Zürich

Für die Russen ist Zürich die Nummer 1

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 14.10.2009

Der Russe, das weiss der Marketingchef von Zürich Tourismus, der Russe reist, um zu shoppen. Nichts tut er in seinen Ferien lieber, als in Luxusboutiquen sein Geld auszugeben. Auf der neuen Internetsite von Zürich Tourismus, die sich speziell an russische Gäste richtet, empfiehlt er ihnen deshalb einen Abstecher ins noble Modehaus Grieder - während er den Franzosen das Landesmuseum ans Herz legt, den Spaniern die Kürbisfarm in Seegräben und den Deutschen die Designmesse Blickfang.

Seit einigen Jahren kommen immer mehr russische Touristen nach Zürich, selbst in den Krisenjahren 2008 und 2009, in denen die Gäste aus anderen Ländern spärlicher kamen, legten sie zu und liegen nun mit 74 000 Logiernächten hinter den Spaniern auf Platz 8. Nun will Zürich Tourismus diesen Wachstumsmarkt noch intensiver bearbeiten: Die Organisation stockt ihr Marketingbudget auf und gibt unter anderem einen russischen Cityguide und eine russische Imagebroschüre heraus - in wunderschöner kyrillischer Schrift.

Russen lieben Zürichs Luxus

«Russland birgt mit seinen 146 Millionen Einwohnern ein riesiges Potenzial», sagt Maurus Lauber, Marketingchef von Zürich Tourismus, gestern vor den Medien. Und seit die Schweiz dem Schengenraum angehört, ist es auch einfacher geworden, dieses Potenzial abzuschöpfen: Die Russen können einfacher in die Schweiz einreisen. Zudem haben sie die Wahl zwischen täglich fünf Flügen zwischen Zürich und Moskau respektive St. Petersburg. Der Tourismusorganisation kommt es dabei entgegen, dass Zürich bei den Russen sehr hoch im Kurs steht: «Die Stadt hat für sie etwas Premiummässiges», sagt Lauber. An der Bahnhofstrasse etwa finden sie fast alle grossen Luxusmarken, das Angebot an Kulturveranstaltungen und trendigen Clubs und Restaurants ist immens. Zudem schätzen sie die gute medizinische Versorgung und das Wellnessangebot. In Russland haben sich die Vorzüge Zürichs offenbar herumgesprochen, denn 2008 kamen erstmals mehr Russen nach Zürich als nach Genf, ihre bisherige Nummer 1. Auch Zermatt und St. Moritz sind bei den Russen beliebt, wegen ihrer relativ kurzen Saison können sie aber nicht mit Zürich mithalten.

Zürich Tourismus will aber nicht nur mehr Russen nach Zürich holen, sondern auch mehr Polen, Tschechen und Rumänen. Mit der Ostwerweiterung der EU sind auch diese Länder interessant geworden. Und: Das Ansehen der Schweiz ist dort hoch, insbesondere bei den älteren Tschechen, die noch erlebt haben, wie die Schweiz 1968 nach dem Prager Frühling Flüchtlinge aus ihrem Land aufgenommen hat.

Japaner sind alt und reisemüde

Gleichzeitig fährt Zürich Tourismus seine Aktivitäten in Amerika und Japan zurück; Tourismusdirektor Frank Bumann rechnet im krisengebeutelten Amerika nicht so rasch mit einer wachsenden Nachfrage, und das überalterte japanische Volk ist etwas reisemüde geworden und bevorzugt nähergelegene Destinationen wie Indien. Zürich Tourismus schränkt seine Aktivitäten nicht ohne Not ein. Die Organisation bekommt von den Hoteliers 2.50 Franken pro Übernachtung, um für sie Werbung zu machen. Nun haben jene in der Region Zürich zwischen Januar und August aber 230 000 Übernachtungen (7,1 Prozent) weniger verkauft als in diesen Monaten im Vorjahr.

Gross war der Einbruch in der Stadt Zürich (-8,4 Prozent), die stark vom Geschäftstourismus abhängt. Dadurch sind die Preise unter Druck gekommen und um durchschnittlich 15 Prozent gesunken. Noch härter war der Preiskampf in der Flughafenregion. Dort ist die Zahl der Übernachtungen zwar gestiegen (+ 3,8 Prozent), gleichzeitig aber auch das Übernachtungsangebot. Allein das neue Hotel Radisson direkt beim Flughafen verfügt über 300 Zimmer. Dennoch sagt Bumann, die Zürcher Hotels seien glimpflich davongekommen: Die Zahl der Übernachtungen liegt nun auf dem Stand 2006, was ein «ansprechendes Jahr» war.

Der Tourismusdirektor schaut nicht allzu pessimistisch in die Zukunft: Im «Wirtschaftsmonat September» ist die Nachfrage bereits wieder gestiegen, und vorausgesetzt, die Konjunktur taucht nicht erneut, rechnet er für 2010 mit einer Entwicklung der Übernachtungszahl zwischen plus/minus 2 Prozent. Lenin war 2004 «on tour». Jetzt sollen noch mehr Russen kommen. Foto: Reto Oeschger (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2009, 02:01 Uhr

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