Man trägt wieder Loch

Die Läden pushen sie, die Jugend kauft und trägt sie, der Stilexperte findet sie «beknackt». Wo man in Zürich hinschaut: überall Jeans mit Löchern. Und die Löcher sind grösser als auch schon.

«Meine Mutter trägt sie auch»: Stimmen von der Strasse in Zürich. Video: Thomas Widmer, Lea Blum

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Die Geschichte der Menschheit lässt sich in zwei Phasen unterteilen. Phase eins dauert von der Urzeit bis in die 1960er-Jahre. In ihr tragen die Leute Kleider, bis diese kaputtgehen; alsbald flicken sie sie, soweit möglich.

In der seither andauernden Phase zwei ist das anders. Leute tragen Kleider, die von Anfang an kaputt sind – die gezielt kaputt gemacht wurden.

Und was hat das mit Zürich zu tun?

Morgens kurz vor acht Uhr am Stadelhofen. Vor einem noch geschlossenen Laden sitzen auf den Türstufen ein Junge und ein Mädchen mit kartonierten Kaffeebechern. Schüler. Ob man ihn etwas fragen dürfe, sagt man zum Jungen. Man darf. Warum hat er Löcher in den Jeans? Er lächelt und sagt: «Wir Jungen tragen im Sommer nicht sooo gern kurze Hosen.» Die Löcher seien gut, weil kühle Luft an die Beine komme.

Das Loch in der Hose als Ventilator – originell. 2016 ist in Zürich das Jahr, in dem gefühlt jede fünfte Person jugendlichen Alters Jeans mit Löchern trägt. Warum das so ist: Die Begründungen variieren. Das zeigt eine kleine Umfrage an der Bahnhofstrasse.

Löcher in der Hose seien total lässig, sagt die KV-Stiftin Selina. Aber sie dürften nicht zu gross sein, weil das billig wirke. Die brasilianische Touristin Adelia gibt an, die Löcher seien halt einfach wieder Mode, und sie folge Moden. Besonders sexy finde sie die Löcher nicht. Aber wenn ihr Freund – er steht neben ihr – auch Löcher in der Hose hätte, fände sie das voll okay.

Extremsommer 2016

Eine Frau vor dem Globus, vielleicht 30-jährig, will ihren Namen nicht angeben und hat auch keine Zeit für die Zeitung; sie sagt nur, sie arbeite in der Modebranche, und geht weiter. Die Löcher in ihrer Jeans sind so grossflächig, dass die ambitioniert gebräunten Oberschenkel perfekt zur Geltung kommen. Bei dieser Offenlegungshose ist der Stoff die Nebensache und das Loch die Hauptsache.

Der Trend zur Lochhose sei wie eine Welle, alle Jahre mal schlage er hoch, sagt Daniela Fernandes von Pepe Jeans an der Schifflände. Heuer zum Beispiel. «Diesen Sommer ist es extrem.» Ihr persönlich gefielen nur bestimmte Löcher. Dezente. Solche mit einem zweiten Stoffblätzen darunter oder mit weissen Fäden, die die Haut abdecken. «Löcher, die zu gross sind und durch die man das Fleisch sieht, mag ich nicht.»

«Es sieht relativ beknackt aus. Ich kann es nicht nachvollziehen.»Jeroen van Rooijen, Stilexperte

Die Löcher in den Jeans fielen zunehmend auf, weil sie im Laufe der Zeit immer grösser geworden seien, sagt Mark van Huisseling, Verantwortlicher bei verschiedenen Stilzeitschriften. «Waren die Löcher am Anfang so gross wie ein Einschussloch, fehlen jetzt ganze Stücke Stoff am Oberschenkel.»

Es handle sich um «angepasstes Rebellentum», sagt Kolumnist Van Huisseling. «Man gibt sich als Individualist, wird aber doch nicht richtig offensiv. Man lehnt sich latent auf, lehnt sich aber doch nicht zu weit aus dem Fenster.» Die Hosen mit den Löchern reichten ja doch bis zum Boden und seien also grundsätzlich konventionell.

«Die Löcher sind nicht ohne», sagt Van Huisseling zum erotischen Aspekt. Der Blick werde dorthin gezogen, wo der Stoff den Körper nicht decke. Mit dem Loch sei es wie mit dem Schlitz im Jupe; es funktioniere als Appetizer. Als Haut-Vorschau: «Man erhascht ein Stück Schenkel oder Knie.»

Fertigung mit dem Laser

In den Läden von Tally Weijl, also auch in Zürich, sei das Modell Skinny Denim der «Bestseller», sagt Firmensprecherin Dana Gablinger. Zwei Varianten gebe es: eine mit Löchern über den Knien, die andere mit grossflächig verteilten Löchern. Die Modelle kosten zwischen 29.95 Franken und 49.95 Franken. «Löcher sind der grosse Hype», sagt Gablinger. Sie hätten sich allmählich vom Knie über die ganze Hose ausgebreitet. Trend im Trend: «recht grosse, gleichmässig geformte runde Löcher».

