Wie velölen Sie denn!

Die einen fahren eine schrottreife Rostlaube, andere ein Terminator-Bike, dritte legen sich aufs Rad. Die Velofahrer sind wieder unterwegs – wir liefern sechs Psychogramme.

Der Velofahrstil verrät einiges über den Velofahrer: Fahrradfahrerschatten in der Stadt Zürich. Foto: Urs Jaudas

Der Velofahrstil verrät einiges über den Velofahrer: Fahrradfahrerschatten in der Stadt Zürich. Foto: Urs Jaudas

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Der Klapperpilot Velofahren, um anderen den rechten Weg zu zeigen

Im Zürcher Kreis 4 sieht man sie überall. Respektive: Man hört sie aus 50 ­Metern Entfernung; ihr Velo klappert und quietscht, weil ein paar Schrauben fehlen. Oder dann macht eine verbogene Speiche bei jeder Radumdrehung Terror. Der Klappervelöler, die Klapper­velölerin ist in der Regel jung und sieht das Velo als politisches Statement. Die Botschaft ist die: «Ey, ich bin gegen die kapitalistische Leistungsgesellschaft und ihre teuren Prestigeobjekte. Gegen Sport bin ich sowieso und fahre darum aus Prinzip nie schneller als sieben Stundenkilometer.» Besonders beliebt sind bei diesen Leuten alte Damenvelos mit korrodierten Lenkern. Eine poetisch sein wollende Plastikrose ersetzt die abmontierte ­Klingel. Licht hat die 30-Franken-Rostlaube eigentlich nie. Der zerschlissene Sattel wiederum ist so ein­gestellt, dass die Person beim Fahren leicht nach hinten lehnt, was die Kraftübertragung auf die Pedale hemmt. Das demonstrativ-­erzieherische Zelebrieren von Langsamkeit: Darum geht es diesem Schlag Velofahrer. (tow)

Der HobbygümmelerWas wohl die Ganganalyse über ihn verraten würde?

Sportkleidung ist für professionelle Sportler gemacht. Alle anderen fahren besser, wenn sie sich behelfsmässig ausrüsten. Nirgends gilt dieser Grundsatz mehr als beim Hobbygümmeler. Dem­jenigen Typen also, der den Sport und sich selber ganz besonders ernst nimmt. Wir reden hier über Kleidung? Ja, genau. Sie sagt etwas über einen aus. Nur ist das den Hobbygümmelern meistens egal, und sie stolzieren mit Helm auf dem Kopf in die Beiz oder in die Bar oder ins Freilichtheater. Und sie ignorieren: ­Velotrikots sehen niemals angemessen aus – es sei denn, man verdient Geld mit Velofahren. Aber dann hat man in der Regel keinen Bierbauch, der das Trikot derart überspannt, dass man die Werbung – die man nicht nur freiwillig, sondern mit Stolz trägt –, dass man diese Werbung gar nicht mehr lesen kann. Was alles nur noch viel lächerlicher macht. Besonders daneben sind die ­Trikots in Kombination mit hautengen kurzen Hosen; und einem Velohelm; und rasierten Beinen; und Schuhen, in denen man zum Gang auf den Fersen gezwungen ist, als habe man Blasen an den Zehen. Aber in der Regel kommt ja sowieso alles zusammen als Paket. (dsa)

Der HolzklässlerOhne Pedalen wird die Sache erst recht gefährlich

In den letzten Jahren sind sie stark aufgekommen. Woher sie stammen? Keine Ahnung. Aus Schweden? Das helle Holz erinnert jedenfalls ein wenig an die skandinavische Möbelwelt von Ikea. Die Rede ist vom Kinderlaufrad, an dem keine Pedalen montiert sind. Die Knirpse, die drauf sitzen, brauchen die Füsse, um vorwärtszukommen, was sehr unbefriedigend aussieht. Wäre man ein Kind, würde man ein solches Ding zurückweisen und mit Oskar-Matzerath-Schrillstimme schreien: «Gebt mir ein richtiges Velo! Von mir aus eines mit Stützrädli! Aber gebt mir ein richtiges Velo! Und keine Hilfskonstruktion wie aus einem Drittweltland, wo sie als Werkstoff nur Holz haben.» Okay, da hat jetzt ein Erwachsener einem Kind die Wörter in den Mund gelegt – es gibt tatsächlich Eltern, die glaubwürdig vortragen, ihr Kind liebe diese Art Velo. Leidtragende des Trends sind jedenfalls die Gebrechlichen und Alten. Die Laufräder verkehren nämlich nicht auf der Strasse, sondern in Einkaufszonen und auf Plätzen. Und die auf ihnen durch die Gegend speeden, sind meist viel zu sehr im Feuer, um den Rollator zehn Meter weiter vorn zu sehen. (tow)

Der ModevelofahrerWeshalb darf Velofahren nicht friedlich und bequem sein?

