Die 10 beliebtesten Nörgeleien
Von Jürg Rohrer. Aktualisiert am 18.08.2009 21 Kommentare
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1.Die meistbemäkelte Person in Zürich ist Esther Maurer. Die Polizeivorsteherin aus der SP kann tun und lassen, was sie will, sie regt die halbe Stadt auf. Beizer möchten die ganze Nacht draussen auftischen, die Schwulen wollen an jeder Ecke einen Darkroom, die Gewerbler parkieren, wos ihnen passt, die Fussballfans wollen Starkbier vor dem Stadion, die Partygänger ständige Freinacht, die Autofahrer auf die Pedale drücken. Allen setzt die Polizeivorsteherin Grenzen, indem sie berufshalber das Gesetz anwendet. Gesetze und Regeln sind ja schon recht, meint das Individuum, aber in meinem Fall ists doch was anderes – denkt so und schickt gleich noch eine Meckerei in Richtung Amtshaus I mit dem Polizeidepartement.
2.In Zürich hats keine Parkplätze – ein Gejammer in der Endlosschlaufe. Zwar stehen allein im Kreis 1 und Umgebung etwa 7800 öffentliche Parkplätze zur Verfügung, aber «geklönt» wird trotzdem. Weil man eben nicht direkt vor dem Sprüngli parkieren kann oder mitten in der Delicatessa. Nur wenige Schritte trennen den Einkaufsrausch vom Parkhaus Gessnerallee, wo es fast immer Dutzende, wenn nicht Hunderte von freien Parkplätzen hat. Aber weil sie unterirdisch sind, gelten sie dem Nörgelcharakter nicht als richtige Parkplätze.
3.Zürich ist eine einzige Baustelle – ein Klassiker des «Klönens», die Mutter aller Nörgeleien. Ohne nachzuzählen, wissen die jammernden Zürcherinnen und Zürcher, dass es jedes Jahr mehr Baustellen werden und dass die Bauerei immer länger dauert. Auch ist allen klar, dass das Tiefbauamt unter der Grünen Ruth Genner einzig deshalb baut, um den Privatverkehr zu schikanieren. Zur Baustelle gehört zudem die Klage, dass dort zu wenig gearbeitet wird und die Arbeiter sich erdreisten, Pause zu machen. Die Zürcher in ihren klimatisierten Büros erwarten auf der Baustelle Arbeitsverhältnisse wie im 19. Jahrhundert.
4.Pfosten, nur in Zürich hats so viele Pfosten! Ebenfalls ein Nörgelhit für Automobilisten, ein Archetyp des Meckerns, der sich nicht beirren lässt von all den Städten im Ausland, wo die Pfosten hässlicher sind als bei uns, dafür zahlreicher. Der Pfosten ist die freche, aufgerichtete Einschränkung, stoisch in seinem Auftrag und gerade deshalb doppelt provozierend. Die Leute würden ihn treten und würgen, wenn der Tritt dem Pfosten weh täte und nicht ihrem Schienbein. Dass die Alternative zum Pfosten ein falsch parkiertes Auto ist, interessiert das Genörgel nicht.
5.Was der Pfosten für die Stossstange, ist die Busse fürs Portemonnaie: ein böswilliger Angriff, der einen unverschuldet trifft. Die Schuld liegt beim Staat: Nicht ich habe zu lange parkiert, sondern der infame Staat zockt mich ab, indem der Polizist nicht gelten lässt, dass man nur deshalb 15 Minuten zu lange parkiert hat, weil die Schlange vor der Kasse 15 Meter mass. Oder die Velofahrer: Wenn sie ausnahmsweise einmal gebüsst werden, verstehen sie mit ihrer moralisch überlegenen Mobilität die Welt nicht mehr. Alle Bussennörgler sind sich einig, dass die Polizei bei ihnen persönlich ein Auge zudrücken müsste. Letztlich sollte das Polizeicorps aus lauter Einäugigen bestehen.
6.So böswillig der Verkehrspolizist dem Autofahrer erscheint, so hinterhältig der Tramchauffeur dem VBZ-Kunden. Das Gejammer über das Tram, das einem vor der Nase abfährt, übertönt in Zürich sogar das Gerumpel in den Cobras. Unbestritten ist, dass jedes Tram einmal abfahren muss, sonst ist es kein Verkehrsmittel, sondern ein Stehmittel. Drinnen wollen 200 Fahrgäste nach Hause, draussen will einer im letzten Moment noch rein. 200 sind für subito Losfahren, einer für Warten. Und diese 200 sehen dann amüsiert oder indigniert, wie dieser eine, der draussen bleiben muss, gegen das Tram tritt und Flüche ausstösst – die Aufgabe jeglicher Contenance wegen sieben Minuten Warten. Am nächsten Morgen ist der 1 einer der 200, der nichts dringlicher will, als dass das Tram losfährt, und zwar subito.
