In der Limmat fliesst nicht nur Honig

Regula Sager hat einen Zürich-Führer mit Liebesgeschichten veröffentlicht. Das Buch der SRF-1-Frau führt zu Plätzen grosser Liebe in der Stadt.

Die perfekte Kulisse für einen Heiratsantrag: Stadtführerin und Buchautorin Regula Sager auf dem Lindenhof. Foto: Thomas Egli

Die perfekte Kulisse für einen Heiratsantrag: Stadtführerin und Buchautorin Regula Sager auf dem Lindenhof. Foto: Thomas Egli

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An jeder Ecke hat es Liebe – und sie ist anziehend. Manchmal steht sie ganz offensichtlich da, manchmal braucht es jemanden, der einen darauf hinweist: Zum Beispiel Regula Sager, 57, Pfarrerstochter, Stadtführerin und Radiostimme auf SRF 1. Die Liebe: Sager verknüpft sie auf ihren Spaziergängen durch die Zürcher Altstadt mit Liebesgeschichten. Und da gab es in dieser Stadt durchaus grosse Liebende. Besser: Liebende mit grossen Namen. Einstein, Zwingli, Mann, Pestalozzi, Varlin, Casanova. Manch einer war ein gar bescheidener Liebhaber. Und da wären wir beim Warnhinweis: «Liebesgeschichten sind nicht immer schöne Geschichten, im Gegenteil», sagt Regula Sager im Gespräch im Café Wühre. Manch eine Liebe endete mit dem Tod der Liebenden.

Die Warnung soll Ernüchterung vorsorgen; so seien Frischverheiratete nach einer Führung schon leicht enttäuscht von dannen gezogen, weil sie mehr Honig, mehr Romantik ­erwartet hätten. Oder zumindest weniger Bitteres. Dabei seien die Bitterkeit, die Enttäuschung, der Verrat Essenzen jeder guten Liebesgeschichte, findet ­Sager – jedenfalls zum Erzählen. «Und wenn man genau hinschaut, sieht man selbst in der harmonischsten Beziehung Teile, die nicht so schön sind.»

Zwingli, der schlimme Finger

Regula Sager hört man gerne reden – die Radiostimme eben. Und sie weiss, wie man Geschichten erzählt, die kleinen Anekdoten ebenso wie die grossen Dramen. Aus zehn solcher Geschichten hat sie einen Stadtführer zusammengestellt: «Zürcher Liebesgeschichten». Es sind quasi die Eckpunkte ihrer Stadtführungen – ausgebaut und ergänzt. Sie habe bei den Recherchen viel dazugelernt, erzählt Sager. So hat sie sich etwa durch die Briefwechsel zwischen Ulrich Zwingli und Anna Reinhart gelesen, hat entdeckt, dass Zwingli ein «schlimmer Finger» war. So musste er bei seiner Anstellung in Zürich versprechen, dass er sich weder an Jungfrauen noch an Nonnen vergehen würde. Dies nicht ohne Grund: An früheren Arbeitsstellen erlag er durchaus dem Reiz der Damen. In Zürich hielt er sich an sein Versprechen. Anna Reinhart war weder Jungfrau noch verheiratet: Sie war Witwe – und Ulrich war ihr ein treuer Ehemann.

Aus Zwinglis Briefen an die Zürcher Kirchenoberen spreche Schalk und Humor, sagt Sager, «der war überhaupt nicht prüde». Offensichtlich unterschied er ziemlich scharf zwischen kirchlichem und irdischem Leben. So verbot er Musik in der Kirche, wo er selber Musik liebte und mehrere Instrumente spielte.

Der Liebe den Weg gewiesen

Regula Sager moderiert seit 1996 auf ­Radio SRF 1, seit 2009 amtet sie als Stadtführerin. Für die Tour zum Thema Liebe melden sich oft Paare an, etwa nach der Hochzeit oder am Hochzeitstag, sie führt ganze Hochzeitsgesellschaften nach dem Jawort im Stadthaus. Eine häufige Klientel sind auch Polterabende von Frauen. Und nein, versichert Sager, es seien nicht jene mit den Hasenohren, die ihren Ausführungen im Niederdorf horchten . . .

