«Zwingli war der beste Werber»

Für Pfarrer Christoph Sigrist ist die Kirche die Erfinderin von Social Media. Zwar sei Religion mit Kommerz nicht vereinbar, sein Grossmünster müsse aber den Gottesdienst bewerben.

«Zwingli war ein Feldprediger, wie ich», sagt Christoph Sigrist. Foto: Dominique Meienberg

«Zwingli war ein Feldprediger, wie ich», sagt Christoph Sigrist. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sind Sie als Pfarrer werbeaffin?
Natürlich! Die Werbung ist seit 2000 Jahren unser Geschäft. Die heutigen Werbeagenturen sind nur Nachkommen unseres Stamms. Schon Paulus hat auf dem Marktplatz mündliche Werbung betrieben. Auch im Bereich Social Media waren wir vor allen anderen tätig. Wir haben schon in der Reformationszeit vor 500 Jahren mit dem damaligen Internet, mit dem Buchdruck, gearbeitet. Dadurch haben wir die Transformation der Gesellschaft veranlasst. Von daher sind wir nicht nur werbeaffin, sondern tatsächlich die Ursuppe der Werbung im abendländischen Kulturkreis.

In diesem Fall erachten Sie Huldrych Zwingli als guten Werber?
Nicht nur das: Er war neben Martin Luther der beste Werber überhaupt. Und er war ein Schlitzohr.

Wieso das?
Bleiben wir beim Beispiel Buchdruck. Schauen Sie sich seine Froschauer Bibel an – entwickelt während sechs Jahren im Chor des Grossmünsters. Das Produkt ist fantastisch: Er, der gegen Heiligendarstellungen in der Kirche war, hat gemerkt: Fürs Lesen, für den Geist, sind Bilder hochwillkommen.

Was war auf den Bildern zu sehen?
Unglaubliches! In der Offenbarung hat er zum Beispiel die Hure Babylons mit einer Papstkrone abbilden lassen. Er hat propagandistische Werbung gegen die Vertreter der katholischen Kirche entworfen, die heute wohl unter das Antirassismusgesetz fallen würde. Viele Instrumente der Werbung benutzen wir in der Kirche schon seit 2000 Jahren.

Hat Zwingli selbst an seinem Mythos gearbeitet?
Nein, im Gegenteil. Dafür gibt es Indizien: In der Vorrede der von ihm initiierten Froschauer Bibel erwähnt er keine Namen – und das nach sechs Jahren harter Arbeit. Am Schluss sagt er sogar sinngemäss: Wir haben unser Bestes gegeben. Wenn es nach uns Theologen gibt, die noch besser sind: Halleluja.

Und wie war das bei dem bekannten Wurstessen, bei dem bewusst mit der Fastentradition gebrochen wurde? Er sei zwar dabei gewesen, habe aber selber nicht mitgegessen, heisst es. Ist das nicht Inszenierung?
Bei Zwingli geschah das aus reiner Strategie, nicht aus Selbstinszenierung. Er war zwar dabei, aber eben auch nicht. Das hat ihm die Freiheit gegeben, weiterhin politisch zu wirken. Zwingli war ein schlauer Fuchs.

Warum hat er die Musik aus der Kirche verbannt, obwohl er ein sehr musischer Mann war?
Die Musik war so wie heute gar nicht in der Kirche. Den Gemeindegesang gab es nicht, nur im Chor erschallte der lateinische Gesang durch die Chorherren. Die Konzentration auf das gesprochene, verständliche Wort Gottes war zentral. Er empfand die katholische Messe mit ihren lateinischen Texten und Gesängen als unverständlich, fehlgeleitet und irreparabel. Deswegen hat er den Gottesdienst ganz neu organisiert. Kein Gesang, keine Musik, zwei, drei Gebete und dann vor allem volle Konzentration auf die Auslegung der Bibel.

Zwingli war Ihrer Meinung nach ein exzellenter Werber. Taugt er als Werbefigur?
Nein. Das war auch nie sein Ziel. Er hat für das Evangelium, für das Reich ­Gottes, für Gerechtigkeit geworben. Darin war er gut. In den Disputationen hat er durch sein Charisma, durch seine bildhafte Sprache überzeugt. Deshalb gibt es auch keine Playmobil-Figuren von ihm.

Sein metallenes Ebenbild vor der Wasserkirche stützt sich auf ein mächtiges Schwert. Und «Zwinglianismus» ist nicht eben ein positiv besetzter Begriff. Wie das?
Die Figur von Zwingli vor der Wasserkirche ist 1884/85 dort hingestellt worden. Sie ist beste Werbung für die damalige Zeit. Aber nicht für Zwingli. Damals tobte zwischen der katholischen und der reformierten Kirche der Kulturkampf. Die Statue ist ein reformierter Rammbock gegen die bösen Katholiken in Rapperswil.

War Zwingli ein gewalttätiger Mann?
Nein.

