Die 10 unbekanntesten Wallfahrtsorte von Zürich
Von Thomas Wyss. Aktualisiert am 29.07.2009 6 Kommentare
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
1. Der beste aller unbekannten Kultorte der Limmatstadt ist tatsächlich derart mysteriös und geheim, dass es nicht mal unserem hart arbeitenden Rechercheteam gelungen ist, ihn ausfindig zu machen. Die einen munkeln, er liege irgendwo in Schwamendingen, was sehr unwahrscheinlich ist. Andere Gerüchte wiederum erzählen von einem verschollenen Brunnen nahe Leimbach, an welchem sich Karl der Grosse vor ein paar hundert Jahren mal einen beim Schälen einer Orange eingefangenen blutigen Daumen gereinigt habe. Ziemlich sicher ist aber auch dies nur Geschwätz.
2. Absolut wahr und sogar durch eine Gedenktafel beglaubigt ist aber die Nummer 2 unserer Hitparade – das unauffällige Wohnhaus des Schriftstellers Walter Alvares Keller an der Heinrich- Federer-Strasse 6 in Wollishofen. Keller, 1965 im Alter von 57 Jahren verstorben und heute praktisch vergessen, war der Vater der Peter-Stäubli-Romane. Von der offiziellen Literaturkritik verschmäht, waren diese exotischen Abenteuergeschichten über den reiselustigen Draufgänger Stäubli beim lesenden Volk äusserst populär. Als Einstiegslektüre empfehlen wir «Peter Stäublis Jugend» (leider nur noch antiquarisch erhältlich); eine Story, in der man viel kaleidoskopisches und gefühltes Wissen über das damalige Zürich in Erfahrung bringen kann.
3. Kein Haus, sondern eine Fussballwiese vervollständigt das Podest. Es ist der Platz Nummer 10 der Sportanlage Hardhof, direkt vis-à-vis der schmucken Grünau-Siedlung gelegen. Auf diesem Feld trug sich am 21. Mai 1995 das sogenannte «Wunder vom Hardhof» zu. Das Spiel war zwar sporthistorisch nicht ganz so relevant wie das «Wunder von Bern», also der WM-Final vom 4. Juli 1954, in dem elf hemdsärmelige Teutonen die übermächtigen Ungarn mit 3:2 in die Knie zwangen. Gleichwohl endete auch dieser Match der Zürcher Alternativliga mit einer Sensation. Die Teams, die sich konfrontierten, waren Viktoria Vollmond und Ventilator Züribar – also der stolze Titelverteidiger von 1994, eine exzellent besetzte Equipe um Altstars wie Viktor Bänziger und Andi Grieder, gegen einen Haufen krummer Beine und linkischer Füsse, dessen zugemieteter Spielmacher bekifft einlief und dessen einziger «Star» der zwar stämmige, aber krass unbewegliche Ex-Boxchamp und heutige SP-Gemeinderat Thomas Marthaler war. Kurz: Es war wie Brasilien gegen die Färöer. Und es war tatsächlich ein Match auf ein Tor, wobei die Viktorianer aber Chance um Chance versiebten – bis sie nach 75 Spielminuten durch einen geschenkten Penalty plötzlich doch in Führung gingen. Dann das Unfassbare: Kurz nach dem Wiederanpfiff kickte Ueli Meier, der zweitlimitierteste Ventilator- Spieler, mittels «Spitzgugä» den Ball zum hochunverdienten Ausgleich ins Lattenkreuz. Der Favorit brach auseinander, der Underdog siegte mit 3:1! Dass dieser Platz bis heute nicht den Wallfahrtsortstatus hat, den er verdienen würde, ist absolut unverständlich.
4. In einem harmlos wirkenden Haus an der Zweierstrasse 176 in Alt- Wiedikon geschah zu Beginn der Neunzigerjahre Blasphemisches: Jeweils am 24. Dezember fand im engen, verwinkelten und fensterlosen Keller des Gebäudes die «Garasche-X-Mas»-Party statt. Alles, was damals irgendwie einen Rang oder irgendwie einen Namen hatte, war hier versammelt; gemeinsam wurde die Hausspezialität (eisgekühlter Wodka im Reagenzglas) runtergespült, geraucht, geflirtet, getanzt. Die Anlässe waren legendär, gerade weil sie – damals galt noch das Tanzverbot an Feiertagen – brutal illegal waren. Diesem Pionieranlass ist es also wahrscheinlich zu verdanken, dass man heute an Ostern, Weinnachten etc. ganz legal abfeiern darf.
