Zürich

Deutschkurse für Dreijährige: Fachleute streiten über SP-Forderung

Aktualisiert am 02.09.2010

Obligatorischer Unterricht vor dem Kindergarten soll die Integration von Migrantenkindern verbessern.

Von Martin Huber

Zürich – Mit 60 zu 57 Stimmen hat das Zürcher Stadtparlament am Mittwochabend ein SP-Postulat überwiesen, das den Stadtrat auffordert zu prüfen, wie eine systematische sprachliche Frühförderung von Kindern schon vor dem Kindergarten eingerichtet werden kann. Dreijährige mit ungenügenden Sprachkompetenzen sollen laut dem Vorstoss erfasst und zum Besuch einer Sprachspielgruppe oder einer Tageskinderkrippe verpflichtet werden.

Solche obligatorischen Sprachkurse seien sinnvoll, sagt SP-Gemeinderat Thomas Marthaler. Sie verbesserten die Chancengleichheit und seien der Schlüssel zur Integration. Die Kurse dürften den Staat auch etwas kosten, dienten sie doch der ganzen Gesellschaft. Nach der Überweisung des Postulats erwartet Marthaler konkrete Schritte: «Jetzt kann der rot- grüne Stadtrat beweisen, dass es ihm ernst ist mit der Chancengleichheit.»

Lauber: Rechtliche Vorbehalte

Schulvorsteher Gerold Lauber (CVP) lehnt obligatorische Deutschkurse für Dreijährige ab. Sie seien nicht mit dem kantonalen Recht vereinbar. Dieses regle den Beginn der Schulpflicht abschliessend und sehe keine frühere schulische Förderung von Kindern vor. Persönlich widerstrebe ihm zudem die Tendenz, dass der Staat quasi von der Wiege bis zur Bahre für seine Bürger sorgen soll. Lauber betont, dass die vorschulische Sprachförderung von Migrantenkindern dem Stadtrat ein grosses Anliegen sei; es bestünden bereits viele Angebote, gerade in Krippen. Der Frühförderung will der Stadtrat künftig eine noch grössere Bedeutung beimessen.

Auch Martin Wendelspiess, Chef des kantonalen Volksschulamtes, weist darauf hin, dass der Kanton keine Rechtsgrundlage für ein solches Obligatorium kenne. Sprachliche Förderung vor dem Eintritt in den Kindergarten sei aber sehr sinnvoll, der Kanton verfolge dieses Anliegen unter anderem mit dem Projekt «Spielgruppen plus», in dem in mehreren Gemeinden Migrantenkinder im Vorschulalter in deutscher Sprache gefördert werden. Die Sprachförderung wird dabei in Spielgruppen integriert, der Besuch ist freiwillig.

Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Freiburg, begrüsst Deutschkurse für Dreijährige mit verpflichtendem Charakter. Die Frühförderung fremdsprachiger Kinder aus bildungsfernen Familien sei ausgesprochen wichtig. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Förderkurse auf freiwilliger Basis oft genau jene nicht erreichen, die sie am meisten brauchen. Stamm äussert auch gewisse Vorbehalte. Ausländerkinder würden so sehr früh stigmatisiert werden, es drohe die Gefahr einer Separierung. Wichtig sei, dass die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder nicht vergessen gehe. Gerade diese helfe bei der sprachlichen Entwicklung.

Skeptisch gegenüber einem Sprachförder-Obligatorium äussert sich Heidi Simoni, Leiterin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind. Sie setzt eher auf gute Angebote und auf die Motivation der Eltern. Wichtig sei die Kommunikationsförderung in der Herkunftssprache, um den Boden für den Erwerb einer zweiten Sprache zu legen. Simoni weist darauf hin, dass in Zürich schon einiges für die sprachliche Frühförderung getan werde. Viel weiter ist Basel-Stadt. Als erster Kanton hat er letztes Jahr angekündigt, die sprachliche Frühförderung von Dreijährigen samt einem selektiven Obligatorium gesetzlich zu verankern. Fremdsprachige Dreijährige sollen während eines Jahres an zwei Halbtagen pro Woche spielerisch Deutsch lernen. Bis 2013 will Basel Spielgruppen und Tagesheime entsprechend ausbauen. Laut Pierre Felder, Leiter Volksschulen, ist das Obligatorium noch nicht in Kraft. Bereits seien aber alle Eltern von Kindern im entsprechenden Alter schriftlich darüber informiert worden, dass es Sinn machen würde, das Angebot anzunehmen.

Kinder im Krippenalter sollen künftig zu Sprachkursen verpflichtet werden. Foto: Dieter Seeger

Erstellt: 02.09.2010, 22:20 Uhr

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