Wieso trägt seine Statue dann ein Schwert in der Hand?
Die Statue stammt aus dem 19. Jahrhundert, mitten aus der Zeit des Kulturkampfs. Zwingli war auch Soldat, ein Feldprediger, wie ich. Auch ich musste eine Pistole tragen. Das macht uns aber noch nicht zu gewalttätige Menschen.

Zurück ins Jetzt. Heutzutage macht es oft den Eindruck, als habe die Kirche die grössten Vorbehalte gegenüber der Werbung.
Das hat mit dem Zwinglianismus zu tun, jedoch keineswegs mit Zwingli selber. Manche denken, man müsste nicht dafür werben, dass die Menschen am Sonntag in den Gottesdienst kommen. Das müsste jeder selber merken.

Was ist Ihre Meinung?
Der Gottesdienst muss beworben werden! Heute gibt es mindestens so viele religiöse Angebote wie Produkte in der Migros. Da muss man sich zeigen. Ich bin der Überzeugung, dass unsere Gottesdienste, Liturgien, Andachten hervorragend sind. Wir bieten einen Ort, um die Gedanken neu zu sortieren, um das Leben neu zu lesen aus Sicht des Glaubens.

Ein schwerer Job?
Kein einfacher. Die Kirche ist mit Vorurteilen belastet: leerer Raum, langweilige Predigt, lebensfremd. Viele sagen sich: Körper und Geist auf Stand-by schalten. Das ist aber nicht Kirche, wie ich sie verstehe und lebe. Darum muss die Werbetrommel gerührt werden.

Darum laden Sie immer wieder Leute wie Doris Leuthard, Adolf Muschg oder den Dalai Lama ins Grossmünster ein.
Richtig. Das Evangelium ist öffentlich und wird im öffentlichen Raum dialogisch ausgelegt. Manchmal ist es mit öffentlichen Personen öffentlich zu machen. Zudem geschieht die Darstellung des Glaubens jeden Tag auf vielfältige Weise – unbemerkt in Kirchen, ohne dass eine Öffentlichkeit es wahrnimmt.

«Für unsere Werbefläche würde jede Firma Millionen bezahlen.»

Betreibt die Kirche genug Werbung?
Ich finde schon. Nehmen wir eine der symbolischsten Wirkungsstätten, das Grossmünster: Es ist nicht nur ein Versammlungsort der hiesigen Kirchgemeinde, sondern auch von 600'000 anderen Leuten pro Jahr. Wenn Sie am Flughafen ankommen, heisst es «Welcome to Switzerland», und was sehen Sie da? Nicht das Matterhorn, nicht die Kappelbrücke, sondern das Grossmünster. Die Kirche, in der ich tätig bin, wird also zu unterschiedlichsten Werbezwecken benutzt. Für unsere Werbefläche würde jede Firma Millionen bezahlen.

Manchmal werden die Türme auch dafür benutzt.
Ja, am Frauentag letztes Jahr hing dort, von Aktivistinnen organisiert, ein Banner, auf dem stand: «Gott ist eine Frau.»

Wer darf dort werben?
Das Grossmünster ist öffentlicher Raum. Es wirbt für die Öffentlichkeit. Kirche und Kommerz gehen nicht zusammen. Genauso wenig wie Kirche mit Gewalt und menschenverachtendem Menschenbild. Dafür werben wir hervorragend, finde ich. Die Kontroverse über die Frage nach Eintritten in den Kirchenraum ist Ausdruck dafür. Obwohl wir seit Jahrzehnten am Turm Eintritt verlangen, reibt sich das immer wieder an der religiösen Empfindung der Menschen. Oder denken Sie an die Situation mit den Sans-Papiers vor ein paar Jahren: Nie wäre es einem Polizisten in den Sinn gekommen, die Kirche zu betreten und Gewalt anzuwenden. Bei solchen Fragen ist das Gespräch auf allen Ebenen und in allen Bereichen gefordert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2017, 19:20 Uhr

Christoph Sigrist

Pfarrer am Grossmünster

Christoph Sigrist ist seit 2003 Pfarrer am Grossmünster. 2014 schloss er sein Habilitationsprojekt mit der Studie «Kirche Diakonie Raum» ab. Seit 2014 ist er Privatdozent für Diakoniewissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Bern.

Artikel zum Thema

«Wir leben in einem religiösen Vakuum»

Interview Adolf Muschg ist wieder in die Kirche eingetreten. Am Sonntag predigt der Schriftsteller im Grossmünster. Mehr...

Der ewig junge Menschenfreund

Zum Grossmünster-Auftritt des Dalai Lama erschienen die Menschen in Massen. Der 81-Jährige verriet dabei das Geheimnis für sein frisches Aussehen. Mehr...

«Zürich sehnt sich nach einer religiösen Autoritätsfigur»

Interview Am Samstag besucht der Dalai Lama das Grossmünster. Sein Gastgeber, Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist, über die Anziehungskraft religiöser Autoritäten und die Macht des Gebets. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

TA Marktplatz

Kommentare

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Die Welt in Bildern

Lightshow: Ein Blitz entlädt sich während eines Sommergewitters über Bern (27. Juni 2017).
(Bild: Anthony Anex) Mehr...