«Klar habe ich nie ein UFO gesehen»

Glenn Carter spielt im Musical «Jesus Christ Superstar» seit über zwei Dekaden den Sohn Gottes – obwohl er als Raëlist einer religiösen Bewegung angehört, die von Ausserirdischen beeinflusst ist.

Der Andersgläubige: Glenn Carter in «Jesus Christ Superstar». Foto: Pamela Raith

Der Andersgläubige: Glenn Carter in «Jesus Christ Superstar». Foto: Pamela Raith

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Es ist bald zwei Jahrzehnte her, seit der englische Sänger und Bühnenschauspieler Glenn Carter im Musical «Jesus Christ Superstar» erstmals den Jesus gab. Die Rolle wurde zum Karrieresprungbrett: Der heute 52-Jährige feierte Erfolge und Triumphe in London, später am Broadway, und im Jahr 2000, durch die Verfilmung des «Jesus»-Musicals aus der Feder von Andrew Lloyd Webber und Tim Rice, auch auf der Kinoleinwand.

Irgendwann in dieser Zeit trat Carter den Raëlisten bei. Die religiöse Bewegung – gewisse Stimmen sprechen auch von Sekte –, welche die Existenz von Gott in Abrede stellt, wurde 1973 von Claude Vorhilon gegründet. Der Franzose, vormals Testfahrer und Musiker, hatte laut eigener Aussage eine Begegnung mit einem Vertreter einer extraterrestrischen Zivilisation, der einem UFO entstiegen war. Der Ausserirdische gab Vorhilon den neuen Namen Raël, dazu detaillierte Erläuterungen über unsere Herkunft sowie Informationen darüber, wie die Zukunft der Menschheit zu organisieren sei; dazu gehört unter anderem das Klonen und die Suche nach neuen Lebenswelten im All.

Carter als Jesus auf der Bühne.

Im Jahr 2002 gab Raël der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» eines seiner seltenen Interviews, wobei er unter anderem sagte: «Meine Mutter empfing mich am 25. Dezember 1945 durch einen Ausserirdischen. An Weihnachten feiere ich zugleich meine Zeugung und den Geburtstag meines Bruders Jesus, denn wir haben denselben Vater.»

All das klingt nach einem klassischen Fall der TV-Serie «Akte X». Und überhaupt: Wie kann man auf der Bühne Jesus spielen und im Alltag Gott negieren? Da Carter ab Dienstag mit seiner Paraderolle in Zürich gastiert, haben wir mit ihm ein ernsthaftes Telefonat geführt.

Was verstehen Sie unter dem Begriff «Realität»?
Für mich gibt es zwei Arten von Realität. Die Realität der Vernunft und der Wahrheit, bei der man erkennt, was ist. Und die Realität der mächtigen Mehrheit, die bestimmt, was ist.

Sie wissen, worauf ich mit der Frage anspielen wollte?
Natürlich. Und es war eine gute Frage. Weil Sie aufzeigt, was ich zuvor andeutete: dass in der Religion die Konformisten, die in der erdrückenden Mehrheit sind, die sogenannte Realität diktieren.

Dass ein Ausserirdischer aufzeigt, woher wir kommen und wohin wir gehen sollen, klingt halt wirklich nicht sehr plausibel.
Wer die Tora genau studiert, wird dort dem Namen «Gott» nicht begegnen. Dafür wird er auf den Begriff «Elohim» treffen, in der Pluralform, die im Althebräischen mit «Die vom Himmel kamen» übersetzt wird. Deshalb negieren wir Raëlisten eine einzelne höhere Schöpferkraft, die unsere Existenz und unsere Lebenswelt erschaffen haben soll. Was uns im christlichen Sinn zu Atheisten macht. Dafür glauben wir an eine humanoide Rasse mit einem technologischen Vorsprung, die Tausende Jahre vor uns da war, und die uns Menschen erschaffen hat.

Wie wurden Sie überhaupt Mitglied dieser religiösen Bewegung?
Es war eine glückliche Fügung, ich hatte nicht danach gesucht. Im Gegenteil, ich war in einer scheinbar guten Lebensphase, hatte Erfolg auf der Bühne, Geld, Häuser, ein Boot, eine tolle Freundin. Dann stand ich eines Tages in einer Buchhandlung und blätterte in einem Philosophiebuch und fand darin Antworten auf Fragen, die mich immer beschäftigt hatten, ohne dass ich je mit jemanden darüber gesprochen hätte. Das irritierte und faszinierte mich zugleich, und als ich in diesem Buch den Hinweis auf Raël und seine Bewegung fand, ging ich der Sache auf den Grund. So begann sich mein Leben zu ändern.