5. Zu Rang 5 gibt es eine niedliche Geschichte mit brisantem Inhalt. Es war in jener Zeit, als der hier Schreibende die 6. Klasse besuchte, also vor vielen, vielen, vielen Jahren. Wir alle waren damals fidele und sehr brave Grünschnäbel – bis, ja, bis auf dem Pausenplatz eines Tages plötzlich kleine Kärtchen zirkulierten. Auf diesen Kärtchen stand eine Telefonnummer. Keine x-beliebige Nummer, nein, es war jene von Mireille Rüegg, gemäss Opas abonniertem «Blick» die «berühmteste Edel-Dirne der Schweiz». Das klang anrüchig, verlockend. Und so riefen wir an. Kicherten. Hängten auf. Wochenlang. Mireille reagierte immer genervter, weshalb wir an einem schulfreien Nachmittag entschieden, sie vollends aus der Reserve zu locken. Wir würden ihr Bordell stürmen – oder mindestens die Klingel mit Kaugummi verkleben. Also fuhren wir mit dem Velo an die Adresse, die auch noch auf besagtem Kärtchen stand. Dort angekommen, hatten wir dann plötzlich die Turnhosen voll; direkt nach dem Klingeln rasten wir radelnd in den Franz Carl Weber. Und Mireille? Die machte Karriere, wurde zur reichen Businessfrau und heiratete Lee «Scratch» Perry, den voll abgedrehten Erfinder der Dub-Music. Mit ihm haust sie heute in einer Villa am Zürichsee. Da das berüchtigte Kärtchen leider unauffindbar war, basiert die Adresse des Wallfahrtsorts (also das Haus, in dem Mireille damals Sex verkaufte) auf diffuser Erinnerung: Es ist entweder die Ottikerstrasse 24 oder die Volkmarstrasse 10, beides edle Häuser.
6. Die am 18. Mai 1991 gestartete Okkupation des Wohlgroth-Areals an der Ecke Klingen- und Josefstrasse im Kreis 5 war die grösste Hausbesetzungsaktion, welche die Schweiz jemals erlebt hatte. Das riesige, von jedem Bahnreisenden gut zu sehende Graffito «Alles wird gut» symbolisierte dabei die ironisch-kämpferische Haltung der Besetzer, die im Wohlgroth eine richtige kleine Stadt mit Wohn-, Kultur- und Sporträumen, einer öffentlichen Bar, einer Küche oder einer Bibliothek (offizieller Titel: «Läsothek») einrichteten. Bisweilen wohnten über 100 Leute in der Wohlgroth, hinzu kamen an den Wochenenden Massen von Konzert- und Barbesuchern. Nach etlichen Grossdemos und Verhandlungen mit der Stadt – den Besetzern wurde als Alternative ein Grundstück in Seebach angeboten, welches man ablehnte – wurde dieses lebensfreudige Mahnmal des Widerstands am 23. September 1993 von der Polizei gewaltsam geräumt. Heute steht dort ein nüchterner Bürokomplex; nichts erinnert mehr an die bewegte und bewegende Zeit – nicht mal eine Gedenktafel.
7. Der St. Peter ist die Kirche mit dem grössten Zifferblatt in Europa, das lernt (oder lernte man wenigstens früher) in der Schule. Die wahre Attraktion ist aber nicht die Kirche, sondern der offene Platz davor, (un-)bekannt als St. Peterhofstatt. Alle, die urbane Stille suchen, rennen sofort an den See oder an den Fluss, in die Parks oder auf den Uetzgi. Dabei existiert im ganzen Stadtgebiet kein märchenhafterer Kraftort als die St. Peterhofstatt. Tipp: In der Buchhandlung Beer (direkt am Platz) eine Novelle posten, aufs Rundumbänkli unter der Buche sitzen, ein paar Stunden lesen, dann im 30 Meter entfernten Veltlinerkeller Züri-Gschnätzlets und Barbera geniessen. Der König von Frankreich würde vor Neid erblassen.
8. Es ist eine Behauptung, doch jene, die dabei waren, werden es bestätigen. Unter dem Escher-Wyss- Platz gibt es einen riesigen Raum, eine Art Luftschutzkeller. Und genau dort fand irgendwann in den Nineties die beste Zürcher Party aller Zeiten statt. Es war eine Goa-Fete, veranstaltet vom äusserst kreativen Happy-People-Kollektiv, das normalerweise in den Stadtwäldern aktiv war. In jener Nacht aber wurden mitten im Citydschungel alle irdischen und extraterrestrischen Arten von Liebe zelebriert. Gegen das, was da unten abging, war Woodstock die reinste Pilgerfahrt. Aberschosicher.
9. Das deutsche «Focus»-Magazin publizierte kürzlich folgende Zeilen: «Regionalwache City der Stadtpolizei: Schönster Eingang zu einer Polizeiwache, gestaltet vom Künstler Augusto Giacometti. Die Halle ist täglich von 9 bis 11 und von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Besucher müssen ihren Ausweis am Eingang abgeben.» Danke, Deutschland. Auf diesen Ort wären wir definitiv nie gestossen.
10. Klar, das musste ja noch kommen, denn ohne Klo ist gerade diese spezifische Top-10-Liste definitiv unglaubwürdig. Die Wahl fiel auf die Männer-Toilette des El Lokal an der Gessnerallee 11, präziser auf die beiden Pissoirs: die kuratierten Wände, die man, dort stehend und pinkelnd, begutachten kann, wären eigentlich einen Eintritt wert. Letzigrund, Grossmünster, Göpf Kellers Trinkstube: Zürich hat viele offizielle «Kultstätten» – dabei sind die geheimen fast spannender. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.07.2009, 08:08 Uhr
Kommentar schreiben
6 Kommentare
Diese legendäre Pary in der Unterführung des Escher-Syss-Platzes habe ich auch miterlebt, nämlich als Bewohner. Mir hat des nicht gefallen. Von Freitag bis am Sonntagmorgen immer diese Belästigung durch extrem laute Bässe. Der Veranstalter hatte überhaupt kein Verständnis für meine Beschwerde. Irgendwann wurde mir das zu bunt und ein Plattenspieler ging zu Bruch und der DJ wollte mich verprügeln. Antworten




