«Wie erhält ein Stück Papier Wert?»

Tania Prill, Sebastian Cremers und Alberto Vieceli haben sich jahrelang mit Banknoten beschäftigt. Das Resultat ihrer Untersuchung ist ein Buch voller wertvoller Bilder.

Hinter dem Löwen und dem Löwen von Bagdad verstecken sich Grafiker. Foto: Urs Jaudas

Hinter dem Löwen und dem Löwen von Bagdad verstecken sich Grafiker. Foto: Urs Jaudas

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Ein Löwe mit glasigem Blick begrüsst den Betrachter. Sein Kopf füllt das gesamte Cover des Buches «Money». Normalerweise verrichtet der Löwe seinen Dienst auf einer südafrikanischen Banknote: Er ist ein Machtsymbol. Er lädt sie mit Bedeutung und Gewicht auf. Er versucht, der 50-Rand-Note mit seiner Präsenz ihren Wert zu verleihen. Auf dem Buchdeckel, des Kontextes entzogen und stark vergrössert, wirkt er noch mächtiger und erhabener.

Sein Gegenüber – auf der Rückseite des Buches – hat zwar menschliche Züge, aber einen ähnlichen Gesichtsausdruck: Saddam Hussein, ehemaliger irakischer Machthaber, war früher auf jeder irakischen Banknoten zu sehen.

Geschaffen haben diese aufgeladene Begegnung die Grafiker Tania Prill, Alberto Vieceli und Sebastian Cremers. Ihr Buch rückt Details von Banknoten in ein neues Licht.

Bald kommen neue Schweizer Banknoten in Umlauf. Vorgestellt wurden sie vor elf Jahren. Mehr oder weniger zur gleichen Zeit haben Sie mit der Arbeit am Buch «Money» begonnen. Gibt es da einen Zusammenhang?
Sebastian Cremers: Nein, unsere Faszination für Banknoten ist älter. Vor elf Jahren entstand auf einer Reise in den Iran die Idee, ein Buch zu machen. Wir hielten uns tagelang in Wechselstuben auf und bewunderten die Banknoten aus dem Mittleren Osten. Die meisten Noten haben wir auf Reisen gesammelt oder auf Flohmärkten gekauft. So hat sich das Projekt irgendwie von selbst entwickelt.

Wonach haben Sie gesucht?
Cremers: Spannende ikonografische Darstellungen. Es geht um die Frage: Welcher Sujets bedarf es, um einem wertlosen Stück Papier einen Wert aufzudrucken? Mit welchen Bildern drückt man diesen Wert aus? Und wo gibt es Gemeinsamkeiten oder Unterschiede?

Sie geben nur sehr spärlich Informationen zu den Noten.
Cremers: Uns interessiert das ganze auf globaler Ebene. Wir zeigen die Bilder von den Banknoten und geben absichtlich keine Hinweise auf den monetären Wert oder die Währung.

Was wollen Sie beim Betrachter auslösen?
Alberto Vieceli: Das Buch ist ein kleines Abenteuer, auf das man sich einlassen muss. Es löst fast schon Safaristimmung aus. Man darf und soll sich mit den Bildern gehen lassen.

Trotzdem fragt man sich beim Betrachten: Wo ist das zweite Buch, welches das erste erklärt?
Cremers: Da sind Fragen, die bleiben. Vielleicht beschäftigt man sich deshalb aber länger damit. Ich kenne das von mir: Es gibt so viele Bücher, die ich erst interessant finde und dann doch nur ein einziges Mal in die Hand nehme. Unser Buch ist wie eine Knacknuss, die man nie ganz knacken kann.

Wie reagieren denn die Leute auf das Buch?
Cremers: Teilweise sehr heftig. Ein deutscher Käufer, der sich das Buch bei Amazon bestellt hat, wandte sich total enttäuscht an uns. Er meinte, er hätte das Buch sofort nach Erhalt weggeschmissen. Er konnte nicht damit umgehen, die erwarteten Informationen nicht zu erhalten. Wir betonen hier also nachdrücklich: Das ist kein klassisches Buch für Notensammler!

Weshalb schmunzeln Sie?
Cremers: Weil uns jegliche heftige Reaktionen willkommen sind. Nur Gleichgültigkeit wäre schade.

Die Reaktion zeigt aber schon, dass die Schwelle hoch ist. Vielleicht sogar zu hoch.
Vieceli: Für manche vielleicht schon. Man muss ein bisschen Geduld mitbringen und sich auf die Bildkompositionen einlassen.
Cremers: Hätten wir die Informationen dazugestellt, würde man das Buch ganz anders anschauen. Nicht mehr in Bezug auf die Bildwelt, sondern auf die Vollständigkeit. Das hat dann was Lexikalisches, Katalogartiges.
Vieceli: Es würde das Konzept abschwächen . . .
Cremers: . . . und es wäre inkonsequent. Wir können nicht auf der Bildebene alle Informationen ausblenden und sie schriftlich wieder hinzufügen.

