das Setting entscheidet mit.

Wie meinen Sie das?
In einem Modehaus, in dem ich gezeichnet habe, war es den Besuchern beispielsweise sehr wichtig, gut auszusehen. Sie zupften ihre Haare zurecht und setzten ein künstliches Lächeln auf. Sie waren gerne im Zentrum. Als ich aber in einem Kunsthaus skizzierte, haben sich meine Gegenüber drei Minuten lang nicht bewegt. Vielleicht wollten sie selber zu Kunstwerken erstarren?

Tansania, Papua-Neuguinea, Japan, Frankreich. Der «Face-o-mat» hat vieles gesehen. Gibt es kulturelle Unterschiede?
Oft waren die Reaktionen ähnlich, aber in Tansania etwa traf ich ein paar Leute, die kein Verständnis für diese analoge Maschine hatten. Vielleicht, weil der Kontrast zu ihrer Welt nicht so stark ist: Viele beherrschen hier solche Handfertigkeiten. Vielleicht hätte hier eine auffälligere «Face-o-mat»-Maschine, mit blinkenden Lichtern und Musik ausgestattet, mehr Anklang gefunden.

Wohin wird Ihre Reise noch gehen?
Ich möchte in weiteren Ländern das visuelle Universum des «Face-o-mat» ergänzen und die Bilder in einem Buch zusammenfassen. Mein nächster Halt in der Schweiz ist Anfang April am Fumetto-Festival in Luzern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.03.2017, 22:05 Uhr

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