Zürich
Der Schlossherr mitten in Zürich
Von Nicola Brusa. Aktualisiert am 21.09.2010 12 Kommentare
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Für Edgar Schwyn war es Schicksal, wie er zum Schloss Sihlberg kam: Der «Tages-Anzeiger» schrieb «Alte Dame sucht solventen Schlossherrn», da war Schwyn, Architekt und Ökonom, gerade zwei, drei Jahre von seiner Frau geschieden. Und er dachte sich: «Eine Schlossdame? Warum nicht.»
Das war vor bald sechs Jahren. Inzwischen ist ein Rechtsstreit um ebendiese alte Dame – die Villa Sihlberg – entbrannt, der nach Baurekurskommission und Verwaltungsgericht bald auch das Bundesgericht beschäftigen könnte, sollte die Stadt nicht «endlich einlenken». Nur dann würde Edgar Schwyn vom Gang nach Lausanne absehen. Denn in den Augen des Schlossherrn verwehrt ihm die Stadt, sein Eigentum zu nutzen, wie er es will: Er darf keine grossen Feste feiern, er darf keine Mietstudios einbauen, er darf das Grundstück nicht nach seinen Vorstellungen überbauen (der TA berichtete).
Er probt den Aufstand
Allzu sehr auf die Juristen und Richter scheint der Schlossherr nicht mehr zu hoffen. Er plant den Aufstand. Bis auf weiteres lädt er jeden Samstag das Volk auf sein Schloss, poltert gegen die Stadt, die aus seiner Sicht «ihre Macht missbraucht», ihn schikaniert und seine «Grundrechte mit Füssen tritt». Zudem sammelt er Unterschriften von Leuten, die wie er «die vollkommen freie, multifunktionale Nutzung von Schloss Sihlberg sowie die Löschung der Unterschutzstellung des Gartens und die Freigabe für eine Überbauung gemäss Bauordnung» fordern. Beim ersten «Open Castle» am 11. September liess er sich dazu hinreissen, die Angriffe der Terroristen auf Amerika vor neun Jahren mit den Angriffen der Stadt auf sein Eigentum zu vergleichen.
Wenn man Edgar Schwyn fragt, wie viele Bundesordner seine Rechtshändel mit der Stadt schon füllen, denkt er einen Moment nach und lächelt dann. Sicherlich nur einen Bruchteil von dem, was sich bei der Stadt angesammelt habe. Edgar Schwyn, 59, schlohweisses Haar, blaue Augen, braun gebrannt und immer weiss (maximal beige) gekleidet, erzählt ruhig, fast emotionslos. Wenn er in der Sache etwas verloren habe, dann «den Glauben an das Recht», sagt er – und zuckt mit den Schultern. Und das obschon ihm das Recht viel bedeute. Er, Harley- und Autofahrer seit Jahrzehnten, beteuert, noch nie eine Busse erhalten zu haben. Mit dem Recht in Konflikt geraten sei er erst als Schlossherr.
Polizei nimmt ab, Schwyn nicht
Eine Juristin und Mediatorin beim Hochbauamt hat mehrere Male mit Schwyn an einem Tisch gesessen und die Causa Sihlberg verhandelt, war mit ihm bei der Ombudsfrau. Sie sagt, Schwyn sei ein charmanter, äusserst höflicher Mann. Nie seien die Gespräche aggressiv gewesen. Sie sagt, die Sache würde sich erheblich vereinfachen, wenn sich Schwyn kooperativ verhalten würde – zum selben Schluss kamen auch die Gerichte. Doch das Problem ist: «Es war bisher nicht möglich, mit Edgar Schwyn verbindliche Abmachungen zu treffen.» Auf sein Wort sei kein Verlass. Einmal spreche er von einer Wohnnutzung, dann davon, das Schloss an eine Bank zu veräussern, dann wieder wolle er es für Partys nutzen.
Edgar Schwyn sieht es als das grösste Privileg des Schlossherrn, dass er an alle Feste im Haus eingeladen werde. «Wenn einem die Party nicht mehr gefällt, geht man nach oben und legt sich schlafen.» Schwyn kokettiert damit, dass in seinem Haus Feste gefeiert werden, die dort eigentlich nicht gefeiert werden dürfen. Und er provoziert: Am Tag der offenen Tür sagte er gegenüber dem Schweizer Fernsehen, er hätte «noch Freude daran», wenn ihn die Feuerpolizei verzeigen würde, weil er sich offensichtlich nicht an ihre Anweisungen hält. Anwohner sagen, immer wieder würden auf dem Schloss Partys gefeiert. Dann lägen jeweils Zettel im Briefkasten, man solle sich bei Beschwerden doch bitte an den Schlossherrn und nicht an die Polizei wenden. Im Gegensatz zu Schwyn nehme die Polizei die Anrufe immerhin entgegen, sagt ein Nachbar.
