Die 10 Dinge, die Zürich am meisten fehlen
Von Georg Gindely und Monica Müller. Aktualisiert am 12.08.2009 27 Kommentare
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1. Auch wenn Zürich eine Wasserstadt ist, mit einem See und zwei Flüssen, so vermissen wir es doch: das Meer. Wie gerne würden wir Muscheln suchen am Uto-Strand, in der Enge-Bucht zum Rauschen der Wellen dösen, an der Playa dos Mythos das Salz auf unserer Haut spüren, am Bürkliplatz den Fischern den frischen Fang abkaufen und zu den riesigen Hochseeschiffen im Hafen Tiefenbrunnen flanieren. Und dann dieser Blick bis zum Horizont! Bevorzugter Standort für die Ballermann-Meile: das Niederdorf. Dort tanzt, säuft und grölt es sich schon heute am besten.
2. Im Winter trifft sich ganz Zürich in den Bergen. Ob im Hoch-Ybrig, in den Flumserbergen oder in Bergün: Der Mitfahrer am Skilift ist garantiert aus Wollishofen, vom Friesenberg oder aus Wipkingen. Warum denn nicht gleich hier ein Skigebiet anlegen? Schwarze Pisten an den steilen Flanken des Uetlibergs, ein Kinderlift am Waidberg, Langlaufloipen am Zürichberg? Der Energieverbrauch der Beschneiungsanlagen dürfte zwar den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft entgegenstehen. Doch das wird ausgeglichen durch die wegfallenden Fahrten in die Bündner Berge oder die Innerschweiz.
3. In Zürich sind günstige Wohnungen Mangelware. Zwar gibt es überdurchschnittlich viele Baugenossenschaften in der Stadt. Aber auch die sanieren ihre alten Liegenschaften und verlangen für die renovierten Wohnungen deutlich höhere Mieten. Wer wenig verdient, kann es sich oft nicht mehr leisten, in Zürich zu wohnen, und zieht in die Agglomeration. Aber was ist das für eine Stadt, in der Verkäuferinnen, Coiffeusen, Müllmänner, Alleinerziehende, Arbeitslose und Studierende keine bezahlbaren Zimmer mehr finden? Eine langweilige, versnobte, abgehobene, traurige. Weit entfernt vom Ideal der Little Big City, das sich Zürich einst auf die Werbefahne geschrieben hat.
4. Das Hardturm-Stadion ist abgebrochen, das Neubauprojekt nach jahrelangen Querelen beerdigt. Im für Leichtathletikmeetings gebauten Letzigrund spielen GC und FCZ zwar Fussball, doch die Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen fernab des Geschehens, der Lärm verliert sich im Oval, Stimmung will selten aufkommen. Zürich braucht unbedingt ein richtiges Fussballstadion. Klein, aber fein, mit steilen Rampen, damit alle nahe beim Spielfeld sitzen, mitfiebern, die Fehler des Schiedsrichters sehen und ihn niederschreien. Ein Hexenkessel soll es werden, damit wir GC aus der Krise und den FCZ zum nächsten Meistertitel schreien können. Oder umgekehrt.
5. Gewisse Dinge fehlen besonders, wenn es sie bereits einmal gab, und diese Attraktion existierte sogar schon zweimal: An der Landi 1939 und an der Gartenausstellung G59 konnten Besucherinnen und Besucher in einer Gondelbahn über den See schweben. Die Seilbahn der G59 blieb von 1959 bis 1965 in Betrieb, 1966 wurde sie abgebrochen – inklusive der beiden 50 Meter hohen Masten. Siebeneinhalb Minuten dauerte damals die Fahrt von der Landiwiese zur Blatterwiese, wer sie erlebt hat, schwärmt heute noch. Grund genug, die alten Pläne aus der Schublade zu holen!
6. Velofahrende sind in Zürich ein Feindbild. Sie gelten als Raser, die Fussgänger als Slalomstangen benutzen. Doch die Radler können nicht viel dafür. Denn sie sind nicht mit einem Velowegnetz konfrontiert, sondern mit einem Velowegflickwerk. Wer das Abenteuer liebt, kommt zwar auf seine Kosten, aber auch in Konflikt mit Autofahrern, Fussgängern und Polizisten. Viele Wege enden urplötzlich oder biegen in dicht befahrene Hauptstrassen ein, und wer von A nach B will, wird über C und D umgeleitet. Kein Wunder, weichen Velofahrer nicht ganz regelkonform auf für sie sichere und schnelle Routen aus. Vorbilder für velofreundliche Städte gibts genug: Wir empfehlen dem Stadtrat eine Reise nach Kopenhagen, Amsterdam oder Berlin.
