«Mit 70 haben Sie 10 Jahre verträumt»

Verena Kast lässt das ­Träumen nicht los. Die ­Psychologin fasziniert, dass sich bei aller Forschung das Geheimnisvolle am Traum nie ganz erschliesse.

«Manche Träume sollten uns wachrütteln», sagt Verena Kast. Foto: Sabina Bobst

«Manche Träume sollten uns wachrütteln», sagt Verena Kast. Foto: Sabina Bobst

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Wann wurde Ihr Interesse an ­Träumen geweckt?
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der man sich beim Zmorge jeweils gegenseitig die Träume erzählt hat. Das Traumleben hatte in meiner Kindheit seinen festen Platz. Das verlor ich später ein Stück weit. Als ich entschied, Tiefenpsychologin zu werden, da war das Interesse am Unbewussten extrem hoch. Und das Interesse am Unbewussten ist gleichbedeutend mit dem Interesse am Traum und an der Imagination.

Wenn Sie von Träumen sprechen: Was meinen Sie damit genau?
Dazu gehört für mich neben dem Nachttraum auch der Tagtraum.

Sind sie miteinander verbunden?
Ich glaube, sie hängen über die Vorstellungskraft zusammen. Psychisches Leben zeigt sich im Wesentlichen in der Vorstellungskraft, der Traum ist eine Ausdrucksform dafür. Sowohl im Tag- als auch im Nachttraum werden auch emotionale Bedürfnisse und Konflikte verarbeitet.

Was heisst es, wenn ich davon träume, später einen Mercedes zu fahren?
Dann spricht aus Ihnen eigentlich ein tieferes Bedürfnis. Der innere Wunsch materialisiert sich. Daneben gibt es natürlich viele Tagträume, die etwas kompensieren. Ich muss gerade viel arbeiten und stelle mir vor, wie schön es doch wäre, an einem Fluss zu sitzen. Auch das zeigt ein tiefes inneres Bedürfnis.

Hier ist der Traum ein Art Hilferuf an sich selber. Hören die Leute darauf?
Mich dünkt, dass die Leute eher weniger darauf hören. Dabei ist allein der Gedanke an den Fluss eine Ressource: Wenn ich mich in meiner Vorstellung für einen Moment ausklinke, dann renne ich ja diesen einen Moment lang nicht mehr in meinem Hamsterrad. Dann geht es mir bereits besser. Dass ich meinen Tagtraum später verwirkliche, dass ich erkenne und anerkenne, dass dies einem inneren Bedürfnis entspricht, dazu braucht es nochmals einen Schritt. Und schliesst die Frage an: Wie stark nehmen wir innere Bedürfnisse wahr?

Wie lautet Ihre Antwort?
Wir sind sehr stark aussengeleitet. Die Bedürfnisse der anderen nehmen wir immer sehr stark wahr, unsere eigenen stellen wir eher zurück.

Wie wichtig sind Träume für den Menschen?
Wenn wir keine Tagträume hätten, dann wüssten wir nur sehr wenig über unsere inneren Bedürfnisse. Das Träumen schafft immer wieder die Verbindung zu unseren inneren Bedürfnissen. Von daher ist es also sehr wichtig.

Und der Nachttraum?
In siebzig Jahren Leben «verträumt» ein Mensch rund zehn Jahre. Das Träumen gehört biologisch unabdingbar zu uns. Im Umkehrschluss: Wenn man so viel träumt, dann muss es einen Sinn und eine Bedeutung haben. Im Nachttraum verarbeiten wir die Emotionen, die sich im Lauf des Tages anstauten. Manchmal stellen sie auch Konflikte dar, die uns wachrütteln sollten.

Ist es möglich, nicht zu träumen?
Wenn man die Versuche in den Schlaf­labors heranzieht, dann sieht man, dass den Leuten ständig etwas durch den Kopf geht. Also nein. An einen Grossteil der Träume können wir uns nicht erinnern. Aber träumen tun alle Menschen.Vielleicht ist auch die Frage nach dem Traum die falsche. Vielleicht müsste man fragen: Was geht Ihnen durch den Kopf?

Kann man das Erinnern üben? Oder das Träumen lernen?
Man muss die Träume ernst nehmen, sie für bedeutsam halten. Dann werde ich mehr aufpassen. Eine Rolle spielt da die Schlafhygiene, eine gewisse Regelmässigkeit beim Schlafen. Eine alte Idee ist, am Abend nochmals den Tag Revue passieren zu lassen bis hin zum Punkt, sich vorzunehmen, dass man träumt.