Haben Sie alle im Buch verwendeten Noten selbst in der Hand gehabt?
Cremers: Ja, alle Bilder sind von den Originalnoten eingescannt und dann aufwendig bearbeitet worden. Es geht auch darum, die Ästhetik der Rasterung zu zeigen. Diese Bilder stellen ja das kleinstmögliche Sicherheitsmerkmal einer Banknote dar. Wir haben viele Tausend Franken ausgegeben, um diese Sammlung aufzubauen.

Worauf lag Ihr Fokus bei der Komposition der Bilder?
Cremers: Auf der Doppelseite an sich. Darauf, dass sich die Motive links und rechts gegenseitig aufladen. Sei es durch Kontraste, Blicke, Porträts unterschiedlicher Art oder irritierende Ähnlichkeiten. Einerseits betonen wir dadurch die Vielfalt, anderseits Ähnlichkeiten.

Besonders aufgefallen ist mir eine Strandidylle mit Menschen auf Liegestühlen.
Vieceli: Dieses Motiv ist einer Banknote aus den Bahamas entnommen, und stellt einen totalen Sonderfall dar. Man sieht Menschen richtig faulenzen.

Was wäre der Normalfall?
Vieceli: Fleissige Menschen, Staatsoberhäupter, Diktatoren. Ghadhafi zum Beispiel, Saddam.

Weshalb haben Sie Saddam mit einem Löwen gepaart?
Vieceli: Cover und Rückseite stellen für uns die perfekte Kombination dar. Löwe und Saddam haben den gleichen Blickwinkel, die gleiche Ausstrahlung. Und beide strahlen Macht aus.
Cremers: Das sind rein visuelle Entscheidungen. Wir machen solche Doppelseiten nicht, um irgendwas politisch aufzuladen oder eine Aussage zu machen über eine Person. Im Falle von Saddam und dem Löwen hat sich die Paarung quasi von selbst ergeben. Uns ist erst im Nachhinein klar geworden, dass man Saddam «der Löwe von Bagdad» genannt hat. Assad steht im Arabischen ebenfalls für Löwe.

Welche Motivgruppen gibt es neben den Staatsoberhäuptern?
Cremers: Oftmals paradiesische Natur. Seltene, schöne Tiere. Löwen oder Nashörner, die Macht repräsentieren. Dann aber auch Dinge wie Industrialisierung, Technik, Fortschritt oder Ausbildung. Es gibt eine Note aus Ruanda, die junge Menschen bei der Arbeit mit Computern aus einem Entwicklungshilfeprojekt zeigt.

Elf Jahre Arbeit und viele Tausend Franken Spesen für ein Buch mit einer Auflage von 800 Stück. Wieso macht man das?
Vieceli: Aus Leidenschaft. Für ein solches Projekt nimmt man jeden Aufwand in Kauf.
Cremers: Wir wissen schon, dass das keine kommerzielle Unternehmung ist. Ausserdem ist die Jagd nach Sujets irgendwann zur Sucht geworden.
Vieceli: Für mich geht es auch ums Abschliessen. Das Abschliessen eines Projektes mit der Drucklegung hat etwas sehr Befriedigendes. Jetzt ist alles ganz kompakt in Buchform festgehalten. Wie viele Bücher gedruckt und verkauft werden, spielt da fast keine Rolle.

Könnten Sie sich dafür begeistern, die nächsten Schweizer Banknoten zu entwerfen?
Cremers: Nein, ganz sicher nicht.
Vieceli: Das wäre für uns eine Horrorvorstellung.

Trotzdem die Frage: Was wäre auf der Banknote von Prill Vieceli Cremers?
Cremers: Entspannte Menschen und irgendwas Humorvolles.
Vieceli: Jemand, der zwinkert. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.01.2016, 19:42 Uhr)

Alberto Vieceli

Der Graphic Designer (1965) hat gemeinsam mit Tania Prill und Sebastian Cremers mehrere Auszeichnungen und Preise gewonnen.

Sebastian Cremers

Der Graphic Designer ist 1976 geboren. Er ist Mitglied des Designstudios Prill Vieceli Cremers, das seit 2001 in Zürich arbeitet.

Prill/Vieceli/Cremers: Money

Edition Patrick Frey, Zürich 2015. 256 S., 300 Abb., ca. 80 Fr.

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