Zürich

Evangelikale Schattenkultur in der Landeskirche

Aktualisiert am 29.10.2010

In einigen Kirchgemeinden finanzieren Evangelikale Stellen. In Winterthur-Seen hat das den Rücktritt von Pfarrerin Ruth Näf Bernhard ausgelöst – und eine Untersuchung durch den Kirchenrat.

Von Michael Meier

Winterthur – Es sei die bestbesuchte Kirchgemeindeversammlung, die sie je geleitet habe, sagte Kirchenpflegepräsidentin Verena Bula am Mittwochabend im Kirchgemeindehaus Seen. Gegen 200 Reformierte nahmen an der Aussprache zum Rücktritt von Pfarrerin Ruth Näf Bernhard teil. Dass der Sprecher des Kirchenrats, Nicolas Mori, die Diskussion moderierte, unterstrich die Brisanz des Traktandums. Gleich zu Beginn kündete er an, der Kirchenrat habe in der Kirchgemeinde Seen eine Untersuchung eingeleitet. Der anwesenden Näf Bernhard aber mochte er das Wort nicht erteilen.

«S isch gnuäg Heu dune», sagte Daniel Brandenberger, der mit anderen eine Eingabe an den Kirchenrat gerichtet hatte. Es gehe nicht an, dass Gläubige der Kirchgemeinde enttäuscht den Rücken kehrten und es der Pfarrerin dort zu eng werde. Anlass des Ärgers sind evangelikale Schattenstrukturen in Gestalt der 2002 gegründeten privaten Stiftung focus.c, wobei c für Christus steht. Mit Spenden finanziert sie heute 200 Stellenprozente, verteilt auf 5 Mitarbeiter. Laut Brandenberger sind das alles Leute mit evangelikalem Profil, die evangelikal ausgerichtete Projekte koordinieren, so die Alphalive-Glaubenskurse oder die Kinderbetreuung während der gut besuchten Lobgottesdienste. Geleitet werden diese von Dominik Reifler, einem der vier Seemer Pfarrer. Die Hauskreisarbeit (21 Kreise mit 200 Betern) geht teilweise auf den evangelikalen Pfarrer Geri Keller zurück, der sich spirituell stark radikalisiert hatte und die Gemeinde vor Jahren verliess.

An den Rand gedrängt

Näf Brandenberger warf der Stiftung vor, ohne Legitimation durch die Kirchenpflege zu wirken. Sie arbeite auf eigene Rechnung, in eigener Verantwortung und gewähre niemandem Einblick. Das verletzte die Kirchenordnung und die demokratischen Grundsätze. Für die Stiftungsgründer ist das jedoch ein Zerrbild. Sie monierten, die Kirchenpflege sei von Anfang an informiert gewesen. Seen sei eine tolle, aktive Gemeinde mit vielen Angeboten. Andere jedoch klagten, sie fühlten sich von den Evangelikalen an den Rand gedrängt. Deren Glaube bestehe aus lauter Antworten, während ihr eigener Glaube aus Fragen bestehe. Es sei auch ungewiss, ob die Pfarrwahlkommission überhaupt eine Pfarrerin mit liberalem Profil finde, die sich getraue, nach Seen zu kommen.

Gefahr der Parallelkultur

Auch Kirchenpflegepräsidentin Bula sprach von einem Zurückdrängen des Landeskirchlichen durch die Evangelikalen. Dem TA erklärt sie jedoch, es gehe mehr um strukturelle Probleme, eben um die private Finanzierung von Stellen. Mit einer Vereinbarung versuche man seit einem Jahr, die Mitarbeiter der Stiftung focus.c den Kirchenpflege-Ressorts zu unterstellen. Für Kirchenratschreiber Alfred Frühauf ist entscheidend, dass auch private Stellen arbeitsrechtlich der Kirchenpflege unterstellt sind. «Sonst droht die Gefahr einer Parallelkultur, die die demokratisch-landeskirchlichen Strukturen umgeht.»

Für die zurücktretende Näf Bernhard geht es um mehr als nur Strukturen. Sie sagt: «Ich bin Pfarrerin der Landeskirche und möchte auch in der Landeskirche arbeiten, und zwar nicht als Sand im Getriebe. Bei meiner Arbeit hätte ich mir von den Frommen mehr Offenheit und Weite gegenüber Menschen gewünscht, die anders denken, anders suchen, anders glauben und anders lieben.»

Private Stellen auch in Gossau

Eine evangelikale Schattenkultur gibt es nicht nur in Seen. In der reformierten Kirchgemeinde Gossau ist die ganze Freizeit- und Jugendarbeit – eigentlich ein Kerngeschäft der landeskirchlichen Pfarrer – über den örtlichen Cevi-Verein organisiert und finanziert. Laut Gemeindecoach Georges Morand kann der Verein auf ein Jahresbudget von 450 000 Franken zurückgreifen. Gegen 250 000 Franken kämen aus privaten Spenden. Der Verein finanziert fünf Angestellte mit 250 Stellenprozenten. Sie organisieren Jungschar-Lager und Jugendcamps, einen Lobgottesdienst und arbeiten in den Konflagern mit. Der Verein, in dem sich 250 ehrenamtliche Jugendliche engagieren, setzt auf Gemeinschaftsförderung, Musik und Erlebnisse. Ein Ansatz, den man von den Freikirchen kennt.

Auch innerhalb der reformierten Gemeinde Zürich-Altstetten besteht seit acht Jahren ein privater Verein, der Verein G.ei.St. (Gemeindeeigene Stellen). Laut Sozialdiakonin Patricia Perosce will er personelle Ressourcen zur Lancierung innovativer Projekte generieren. Projekte, die das Pflichtenheft der Pfarrer sprengen und ein junges, eher evangelikales Segment ansprechen. So organisiert Perosce einmal im Monat einen Gottesdienst im modernen Kleid, leitet die Hauskreisarbeit und die Alphalive-Glaubenskurse mit. Der Verein hat zudem einen Berufsmusiker als Bandcoach und eine Sekretärin angestellt. G.ei.St. finanziert sich zur Hälfte über Spenden, zur Hälfte über landeskirchliche Beiträge. Um Spannungen zu vermeiden, müsse der Verein Teil der Kirchgemeinde und mit dieser vernetzt sein, betont Perosce. Wegen des Rückgangs von reformierten Gemeindegliedern und Steuergeldern ist für Perosce die private Finanzierung von kirchlichen Stellen ein zukunftsträchtiges Modell. In Basel-Stadt finanzierten private Vereine bereits ein Drittel aller Stellen in den reformierten Kirchgemeinden.

Mag nicht länger in Seen arbeiten: Ruth Näf Bernhard. Foto: Dominique Meienberg

Erstellt: 29.10.2010, 22:10 Uhr

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