Edgar Schwyn kam mit 14 in die Schweiz. Seine Mutter sei dem Irrtum erlegen, hier wären die Schulen um Welten besser als in Holland. Sein Vater war nach dem Zweiten Weltkrieg von Alusuisse nach Rotterdam geschickt worden. Wegen der salzigen Luft waren eloxierte Aluminiumplatten zur Verkleidung von Fassaden beim Wiederaufbau Rotterdams gefragt. An der ETH schloss Edgar Schwyn ein Architektur-, an der Uni ein Ökonomiestudium ab. Weil er eigentlich ewig Student sein wollte, hängte er noch einige Semester Jura an, daneben arbeitete er für einen Juristen, der im Immobilienbusiness tätig war. 1980 liess er das Studieren sein und erwarb mithilfe der Bank seine erste Liegenschaft am Römerhof. Eine Wohnung nach der anderen baute Schwyn aus und vermietete sie möbliert an Banken, Versicherungen und Grossfirmen. Er kaufte sich weitere Häuser in Zürich – und baute sie immer nach dem gleichen Prinzip um: Wohnung um Wohnung, mit eigenen Leuten, die er jeweils für die Dauer des Umbaus beschäftigte. Anders ginge das nicht, meint Schwyn. Er sei eben eine One-Man-Show.
Das Schloss zahlte er bar
Das Schloss auf dem Sihlberg, erzählt Edgar Schwyn, habe er zum grossen Teil bar bezahlt. 1 Million angezahlt, 6,5 Millionen auf Hürlimanns Tisch gelegt. Dies, nachdem ihm eine Schweizer Grossbank die bereits zugesagte Finanzierung im letzten Moment verweigert habe. Ein 2 Prozent höherer Zins, beschied ihm der höchste Jurist der Bank, oder kein Kredit. Ob man ihn erpressen wolle, habe er zurückgefragt – und seinem Nachbarn eine SMS geschrieben: «Willst du mein Haus immer noch kaufen?» Der Deal sei innert Wochenfrist abgewickelt worden, Einfamilienhaus in Zollikon gegen Herrenhaus in Zürich, «ein guter Deal, nicht?». Vertretern der Grossbank habe er es gestattet, bei der Übergabe des Geldes dabei zu sein – «sie wollten Martin Hürlimann kennen lernen». Das war Ende Januar 2005.
Was Edgar Schwyn hätte ahnen müssen: dass die Stadt gedenkt, das Schloss Sihlberg unter Schutz zu stellen (was der Stadtrat im Mai 2007 definitiv beschloss). Immerhin ist die Villa seit 1986 im kommunalen Inventar eingetragen, zudem verhandelte die Denkmalpflege mit der Familie Hürlimann über einen Unterschutzstellungsvertrag. Bloss mass Schwyn der Sache keine grosse Bedeutung bei und baute das Herrenhaus während eineinhalb Jahren um. Unter Beizug der Denkmalpflege und des Kreisarchitekten, sagt Schwyn. Bei der Stadt heisst es, man habe mit ihm gesprochen, nie aber in Änderungen eingewilligt.
Das Haus war in einem erbärmlichen Zustand: verschimmelte Wände, vergammelte Böden, Risse in Wänden und Decken, veraltete und marode Installationen. Für die Renovation – 5 Millionen Franken soll sie verschlungen haben – holte sich Edgar Schwyn auf dem RAV zehn Arbeitslose – so wie er das immer machte. Nur für besonders anspruchsvolle Arbeiten zog er Spezialisten bei. Er selber wohnte in dieser Zeit im Schloss, «mitten auf der Baustelle», plante und half mit, wo er mithelfen konnte.
Erd- und erstes Obergeschoss sind zweifelsohne sehr schön geworden. Inwiefern die Sanierung den denkmalpflegerischen Ansprüchen genügt, darüber streiten sich die Parteien. Die Denkmalpflege spricht von einer «teilweisen Zerstörung», die Gerichte kommen bisher zum Schluss, die Arbeiten seien weder fachmännisch noch mit dem nötigen Respekt vor dem Bau ausgeführt worden. Zwei Räume wurden denn auch wieder aus dem Inventar entlassen. Sie seien von Schwyn derart verändert worden, dass sie «keine schutzwürdigen Elemente mehr enthalten».
Die Villa weggeschnappt?
Als die Denkmalpflege kurz vor dem Ende des Umbaus vorbeischaute, diesmal im Beisein ihres Chefs, kam sie zur Ansicht, dass der Bauherr Veränderungen ohne die nötigen Bewilligungen vorgenommen hatte. Sie verhängte ein einjähriges Veränderungsverbot. Was Edgar Schwyn nicht daran hinderte, die angefangenen Arbeiten fertigzustellen.
Urs Spinner, der Sprecher des Hochbauamts, nannte ihn deswegen im Schweizer Fernsehen «einen Rechtsbrecher». Er versuche immer wieder, mit eigenmächtigem und unkooperativem Verhalten die Behörden vor vollendete Tatsachen zu stellen. Edgar Schwyn bestreitet denn auch nicht, sich den Anweisungen der Behörden zu widersetzen – nämlich immer dann, wenn sie seinem Rechtsverständnis nicht entsprechen, gegen den gesunden Menschenverstand verstossen und überhaupt einzig und alleine die Schikane zum Grund haben.