Hipster wurden überall bereits genug ­gerügt. Das Problem ist nur, dass deren Accessoires die Zeiten scheinbar überdauern. Selbst das mittlere Kader von Konzernen trägt heute Bart, Bäcker ironische Tattoos. Auch wären die Strassen Zürichs heute ohne Velos mit schmalen Lenkern, dünnen Pneus und wenigen Gängen schlicht nicht mehr denkbar. Schutzbleche benötigen diese Mode­velofahrer scheinbar nicht. Es scheint fast, als verzichteten sie generell auf alles, was ein friedliches und angenehmes Vorwärtskommen in der Stadt ermöglichen würde. Stattdessen hängen sie sich windschnittig ins Getöse und tun so, als wäre der Strassenverkehr das Äquivalent zu einem Käfigkampf. Für gewisse Verkehrsteilnehmer, die Velokuriere zum Beispiel, mag das Berechtigung ­haben – sie treiben die Sache mit ihren Nullgängern zusätzlich auf die Spitze –, doch die meisten anderen wirken damit nur sehr unentspannt und würden gut daran tun, sich ein Klappervelo zuzu­legen (siehe Beitrag am Anfang). (dsa)

Der E-Bike-TerminatorDemonstrativ gemütlicher Raser

Geräuschlos und mit gefühlten 80 km/h gleiten sie durch die Strassen und überholen selbst auf Velostreifen. Wenn komplett hochgerüstet, was nicht selten vorkommt, bewegt sich ihr Äusseres ­irgendwo zwischen Terminator und ­Robocop. Gemeint sind E-Bike-Fahrer, jene Symbole für den zwar samtpfotig daherkommenden, aber digital hoch­gerüsteten Dienstleistungskapitalismus. Während das Mofa noch als Aussenseitergefährt galt, dient das E-Bike selbst angepassten Zeitgenossen als Möglichkeit, sich innerhalb der niedrigen Kaste der Velofahrer noch einmal abzugrenzen. Demonstrativ gemütlich rasen sie durch die Strassen, sodass Fussgänger und Klappervelofahrer gleichermassen auf der Hut sein müssen. Die E-Bike-Fahrer sind die Technologiefreaks unter den ansonsten anspruchslosen Velofahrern, ein Widerspruch in sich. (dsa)

Der LiegendsuizidlerDas Abenteuer ist prioritär, der Rücken sekundär

Das Liegevelo hat sich als Massending nie durchgesetzt. Wie auch, wenn man an der Ampel vor dem Rotlicht exakt auf Höhe des Autoauspuffs sitzt. Die Begasung ist sicher nicht gesund. Und wenn es regnet, ist man praktisch sofort ganzkörpernass, weil Autoreifen schauderhaft spritzen. Ein zweiter Nachteil der Konstruktion Liegevelo besteht in der Nichtsichtbarkeit. Man ist sozusagen im «stealth modus» unterwegs; der Autofahrer, dieser natürliche Feind der Spezies Velofahrer, erkennt das Niederflurvehikel schlecht. Ein Psychologe würde es so sagen: «Wer Liegevelo fährt, hat eine suizidale Tendenz.» Fragt man einen Rückenmediziner, bringt dieser die Sitzsituation ins Spiel: Die Schläge von unten, von der Strasse, prallen beim Liegevelo auf eine rechtwinklig abgeknickte Wirbelsäule; gar nicht gut. Der Liegevelöler weiss um diese Probleme. Aber hey, er (gibt es auch Frauen auf Liegevelos?) gewichtet das Abenteuer höher. Er sieht sich als Exzentriker des Zweiradwesens. Ein Antiergonomiker ist er auch und insofern eng verwandt mit dem Pedalofahrer auf dem See. (tow)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2016, 23:24 Uhr

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