7. Apropos Berlin: Ein bisschen berliniger könnte Zürich durchaus sein. Die Berliner sind zwar nicht weniger angestrengt cool als die Zürcher, aber doch viel weniger gestresst. Spaziert man durch Berlin, hat man das Gefühl, alle seien den ganzen Tag am Frühstücken und Kaffee trinken, so wie unsereins das in den Ferien gern macht. Die Berliner sind zwar immer knapp bei Kasse, haben dafür immens viel Zeit und Platz. Für die Ideen, die sie bei stundenlangen Latte-Macchiato-Gesprächen aushecken, finden sie zwar keine Geldgeber oder Abnehmer, dafür ein schmuckes Atelier oder Studio. Entlang horizonterweiternden Alleen schlendern sie gegen Mittag dorthin und lassen ihren Ideen freien Lauf. Das möchten wir auch!
8. Wir vermissen in Zürich einen spektakulären Bau, einen, dessen Bilder um die Welt gehen. Wer hat Graz gekannt, bevor die österreichische Stadt ein Kunsthaus gebaut hat, das wie ein Raumschiff aussieht? Bilbao vor dem Guggenheim-Museum? Das urbane Luzern vor dem KKL? Die Argumente der Zürcher Städtebauer gegen spektakuläre Vorhaben kennen wir: «Wir sollten nicht der globalen Mode folgen und unbedingt etwas Exzentrisches machen», sagte der oberste Stadtbaumeister dieser Zeitung. Immer dieses Zwinglianische! Ein bisschen ausgefallen darf es schon sein. Wir hätten gern ein Restaurant, das auf dem Zürichsee schaukelt. Ein Kongresszentrum, zu dem man auch pilgert, ohne sich für die neusten Erkenntnisse der Hirnforschung zu interessieren. Ein Hochhaus, das nicht nur dank seiner Höhe aus dem Stadtbild ragt.
9. London, New York, Paris und alle anderen Grossen haben eine, nur wir haben bloss einen Wurmfortsatz davon. Die Rede ist von einer U-Bahn. Nirgends fühlt man sich urbaner, als wenn man unterirdisch von A nach B gebeamt wird und die Mitfahrenden dabei von Station zu Station kritischer beäugt. Wie schnell würde der Investmentbanker das Kommando übernehmen, sollten wir stecken bleiben? Wer würde der Hochschwangeren helfen bei einer Sturzgeburt? Am 20. Mai 1973 stimmten 71 Prozent der Zürcherinnen und Zürcher gegen eine U-Bahn, die Kloten über Glattbrugg und Oerlikon mit dem Hauptbahnhof verbunden hätte und über Altstetten und Schlieren bis Dietikon gefräst wäre. Einzig zwischen Milchbuck und Schwamendingen ist ein Stück U-Bahn entstanden, das wegen Strassenbauten vorgezogen wurde – ein kleiner Trost nur, aber immerhin.
10. Nichts gegen die Limmat, auch in ihr kann man schwimmen. Aber wer je vom Berner Marzilibad bis zum Eichholz spaziert ist und sich dann die Aare hat heruntertreiben lassen, nur der weiss, welche Glücksgefühle ein Fluss auslösen kann. Es ist ein rasantes Vergnügen, das am meisten Spass macht, wenn man untertaucht, den Arm streckt, die Faust ballt und zusieht, wie die Steine unter einem durchflitzen. Dann stellt sich für kurze Zeit das Superman-Gefühl ein. Ein Hochgenuss, der vielen Bernerinnen und Bernern den Gang zum Psychiater erspart. Und der den Zürcherinnen und Zürchern auch guttäte.
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Erstellt: 11.08.2009, 20:17 Uhr
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27 Kommentare
Als Berner Stimme ich dem letzten Punkt absolut überein. Allerdings ist die Limmat auch nicht von schlechten Eltern, wenn man sich kurz mal erfrischen will. Bei der U Bahn bin ich gar nicht neidisch auf die anderen Grossstädte. Die sind doch nur dunkel und stinkig... Da gefallen mir die Trams, S Bahnen, und Busse schon viel besser! Man erreicht schnell alles, Zürich ist halt klein aber oho. Antworten
zu den Velofahrenden (oder eben verhinderten Velofahrenden): Es täte dem Stadtrat von Zürich schon gut nach Winterthur und dem Regierungsrat in den Kanton Thurgau zu pilgern, am besten per Velo. Es würde ihnen wie Schuppen von den Augen fallen, wie man es eben auch haben könnte! Antworten