Auf einem ihrer Rundgänge war die Liebe plötzlich sehr präsent: Regula Sager wurde Zeugin eines Heiratsantrags. Sie erfuhr davon, als sie dem Mann auf der Tour eine Empfehlung für einen geeigneten Antragsort geben musste. Sie riet zum Lindenhof oder Grossmünster. Als er vor der Kirche begann, ein Brieflein hervorzukramen, fragte die Frau leicht verlegen, ob Sager Bescheid wisse. Sie nickte, «ich fühlte mich aber gleichwohl etwas fehl am Platz». Sie stand etwa so unbeholfen daneben, wie er sein Gedicht vortrug. Aber er war erfolg­reich.

Im Sommer 2014 gab Regula Sager ein Interview in der «NZZ am Sonntag». Die zentrale Frage an sie als Stadtführerin war: Was tun im Sommer in Zürich? Sie gab eine Reihe Tipps – und weckte damit das Interesse des Elster-Verlags. Ihr war es wichtig, dass das Buch wirklich als ­Reiseführer funktioniert: Zu jeder ­Geschichte gehört ein Stadtplan, in dem einer oder mehrere Schauplätze eingezeichnet sind.

Auf die inneren Werte achten

Seit der Anfrage ist lediglich ein knappes Jahr vergangen – das merkt man dem Buch an. Wie war das mit der Liebe? Wer genau hinschaut, entdeckt immer auch Bitterkeit. Das typografische Chaos etwa, die eine oder andere Unsorgfältigkeit oder die Bilder: Die Schauplätze – in den meisten Fällen handelt es sich dabei um Häuser – wurden eher lieblos fotografiert. Im Fall der Liaison zwischen Albert Einstein und Mileva Maric griff der Verlag sogar auf einen Screenshot aus Google Street View zurück; entsprechend ist die Qualität.

Man sollte – da wären wir wieder bei der Liebe – sein Augenmerk auf die inneren Werte richten. Auf die gut geschriebenen und sorgfältig recherchierten Liebesgeschichten. Auf Sätze wie: «Die Altgläubigen zerrissen sich ihre Mäuler nun erst recht über den revolutionären Priester Zwingli.» Auf die nützlichen Stadtpläne und die Hinweise, die einen die eigene Stadt neu entdecken lassen.

Bei allen Warnungen Sagers: Die Romantik kommt in ihrem Buch nicht zu kurz. Die Geschichte des Künstlers ­Varlin (bürgerlich Willy Guggenheim), der das Porträt der Hulda Zumsteg in der Kronenhalle gemalt hat, etwa ist die Geschichte über eine Liebe, der auch ein grosser Altersunterschied von 28 Jahren nichts anhaben konnte. Oder jene des Johann Heinrich Pestalozzi, der sich nach seiner Anna förmlich zerriss. Deren Herz er zuerst gewann und deren ­Eltern er schliesslich überzeugte, der Heirat (wenn auch widerwillig) zu­zustimmen. Es war eine Heirat gegen die Konventionen der Zeit, über die ­Gesellschaftsschichten hinweg. Es war eine Heirat aus Liebe! Es ist eine Geschichte, die alle Ingredienzen eines Märchens beinhaltet.

Sowieso: Manch eine Liebe, die ­Regula Sager in ihrem Stadtführer und auf ihren Stadtführungen erzählt, hat gehalten, bis dass der Tod sie schied. Stadtpräsidentin Corine Mauch schrieb im Vorwort des Buchs: «Der Macht der Liebe können und sollen wir uns nicht entziehen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.12.2015, 18:30 Uhr

Regula Sager

Zürcher Liebesgeschichten – ein Stadtführer der besonderer Art. Elster-Verlag, Zürich 2015, 160 Seiten, 28 Franken.

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