Tour de Glatt Tour de Glatt

Aktualisiert am 18.08.2010

Wunderschön, hässlich, wieder wunderschön: Der Velofahrer erlebt an der Glatt einen Fluss, dem die Agglomeration übel mitspielt – dann aufersteht er spektakulär. Wunderschön, hässlich, wieder wunderschön: Der Velofahrer erlebt entlang der Glatt einen Fluss, dem die Agglomeration übel mitspielt – dann aufersteht er spektakulär.

Protokoll einer Flussfahrt (II)

Protokoll einer Flussfahrt (II)

Von Thomas Widmer (Text)und Sophie Stieger (Fotos)

Schwerzenbach – In der Psychologie gibt es den Begriff «Resilienz». Er bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, nach schlimmsten Erlebnissen neue Kraft und Lebenssinn zu entwicklen. Das Wort passt auch auf die fast 40 Kilometer lange Glatt. Aus dem Greifensee entspringt sie – ein Schilfparadies. Zürichs Agglomeration zwingt sie dann in den Untergrund, mutet ihr die Abwässer Hunderttausender Menschen zu, macht sie träg und trüb. Doch gegen den Flughafen zu taucht sie aus dem Albtraum auf, holt sich ihren Stolz zurück und strömt in Schönheit dem Rhein zu.

Die Glatt, Fluss der Resilienz. Eine Velotour ist die geeignete Art, das zu erkunden, zwei Stunden dauert sie bei zügiger Fahrweise. Das beschaulich veranlagte TA-Reportageduo Stieger und Widmer braucht über fünf Stunden. An einem prachtvollen Morgen fährt es vom Bahnhof Schwerzenbach hinab in den Röhricht des Greifensees, passiert Birken und saftige Weiden, hört Entenfamilien beim Wurmfrühstück schnaken. Den Geburtsort der Glatt markieren zwei begraste Miniwälle, die aus dem See auftauchen und die ersten Meter links und rechts skizzieren.

An dieser Stelle sitzt sinnierend ein älterer Mann. Guido Copat, Jahrgang 1929, ist von Schwamendingen hergeradelt, was er oft tue – eigentlich schon sein Leben lang: «Als Kind fischte ich hier mit dem Cousin. Früher hat man in der Glatt auch gebadet.»

War das ein Storch?

«Glatt» heisst laut Wörterbuch «glänzend» und «heiter» und ist verwandt mit dem Englischen «glad» gleich «froh». Und genau das wird man in der folgenden halben Stunde: froh. Vorerst unter Bäumen im Riedgürtel unterwegs, verspürt man Camargueflair. Dann öffnet sich das Land zur Bauernschweiz, und auch das ist gut: Heu duftet, der Mais steht hoch, der Fenchel ist in ordentlichen Reihen gepflanzt. Und steht da rechter Hand ein Storch in der Wiese? Für einen Fischreiher ist der Vogel jedenfalls zu gross.

In Dübendorf wird die Realität des Grossraums Zürich spürbar. Noch ist vieles hübsch. Von der Betonterrasse gegenüber dem Restaurant Im Chreis blickt man auf einen Wasserlauf, der von Baumzweigen verhangen ist à la Everglades – aber ohne Alligatoren. Das Brückengeländer nah der Bushaltestelle «Schwimmbad» ist geraniengeschmückt. Die Industrie weiter unten riecht . . . nun, nicht unangenehm. Irgendwie nach Caramel. Hier wirkt der Aroma-Hersteller Givaudan. Die Rückfassade des Coop Bau + Hobby grenzt direkt ans Wasser, das sich eine Stromschnelle à la Muota oder Saxetbach leistet.

Beim Glattzentrum bündeln sich Schnellstrassen, über- und unterschneiden sich, die Velofahrer müssen ins Unterirdische, das Unheil nimmt seinen Lauf. Die Glatt wird zum Hades, zum Fluss des Todes; in der Düsternis strömt sie geräuschlos, ohne Gurgeln und Rauschen. Überall hängen über dem Kopf Spinnennetze so gross wie Tarnnetze über Militärzelten. Weil der Veloweg kein Geländer hat, fährt man beklommen; grässlich wäre es, in das Horrorgewässer zu stürzen. Auf der folgenden Passage mit einem riesigen Hochkamin gerade voraus ist alles industriell. Beton herrscht statt Freude. Immerhin ist es lustig, dass die Kantine von Entsorgung und Recycling Zürich an der Hagenholzstrasse «El Fuego» (das Feuer) heisst.