Solche Hosen könnten manuell hergestellt werden oder aber maschinell mithilfe von Lasern, sagt Gablinger. Heutzutage sei die maschinelle Herstellung verbreiteter.

«Einen Schaden, der als Ästhetik empfunden wird»: So nennt die Zürcher Modemacherin Ida Gut die Jeans mit Löchern. Bis das Loch zum Modeaccessoire erhoben wurde, machte die Jeans, die im 19. Jahrhundert in Amerika geboren wurde, eine lange Entwicklung durch. Die längste Zeit war sie eine Arbeitshose. Risse, Löcher und andere Beeinträchtigungen entstanden durch natürliche Abnutzung.

Dann kamen die Hippies

Dann kamen in den 60ern die Hippies, die Freaks und die Rocker. Sie trugen ihre Jeans so lange, bis diese ausbleichten und zerschlissen; das war nun nicht mehr ein Ärgernis für den Besitzer, sondern machte diesen stolz. Je getragener die Jeans, desto kultiger.

Mit den Punks änderte sich erneut alles. Sie zogen als Pioniere des Lochs das erste Mal bewusst und gezielt beschädigte Jeans an. Die Hose mit den Löchern war Statement und Provokation, zuerst in England, später auch in der Schweiz.

Ruedi Karrer vom privaten Jeansmuseum in Zürich erzählt, wie die Löcherjeans Massenmode wurde. Das sei in zwei Schritten geschehen. In den späten 90er-Jahren gelangten die zerrissenen Secondhandjeans in die Schweiz, importiert im grossen Stil aus Holland, den USA, Kanada.

Techno verdrängte die Jeans vorübergehend. Sie kam mit Macht zurück. Die Löcherjeans stammten nun vom Balkan und aus der Türkei, waren sozusagen raffinierter zerfetzt, waren oft mit einer zweiten Unterlage Stoff versehen, die die Haut verdeckte. «So konnte man die Löcher auch an intimeren Stellen anbringen», sagt Karrer.

Zerrissene, zerfetzte, gebleichte Jeans gibt es mittlerweile in allen Varianten, manche Modeunternehmen lagern die entsprechende Bearbeitung der Hose an Spezialfirmen aus. Man spricht je nach Art und Grad der Stoffverletzung von Distressed Denim, Destroyed Denim, Extreme Rips, Busted Knees, All-over Shredded.

Modezeitschriften liefern ab und zu Anleitungen, wie man ein schönes Loch hinkriegt. Erster Schritt: mit dem Cuttermesser schneiden. Zweiter Schritt: mit Bimsstein, Schmirgelpapier oder auch der Käseraffel den Schnitt schabend erweitern, sodass er ausfranst. So kriegt man Hosen hin, wie sie zum Beispiel Kim Kardashian, Rihanna oder Selena Gomez trugen oder tragen.

Das Leichenknie

Der Punker-Protest-Gehalt des Hosenloches hat sich somit ins Gegenteil verkehrt; heute ist es Selbstfeier der Konsumgesellschaft. Nicht nur die WG-Studentin trägt Jeans mit Löchern, sondern auch die Gattin des Wirtschaftsanwalts. In einer Beilage der «Elle» heisst es: «Ein elegantes Styling gelingt Ihnen mit der Kombination von Destroyed Denim zu luxuriösen Designklassikern wie etwa einer Mini-Bag von Saint Laurent.»

Nicht alle finden Jeans mit Löchern toll. Der Stilexperte Jeroen van Rooijen sagt: «Es sieht relativ beknackt aus. Das Loch unterteilt das Bein optisch an einer nicht unbedingt günstigen Stelle. Ich kann es nicht nachvollziehen. Das sieht so aus, als sei das Knie aus der Hose geplatzt.» Van Rooijen über den Trend: «Ich hoffe, es ist bald vorbei.»

Wenn es kalt ist, sieht das Fleisch in seiner Umrahmung mit Sicherheit ungut aus. Der hervorquellende Teil des Knies: bläulich wie im Leichenschauhaus.

Bei der Zürcher Bahnhofstrasse sitzt eine junge Frau auf einer Bank vor dem Orell Füssli. Auch ihre Jeans hat Löcher. Sabina, die eben ein Studium der Publizistik und Kommunikation abgeschlossen hat, sagt, sie habe im Laden beim Kauf eigentlich fast keine Wahl gehabt. «Ich fand praktisch nur Jeans mit Löchern. Daher trage ich jetzt halt auch solche.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2016, 19:08 Uhr

Selbstfeier der Konsumgesellschaft: Die Löcherjeans. Foto: Kayla Lui (Getty Images)

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