Und das haben aus Sicht Schwyns alle Beschlüsse, Verweigerungen und Verzeigungen. Sein Verdacht: Die Stadt verfolgt einen niederen Plan. Sie will – und wollte schon immer – die Villa zu einem symbolischen Preis von 1 Franken «überlassen erhalten». So, wie sie damals die Klopstockwiese von den Hürlimanns erhalten habe.
Für 17 Millionen Franken wollten Hürlimanns die Villa ursprünglich veräussern, dann korrigierten sie den Preis auf 13 Millionen. Über 70 Interessenten schauten sich die Baute an, winkten aber ab. Schliesslich übernahm Schwyn – «für ein Trinkgeld». Wie also, frage er sich, ist es möglich, dass eine Liegenschaft an allerbester Lage mit einem Wert von mindestens 50 Millionen Franken so lange unverkäuflich ist? Schwyns Antwort: weil die Stadt den Verkauf verhindern wollte. Und er büsse jetzt dafür, dass er die städtischen Pläne durchkreuzt habe. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.09.2010, 12:38 Uhr
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12 Kommentare
Ich habe mir grad den Dachstock angeschaut. Dass da der Heimatschutz einen Nervenzusammenbruch kriegt, ist verständlich. Es ist auch völlig klar, dass man ein so grosses Areal nicht so günstig kaufen und dann meinen kann, man dürfe es jetzt einfach nach eigenem Gusto überbauen. Sonst hätte ich das für 6.5 Mio. auch gekauft und die Villa einfach abreissen lassen. Die Stadt muss hart bleiben! Antworten
@ T.Ingold, 13:26 Uhr. Ja, ich war in der Villa. Mir gefällt die Villa (Meinungsfreiheit!.) Ich selbst habe auch schon in der Stadt gebaut. Ich durfte keine schönen Sachen anbringen, musste auf Befehl der Denkmalpflege dies und das unschön machen. Es kam mir billiger, war dafür weniger schön. Ich fügte mich, da es oft keinen Sinn macht, gegen die Stadt mit unendlich viel Geldressourcen anzutreten. Antworten
Der Mann ist Architekt ETH. Demzufolge muss er über das Baurecht genau Bescheid wissen. Er hat ein zweites Studium abgschlossen. Somit ist der Mann nicht blöd. Jemand der wie Herr Schwyn gegen das Baurecht verstösst, kann keine Nachsicht erwarten. Ich erwarte von unserenBehörden, dass sie mit allen Miteln das Recht durchsezten. Einen 2. Fall wie auf dem Uetliberg darf es nicht geben. Antworten
Aha: Warum sollte also jemand eine 50-Millionen-Villa samt Umschwung zum "Schnäppchenpreis" von 7,5 Mio. erhalten...? Glaubt Schwyn tatsächlich, er sei der Einzige, der so "schlau" sei? Andere Interssenten wussten natürlich um die (anstehende) Unterschutzstellung und die damit verbundenen Pflichten; so auch Schwyn! Weshalb sonst hätten die Hürlimanns sich 42,5 Mio. ans Bein streichen sollen...? Antworten
Grüezi Frau Rutz, haben sie den ausgebauten Dachstock gesehen? Mir standen die Haare zu Berge. Ich bezweifle stark, ob ohne Mithilfe der Denkmalpflege die Stadt "schöner" würde, das Gegenteil wäre der Fall, wenn jeder einfach draufloswurschtelte. Falls sie nicht schon vor Ort waren, versuchen sie's an einem der weiteren Samstage. Antworten
Man wähnt sich in einem kommunistischen Staat. Aber eine links-grün dominierte Regierung ist ja fast dasselbe. Statt die Eigeninitiative zu fördern, vergreift sich der Staat konstant am privaten Eigentum der Bürger, seine Gier kennt keine Grenzen. Unfassbar, mit welcher Macht die Beamten bereits ausgestattet sind und wie wenig kooperativ sie sich benehmen. Antworten
das problem ist, dass die denkmalpflege ein negatives menschenbild hat. die denkmalpflege glaubt nicht, dass der mensch von sich selbst aus etwas schönes will, obschon die villa sihlberg von hürlimanns freiwillig so gebaut wurde und edgar schwyn auch viel schönes macht. würden die denkmalpfleger ihre energie in eigenen projekten verwirklichen, anstatt andere zu plagen, würde züri noch schöner!!! Antworten
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717 Parkplätze wurden in der Stadt oberirdisch abgebaut. Ist die städtische Politik hierzu richtig?



Jens Gloor
Warum kauft die Stadt die Villa Sihlberg nicht selbst, wenn sie so besorgt ist, dass dem Haus Genüge getan wird? Die Stadt hat ja sonst auch keine Bedenken z.B. denkmalgeschützte Häuser (Fall 'Central') zu enteignen und nachher abzureissen. Auch hier ist die Stadt wieder heuchlerisch-unehrlich gegenüber ihren Bürgern und Steuerzahlern - wie lange lassen wir uns das noch bieten? Antworten