Sie meinen das Privatleben, ­beruflich sind Sie sind ja nach wie vor enorm erfolgreich.
Es ist kein Vergleich mehr mit damals.

Weshalb?
Weil ich viel weniger Engagements erhalte, seit ich öffentlich gesagt hab, dass ich Raëlist bin. Vor allem die tonangebenden grossen Managements meiden mich seither konsequent. Das passierte quasi vom einem Tag auf den andern.

Wie hat man das begründet?
Es gab keine Begründung. Ich kann nur vermuten, dass man nicht weiss, wofür unsere Bewegung steht. Und das Unbekannte macht häufig Angst. Doch es ist, wie es ist, und es stört mich nicht.

Wieso nicht?
Weil ich weiss, dass ich den richtigen Weg gehe. Als Raël Mitte der 70er-Jahre seine Begegnung mit dem Ausserirdischen hatte und danach klare Voraussagen machte, klang das, was er für die Zukunft prognostizierte, für viele komplett surreal. Inzwischen sind über 70 Prozent seiner damaligen Aussagen wissenschaftlich nachgewiesen, das gilt auch für den zentralen Punkt, dass die Evolution nicht für die menschliche Existenz verantwortlich sein kann.

Sie scheinen sehr überzeugt. Gab es niemals Zweifel? Wurde Ihr Glaube an Raël nie auf die Probe gestellt?
Klar habe ich nie ein UFO gesehen, klar bin ich niemals einem Ausserirdischen begegnet, auch nicht, als ich mit Raël zusammen war, wenn Sie darauf ansprechen. Aber solche Zeichen brauche ich nicht. Mir genügen die wissenschaftlichen Erkenntnisse unserer Religion, die Auseinandersetzung mit unserer Philosophie, die übrigens abgesehen von der Mystik beinahe identisch ist mit dem Buddhismus.

Haben Sie keinen inneren Konflikt, wenn Sie Gott negieren und auf der Bühne seinen Sohn spielen?
Überhaupt nicht. Die Existenz von Jesus zweifle ich auch nicht an, er war schlicht nicht Gottes Sohn, sondern ein wichtiger Prophet seiner Zeit. Genau wie Buddha, Moses oder Mohammed. Und dass Jesus die Barmherzigkeit lehrte, in dem er das wenige Hab und Gut, das er hatte, mit andern Menschen teilte, erachte ich als etwas Grossartiges. Auch deshalb spiele ich die Rolle sehr gern: weil sie zum Nachdenken bringt, Fragen aufwirft und damit die Reflektion fördert.

Sie glauben auch in der jetzigen Zeit noch an die Kraft der Reflektion?
Absolut. Fragen aufwerfen, reflektieren, daraus Erkenntnisse ableiten, das ist die einzige Richtung, die uns weiterbringen kann. Aus diesem Grund würde ich auch nicht zögern, wenn mir jemand die Rolle Hitlers anbieten würde. Wenn ich dadurch aufzeigen könnte, wie verheerend leichtgläubig der Mensch war und ist, wäre das ein grosser Erkenntnisgewinn.

In Zürich spielen Sie nun aber ­wieder den Jesus – ist er heute noch ein Superstar, wie das Musical ­impliziert?
Auf der Musicalbühne ist er zweifellos noch immer ein Superstar. Was die Realität betrifft, hoffe ich sehr, dass er das nicht mehr sein muss. Verstehen Sie das bitte nicht falsch, es geht mir nicht um die wichtigen Werte, für die Jesus eintrat. Aber ich hoffe, dass wir beim heutigen Wissensstand keinen Propheten mehr brauchen, den wir anhimmeln.

Musical «Jesus Christ Superstar». 29. März bis 3. April, Theater 11, Zürich. www.musical.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2016, 23:05 Uhr

Glenn Carter

Musicaldarsteller und Songwriter

Glenn Carter wurde am 27. März 1964 in der englischen Grafschaft Staffordshire geboren. Er absolvierte eine Kunstschule in London, wo er sich zum Sänger, Singer/Songwriter und Schauspieler ausbildete. Bald danach bekam er erste Engagements auf den prominenten Musicalbühnen des West End. Es folgten tragende Rollen in Grossproduktionen wie «Grease», «Chess» und «Les Misérables», dazu gab er immer wieder Gottes Sohn in «Jesus Christ Superstar». Den letzten Grosserfolg feierte Carter 2008, als er im Musical «Jersey Boys» den Part des Tommy DeVito spielte. Neben den Bühnenauftritten war er auch in der britischen Polizeiserie «The Bill» zu sehen, zudem spielte er den Part eines TV-Show-Hosts im Video «Let You Go» des britischen Electronica-Duos Chase & Status. Bei der rund 1300-köpfigen britischen Raëlisten-Sektion amtet Carter seit 2002 als Präsident.

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