7.Das meistgeschmähte Haus in Zürich ist das Globus-Provisorium, Inbegriff eines Schandflecks. Schandflecke gibt es auch in jedem Quartier, dort eine alte Scheune, hier eine neue, zu hohe Wohnsiedlung. Doch das Globus-Provisorium gilt als noch schändlicher, als Grossmutter aller Flecken. Dabei handelt es sich doch um einen einfachen, elegant gegliederten Leichtbau, entworfen vom renommierten Architekten Karl Egender. Warum also das ständige Genörgel? Weil es offenbar stört, dass sich Zürich an dieser prominenten Lage noch nicht in Stein festgelegt hat. Oder besteht die Provokation darin, dass in Zürich noch nie jemand eine gute Idee hatte, was man dort hinstellen könnte. Fest steht: Dieser Ort überfordert die Einwohner. Ein Stadtlabor spukt als Idee herum, doch brauchts das? Was es immer braucht, sind Kalbsplätzli und Bier. Also ist der Coop dort gar nicht so deplatziert.
8.Der Penalty im Nörgelspiel ist die Kunst im öffentlichen Raum, eine 100-prozentige Chance zum übereinstimmenden Meckern in grosser Runde. Ein Hafenkran am Limmatquai, ein chinesisches Holzhaus am Escher-Wyss-Platz – fremd, teuer, nutzlos. Wie immer, wenn es um Kunst geht, haben die Sachverständigen um mehr Ecken gedacht, als es dem einfachen Bürger und Steuerzahler möglich ist. Dafür lieben die Bürger die City-Vereinigung, die sich mit ihren Kühen, Teddys und gegenwärtig Pflanzentöpfen auf den Strassen so direkt, verständlich und herzig ans Volk wendet.
9.Gibt es eine andere Stadt mit so viel Stau? Der Nörgler auf vier Rädern weiss: nein. Ursache und Verschulden? Siehe Rang 3 in der Hitparade.
10.Die zweitmeistbemäkelte Person in Zürich ist der Stadtpräsident oder jetzt die Stadtpräsidentin. Als Zürichs Repräsentanten sind sie besonderer Meckergefahr ausgesetzt. Mit ihren unzähligen Terminen haben sie unzählige Möglichkeiten, sich ins Fettnäpfchen zu setzen – auch indem sie gar nicht auftreten wie oft die linken Oberhäupter am Sechseläutenumzug. Über Corine Mauch wird bereits gemault, sie sei in Zürich gar nicht präsent, abgesehen von ihren Reden an den schwullesbischen Festspielwochen. Bei Elmar Ledergerber lautete der Vorwurf umgekehrt: zu viel Auftritte, zu viel Reden von König Elmar, zu viel leere Versprechungen. Ledergerber hat man immerhin verstanden, wenn er vom Stadion schwärmte und von den Wundertaten des Stadtrates. Vorgänger Josef Estermann dagegen redete immer so, dass im Publikum das grosse Augenrollen losging: zu viel Soziologie, so viele Fremdwörter. Die Unzufriedenheit und das Gemecker über den Stadtrat fand dann am 21. Mai 2000 einen krassen Ausdruck: Annahme der Volksinitiative «220'000 sind genug», per Volksabstimmung dem Stadtrat den Lohn gekürzt. Die Nörgelei in Zürich fand damit erfolgreich ein politisches Profil – und nimmt sich seither noch wichtiger.
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Erstellt: 17.08.2009, 21:03 Uhr
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21 Kommentare
Nörgeln - und das ist man sich häufig nicht bewusst - gehört hierzulande zum sozialen Kulturgut. Es steht einer modernen schweizer Stadt sehr gut, wenn sie auch fürs Nörgeln hier und da einen qualitativ hochstehenden Bezugsgegenstand bereitstellt. Könnten wir nicht über alles nörgeln, hätten wir Depressionen... Antworten
Sehr gut! Weitere Nörgeleien: zu wenig günstige Wohnungen (insbesondere für Doppelverdiener-Akademiker, ohne Kinder mehr als CHF 2200 ist bei 200k Einkommen Zumutung); Architektur in Zürich ohne Inspiration; zu viele Kampfhunde und zu viel Hundekot auf Strassen; keine Krippenplätze, oder dann zu teuer; zu viele SUV mit zu vielen blondierten Goldkuestenmuttis, die zudem nicht autofahren können Antworten


































