Weg mit den Pickelgesichtern, fort mit den Betrunkenen

Die Langstrasse soll ruhiger werden. Andere Städte sind bei der Zähmung des Nachtlebens bedeutend weiter.

Bitte setzen Sie sich nicht! Mit Metallspitzen versehene Hydranten in New York. Foto: Richard Levine (Alamy)

Bitte setzen Sie sich nicht! Mit Metallspitzen versehene Hydranten in New York. Foto: Richard Levine (Alamy)

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Beschwerdetelefon, mobile Toiletten, mehr Polizei – so will die Stadtpolizei das Langstrassenquartier besser vor ­grölenden, müllenden und urinierenden Partyrüpeln schützen. Letzten Frühling hatten sich Anwohner mit ­einer Petition über den «unzumutbaren Rummelplatz» beschwert.

Falls diese Instrumente nichts nützen sollten, hilft ein Blick ins Ausland. Ordnungsliebende Stadtregierungen und Hausbesitzer haben erstaunliche Me­thoden entwickelt, um den öffentlichen Raum unter Kontrolle zu halten.

Anti-Pinkel-BelagWenn sich Wände wehren

Die Idee stammt von der Reeperbahn, der Langstrasse Hamburgs. Auch San Francisco und London testen «super­hydrophobe Lacke». Mit solchen sollen Hauswände bepinselt werden, an die ­Betrunkene häufig urinieren. Durch die Spezialbehandlung prallt der Urin so weit ab, dass die Pinkler nasse Hosen bekommen. Das Promovideo «St. Pauli pinkelt zurück» wurde zum Internethit.
Wirksamkeit: Beschränkt. Denn es gilt: Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel. Wer sich schräg gegen die Wand stellt, entgeht dem flüssigen Return.
Nachteil: Der Lack ist teuer, sechs Quadratmeter kosten fast 500 Franken.

Anti-PinkelWenn sich der WC-Gang auszahlt

Ebenfalls eine Idee aus Hamburg. Lokale in Ausgehvierteln sollen eine Anti-Pinkel-Karte verteilen. Für jeden regulären Klobesuch in Bars oder Restaurants erhält man einen Stempel auf den Schein. Wer sechs solcher Stempel vorweisen kann, bekommt ein Freigetränk.
Wirksamkeit: Noch ungetestet.
Nachteil: Die Bars müssten Leute beschäftigen, die Klobesucher kontrollieren und nach vollzogenem Geschäft mit einem Stempel belohnen. Die Stempel müssten zudem fälschungssicher sein.

Grossmaul-KamerasWenn Geräte reden können

Überwachungskameras werden mit Laut­sprechern ausgerüstet. Wenn Wachleute auf einem ihrer Bildschirme Störenfriede entdecken, können sie diese via Mikrofon zum Verschwinden auf­fordern.
Wirksamkeit: Die Technologie ist bisher kaum getestet worden.
Nachteil: Das metallische Bellen aus den Kameras klingt für Anwohner lästiger als das Grölen von Betrunkenen.

Pinkes LichtWenn Ausgehen hässlich macht

Mehrere englische Städte haben in «sensiblen Zonen» Scheinwerfer montiert, die grelles, pinkes Licht abstrahlen – Licht, das sonst in Schönheitssalons verwendet wird, weil es Hautunebenheiten und Pickel deutlich hervorhebt. Die Überlegung dahinter: Durch die Entblössung ihrer Aknehaut schämen sich Teenager zu Tode. Sie bleiben den pink beleuchteten Zonen fern, um sich ihren Freunden nicht verunstaltet zeigen zu müssen. Das pinke Licht ist das optische Gegenteil der hellblauen Neonröhren, die viele Kreis-4-Innenhöfe in den letzten 20 Jahren beleuchtet haben. Deren radioaktives Schimmern machte die Venen der Heroinsüchtigen unsichtbar.
Wirksamkeit: In Nottingham hat das Kosmetiklicht Jugendliche aus einer ­Unterführung vertrieben. Gemäss einem Zeitungsartikel versammeln sie sich jetzt unter einem Vordach nebenan.
Nachteil: Nur wenige Menschen haben perfekte Haut. Auch Falten kommen im rosa Licht bestens zur Geltung. Und: In Pink pinkeln geht problemlos.