Autobahnkreuze, gestaltlose Gewerbebauten, Strassengeschlinge: So geht das lange Zeit. Im Schummer mutet die Glatt in ihrer Wanne wie Grünlinsensuppe an. Doch irgendwann, irgendwie beginnt gegen Glattbrugg zu, auf der Höhe einer gedeckten alten Holzbrücke, die Wiederauferstehung: Plötzlich ist da wieder Luft, sind da Bäume, gewinnt die Glatt den Elan zurück. Die Velofahrer fühlen Erleichterung, Hunger kommt auf. Sie folgen dem Flughafenzaun und kommen zum Heliportgrill, den ihnen ein Freund empfohlen hat. Auto um Auto fährt heran, darunter viele Deutsche und «Planespotter», Flugzeugverrückte. Kurz vor halb zwölf hat sich bereits eine Schlange vor der Kiosktür gebildet. Drinnen brutzeln auf dem Grill die Würste. Zwei Securitymänner vom Flughafen mit Namensschildern führen sich zur Currywurst so viel Bier aus grossen Bechern zu, dass man sich fragt, wie viel Sicherheit sie am Nachmittag noch gewährleisten können.

Die Galerie der Grinsfratzen

Der zweite Teil der Velotour ist hernach geprägt von der erstarkten Glatt, die sich temporeich über Schwellen stürzt. Letzteres gilt freilich erst nach der weiten Ebene Richtung Oberglatt; in ihr nämlich geben im Gegenteil Altläufe dem Fluss die Möglichkeit, verspielt den einen oder anderen Ableger zu bilden und sich zu bremsen. Kurz vor Niederglatt ein Sonnenblumenfeld. Ein Witzbold hat jede fünfte Blume direkt am Weg von Hand bearbeitet und aus der gesichtsgrossen Gelbfläche dieses Gelb so entfernt, dass eine Grinsfratze mit schwarzen Augen und schwarzem Mund entstand – unheimlich. Während man darüber noch studiert, gerät man in Niederglatt an ein Fahrverbot. Die Velofahrer sollen weg vom Fluss. Ein Gemeindearbeiter steht in der Nähe und wird angegangen, ob das sein muss. «Fahren Sie ruhig zu», rät er, «das Verbot ist bei uns ein Riesenpolitikum. Niemand begreift es. Keiner hält sich daran.»

Man folgt dem Rat, fährt aber bewusst langsam, um beim Auftauchen eines Prinzipienbürgers sofort vom Rad springen zu können. Da ist aber niemand, der reklamiert. In Niederhöri liegen Lamas matt auf der Wiese, es ist ihnen zu heiss. Was mittlerweile an dem Fluss auffällt, dem man nun doch seit Stunden folgt: Anders als an der Sihl, die man vor einiger Zeit erkundet hat («Tour de Sihl», TA vom 27. Juli), wird an der Glatt kaum gebrätlet und gebadet. Die steilen Uferböschungen laden dazu nicht ein. Dafür wird gebiked, und zwar militant: Immer wieder muss das Journalistenteam aus dem Weg, weil Radlerrudel unter wildem Klingeln daherschiessen. Wetten, dass diese Leute in ihren obszön jede Körperkurve nachzeichnenden High-Tech-Sportkleidern vieles nicht mitbekommen in ihrer Eile? Zum Beispiel, dass im Rankendickicht einer Art Klus ein paar Kilometer vor Flussende die ersten Brombeeren reif sind. Und haben sich die Stressstrampler Valentina’s Variété in Hochfelden näher betrachtet, dies faszinierende Zirkus-Wagenlager?

Ja, die Glatt ist ein Fluss, der viel zu geben hat. Ihr Ende bei Rheinsfelden ist allerdings enttäuschend. Inmitten der Wald- und Wiesenpracht ihrer letzten Kilometer muss der Velofahrer irgendwann rechts abbiegen, weg vom Wasser. In einer Schleife wird er hinauf zu einer Strasse gelenkt. Was er dort erblickt, ist das Elektrizitätswerk Eglisau, ein imposanter Industriebau in einer Farbe zwischen Terracotta und Lachs direkt am Rhein. Ihm, diesem so viel grösseren Fluss, muss sich die so tapfere und so lebensfähige Glatt schliesslich ergeben.

Morgenstimmung am Greifensee, dem Geburtsort der Glatt.

Eine Bratwurst im Heliportgrill, Stammbeiz der Flugzeugverrückten.

Vor Oberglatt war ein Spassvogel am Werk, der Blumen grinsen lässt.

Der Viadukt in Rheinsfelden, wo die Reise ein enttäuschendes Ende nimmt.

Erstellt: 18.08.2010, 23:20 Uhr

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