Bierbrauerei liefert den Saft für die Dampflok der Zukunft

Mit Abfalldampf aus Industrieanlagen will Tüftler Roger Waller Rangierloks, Ökotaxis oder Fähren betreiben – und damit Millionen Liter Diesel sparen.

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Von Ruedi Baumann

Winterthur/Schaffhausen – Wer glaubt, dass eine Bierbrauerei nur kühles Bier liefert, liegt spätestens seit gestern falsch. Eine Brauerei produziert auch heissen Dampf für das Erhitzen der Würze oder das Sterilisieren der Anlage. Die Brauerei Falken in Schaffhausen hat zwei grosse Sulzer-Kessel mit 170 Grad heissem Dampf, der unter einem Druck von 8 bar steht. Diese Kessel waren gestern der Energielieferant für die erste Eisenbahntankstelle der Schweiz.

«Tschu-tschu-tschu» tönten die beiden grün-roten Dampfloks mit Jahrgang 1987, als sie am Dienstag- und Mittwochmorgen einen Passagierwagen mit je 30 Energiefachleuten, Industrievertretern und Journalisten vom Bahnhof Schaffhausen zur Brauerei Falken zogen. Die beiden 50-Tonnen-Lökeli – günstig in der DDR gekauft – tönen wie echte Dampfloks und dampfen, wie sich das gehört. Aber: Sie rauchen nicht. Denn im Unterschied zu einer konventionellen Dampflok sind die grünen Rangierloks nicht befeuert.

Am Tankstopp vor der Brauerei wurde deshalb weder Kohle geschaufelt noch Heizöl gebunkert. Über einen armdicken Schlauch liess der Lokführer eine Viertelstunde lang 170 Grad heissen Dampf in den Kessel der Lokomotive strömen. Diese Ladung reicht für einen halben Tag Rangierbetrieb. Die beiden 50-Tonnen-Speicherloks sind übrigens nicht zu unterschätzen. Sie können über 30 Güterwagen ziehen, sind leiser und viel sauberer als eine Diesellok.

Kopf hinter den grünen Rangierloks ist der Ingenieur und Dampflokbauer Roger Waller (58), Chef der Winterthurer Dampflokomotiv- und Maschinenfabrik DLM (TA vom 14. Juni). Waller ist ein weltweit anerkannter Profi und Vater der modernen Brienzer Rothorn-Bahn, des revaporisierten Raddampfers Montreux auf dem Genfersee oder der wunderschönen Orientexpress-Dampflok. Er ist ein bedächtiger Tüftler. «Aber jetzt habe ich die Geduld verloren», sagte er gestern. Also ist er vom Zeichenbrett in Winterthur und der Werkbank in Schaffhausen aufgestanden und hat in der Fachwelt einen Wirbel veranstaltet.

Waller ist absolut überzeugt, dass die vor 220 Jahren von James Watt entwickelte Dampfmaschine eine grosse Zukunft hat. Ihre Vorteile: Sie braucht nur Energie, wenn sie arbeitet, sie kommt ohne Getriebe und Kupplung aus, hat zum Anfahren ein sehr hohes Drehmoment, und vor allem produziert sie null Emissionen ausser Wasserdampf.

Der Dieselmotor dagegen ist ein konstant blubbernder Stinker. Eine Dieselrangierlok läuft zu 75 Prozent leer. Die SBB verbrauchen laut Waller im Jahr 12,8 Millionen Liter Diesel. Mit seinen grünen Speicherloks möchte er überall dort Diesel-Rangierloks ersetzen, wo Prozesswärme vorhanden ist: In Domat/Ems zum Beispiel liessen sich mit Heisswasser aus dem Axpo-Holzkraftwerk pro Jahr 100?000 Liter Diesel durch CO2-neutrale Biomasse substituieren.

Auch die Migros-Verteilzentrale Suhr hat Waller im Visier. Dort haben sich die Angestellten beschwert, weil bis zu 12-mal am Tag eine stinkende SBB-Diesellok in den geschlossenen Lagerraum einfährt. Pläne hätte Waller auch für die Zürichseefähren, die pro Jahr 4,5 Millionen Liter Diesel verbrennen. Mit Dampf aus der KVA Horgen könnten diese viel umweltschonender betrieben werden. Zudem baut Waller im Moment ein Dampftaxi, um in Ferienorten wie Braunwald, Zermatt oder Wengen Batterie- oder Benzinfahrzeuge zu ersetzen.

Unterstützung erhält Waller von Michael Spirig vom Bundesamt für Energie: «200-grädiger Dampf hat die Energiedichte eines Lithium-Ionen-Akkus», sagte dieser. Und Frank Tillenkamp von der ZHAW Winterthur erklärte: «Häufig wissen Industriebetriebe gar nicht, wohin mit der Abwärme, weil sie vor allem an ihren eigenen Produkten interessiert sind.» Willy Frank von der Swiss-Excellence-Stiftung wies darauf hin, dass Fernwärmeprojekte – etwa aus KVA – durch den Minergiestandard mittelfristig gefährdet seien, weil sich die teuren Investitionen nicht mehr rechnen.

«Dampf ist in gewissen Anwendungen billiger und sauberer als Diesel und wird sich früher oder später durchsetzen.»

Roger Waller, Dampfmaschinenexperte

Die frisch renovierte Speicherlok aus der DDR fährt zum Auftanken in die Brauerei Falken in Schaffhausen. Foto: Tom Kawara

Erstellt: 27.10.2010, 23:20 Uhr

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