Unerträgliche GeräuscheWenn Pfeifen schmerzt

Eine britische Firma verkauft Geräte, die ein extrem hohes, extrem lästiges Summen von sich geben. Der Witz daran: Nur unter 25-Jährige sollen diese Frequenzen hören können. Deshalb verjage es störende Jugendliche, während Erwachsene nichts davon merkten. Ähnliche Töne werden auch dazu verwendet, um Marder von Autos fernzuhalten.
Wirksamkeit: Vor einer U-Bahn-Station in Washington D. C. schrillt ein solcher Ton, seit es dort zu Schlägereien kam. In einem Zeitungsartikel sagen Teenager, die vor der Station rumhängen: «Irgendwie mögen wir das Geräusch.»
Nachteil: Auch viele ältere Menschen hören das Sirren. Niemand kann es abschalten. Zum Einschlafen mit offenem Fenster ist es kaum hilfreich.

Genoppte OberflächenWenn Sitzen wehtut

Inspiriert durch die Methoden der Taubenverscheuchung, haben Grundeigentümer in Grossstädten begonnen, Noppen oder Metallspitzen auf Mäuerchen und Bänke zu schrauben. Sie sollen ­Obdachlose und Jugendliche daran hindern, sich zu setzen oder hinzulegen.
Wirksamkeit: Beschränkt. Oft reicht ein zusammengefaltetes Kleidungsstück, um den Druck auszuhalten. Mit einer Flex lassen sich die Vorrichtungen gut wegfräsen. Das tun vor allem Skateboarder, um die Mäuerchen wieder für ihre Tricks nutzen zu können.
Nachteil: Gar niemand, weder Jung noch Alt kann sich mehr hinsetzen. Nur wer für einen Platz in einem Café zahlt, ist im öffentlichen Raum noch will­kommen. Dazu kommt: Die Metall­spitzen verschandeln das Stadtbild.

Kotz-LavabosWenn Verbindungen Pioniere sind

Im Toilettenbereich wird auf Brusthöhe ein weiteres Lavabo mit runden Kanten und breitem Abfluss montiert, an der Rückwand sind zwei Halterungen angebracht. Wer sich beim Trinken übernimmt, kann seine orale Notdurft bequem und sauber in diese Kotz-Schüssel verrichten. Solche sind etwa in Zürcher Verbindungshäusern gebräuchlich. In der Burschensprache hat die Vor­richtung einen eigenen Namen: Papst.
Wirksamkeit: Durchaus gegeben – wenn sich das Becken denn schnell genug erreichen lässt.
Nachteil: Eine demolierungsresistente Installation im Aussenbereich würde wohl viel kosten. Und wer wünscht sich schon ein Speibecken im Innenhof?

Unerträgliche MusikWenn Mozart nervt

Diesen Ansatz verfolgen amerikanische Grossstädte ebenso wie Schweizer Dörfer. Sie lassen Musik laufen, die alte Menschen mögen. Unter Jungen soll diese als derart unerträglich gelten, dass sie die beschallten Orte meiden. Klassik und Country werden am häufigsten zur musikalischen Säuberung eingesetzt.
Wirksamkeit: Am Bahnhof Heerbrugg im Kanton St. Gallen spielen Laut­sprecher seit 2010 Mozart und Beet­hoven. Gleichzeitig kamen mehr Polizeipatrouillen vorbei. Wie gross der Vertreibungseffekt der Musik sei, lasse sich schwer messen, sagte der Gemeindepräsident. Die Jugendlichen treffen sich nun ein paar Meter weiter entfernt, ausserhalb der Reichweite der Boxen.
Nachteil: Es gibt auch ältere Menschen, die weder Country noch Klassik mögen. Gleichzeitig beleidigt es Fans dieser Stile, dass ihre Lieblingslieder als akustische Peitschen eingesetzt werden. Ausserdem können die Boxen gehackt und zur Beschallung spontaner Freiluft­partys umfunktioniert werden.

PolizeistundeWenn Altes wiederbelebt wird

Ein urtümliches Rezept, das gerade neu entdeckt wird. Um das Nachtleben zu bändigen, hat Amsterdam die Öffnungszeiten von Bars und Clubs wieder ein­geschränkt.
Wirksamkeit: Umstritten. Gegner sagen, dass die Partygänger nach dem frühen Schliessen der Lokale gemeinsam auf die Strasse treten und dort umso mehr Radau machen. Blieben sie in den schallisolierten Clubs und Bars, störe das die Anwohner bedeutend weniger.
Nachteil: Es droht «Vertrutting», wie es auf Holländisch heisst, also das Ab­faulen der städtischen Betriebsamkeit.

Hoffentlich also werden Wirtetelefon, Zusatztoiletten und Sensibilisierungskampagnen den Kreis-4-Ballermann ein wenig beruhigen. Sonst flanieren wir bald durch eine rosarote, voll vernoppte, mit Country-Hits und Piepston beschallte Langstrasse, deren Hauswände glänzen wie Sparschweinchen. Wohnen würde dort niemand mehr wollen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.01.2016, 22:51 Uhr)

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