Wie arbeiten Sie in der Therapie mit Träumen?
Ich lasse mir die Träume von meinen ­Patienten erzählen und arbeite dann mit der Imagination. Wir stellen uns den Traum gemeinsam vor und ich frage. Welches Gefühl kam auf? Wie genau sah es aus? Man taucht nochmals in die Träume hinein und sucht Verbindungen zum Alltag und zu Träumen, die man schon einmal hatte.

Sie schlagen also Brücken.
Nein, ich helfe, die Brücke zu schlagen. Denn der Träumer oder die Träumerin hat die Bilder und Emotionen durchlebt.

Sind Träume immer Teil einer ­Therapie?
Wir jungschen Therapeuten arbeiten mit dem Unbewussten, und Träume sind bei uns immer präsent. Aber auch die kognitiven Verhaltenstherapeuten haben inzwischen die Träume entdeckt. Träume sind einfach interessant.

Sie sagen inzwischen. Werden Sie, weil Sie mit Träumen arbeiten, in die Ecke der Esoterik ­gedrängt?
Träume haben etwas Geheimnisvolles. Und bei aller Forschung kann man das Geheimnisvolle nie ganz erschliessen. Es gibt einen Bereich, den man nicht kontrollieren kann. Man kann nicht kontrolliert träumen. Da neigt man dazu, das als Esoterik abzutun.

Wo beginnt die Scharlatanerie?
Da, wo man einen Traum heranzieht und ihm einfach eine Bedeutung überstülpt. Man kann Träume nie ganz verstehen. Wer das nicht akzeptiert oder leugnet, betreibt Scharlatanerie.

Stellen Sie Traumschemen fest, die viele Menschen haben?
Träumen ist sehr individuell. Aber es gibt Themen, denen man öfters begegnet. Etwa, dass jemand im Traum verfolgt wird oder abstürzt. Oder dass hohe Wellen auf einen zurollen. Gerade bei den Angstträumen kommen Stereotypen vor. Wie die Träume aber konkret ausfallen, das ist sehr individuell.

Wie gehen Sie mit Ihren eigenen Träumen um?
Wenn man jungsche Analytikerin wird, dann schreibt man sich viel auf und macht sich Gedanken. Diese Zeit habe ich nicht mehr, aber ich vergegenwärtige mir meine Träume schon noch. Und manche notiere ich auch für mich.

Wovon träumen Sie gerade?
Davon, dass ich einen Haufen Papier sortiere. Am Ende werde ich darauf hingewiesen, dass das alles nichts bringt.

Was schliessen Sie daraus?
Ich hatte in letzter Zeit viel Arbeit, einiges blieb liegen. Diese Woche ist da, Ordnung zu schaffen. Der Traum sagte mir auch: Bilde dir nicht ein, dass du Ordnung schaffen kannst. Du kannst es versuchen, aber Ordnung ist nicht alles.


Wir träumen uns durch den Sommer

«Wer unsere Träume stiehlt, gibt uns den Tod.» Konfuzius

Das «Bellevue» träumt weiter! Die Sommerferien sind der ideale Zeitpunkt, um zu träumen. Um seinen Gedanken nachzuhängen. Und sich seinen Wünschen hinzugeben. Und so widmen wir uns in den kommenden fünf Wochen fünf Träumen. Dem Traum von der Jugend, vom Ruhm, der Familie, vom Geld und der Freiheit. Und weil es so schön ist, verlängern wir auf dem «Bellevue» die Sommerferien um eine weitere Woche. Wir widmen uns den Utopien, den Visionen und den Illusionen: Der Traum vom Traum beschliesst unsere Sommerserie.

Ab Montag: Forever young

Unser Sommertraum startet am Montag mit dem Traum von der Jugend. Wir ­ergründen, was das Gefühl der Jugend ausmacht, lassen Bewohnerinnen und Bewohner des Alterszentrums Laubegg auf ihre Jugend zurückschauen, machen Jugendliche mithilfe von moderner Technik 50 Jahre älter – und wir fragen uns, was sich die Jugend von den Jugendjahren verspricht.

Wie jeder Traum bleibt auch der Traum von der Jugend ein Stück weit ­unfassbar. Einer Wolke gleich. Das möchten wir kommende Woche mit einer Wortwolke darstellen.Bitte senden Sie uns drei Stichworte, die Sie mit Jugend verbinden, die für Sie persönlich untrennbar mit der Jugend verbunden sind an bellevue@tages-anzeiger.ch oder schreiben Sie sie in unsere Kommentarspalte.

Vielen Dank! (bra)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2017, 22:04 Uhr

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