Zürich
Als ein Goethe-Manuskript in Zürich für Aufregung sorgte
Von Benno Gasser. Aktualisiert am 03.09.2009
Der Gymnasiast Eduard Denzler stand Ende des Jahres 1909 im Praxis-Wartezimmer seines Vaters Heinrich und stöberte im Wandschrank. Plötzlich zog er einen Umschlag heraus, der seine Neugierde anstachelte: «Manuscript von Goethes Buch: die Leiden des jungen Werther» stand auf der Hülle geschrieben - eine Fehlinformation, wie sich bald herausstellte. Der 16-Jährige legte die handgeschriebenen Blätter seinem Deutschlehrer vor. Dieser sagte Denzler einige Tage später, das Manuskript sei nicht von Bedeutung und gab ihm die Papiere zurück. Vom negativen Bescheid liess sich der Schüler aber nicht entmutigen und übergab das Dokument seinem Lateinlehrer Gustav Billeter zur Überprüfung.
Eine literarische Sensation
Tags darauf erschien der sonst immer ordentliche Professor unrasiert, mit zerknittertem Hemd, vor Aufregung zitternd vor der Klasse. Der Gymi-Schüler hatte die verschollen geglaubte Ur-Fassung von Johann Wolfgang Goethes Werk «Wilhelm Meister» gefunden. Billeter suchte darauf - im Wissen seiner eigenen fachlichen Grenzen - einen Goethe-Fachmann. Er fand ihn in Harry Maync, Professor für deutsche Literatur an der Universität Bern und Herausgeber der Lehr- und Wanderjahre in Heinemanns Goethe-Ausgabe. Dieser habe die Echtheit des Fundes bestätigt, schreibt Hans Rudolf Denzler - Enkel des besagten Eduard Denzler - im «Zürcher Taschenbuch» von 1998 in seinem Aufsatz «Goethe in Stadelhofen».
Wie kam ein verschollen geglaubtes Goethe-Werk in den Wandschrank einer Zürcher Arztpraxis? Fundort des Manuskripts war das Haus zur Farb an der Stadelhoferstrasse 38, keine 100 Meter von jenem längst verschwundenen «Schönenhof» entfernt, über dessen Schwelle Goethe 1775 auf der ersten seiner drei Schweizer Reisen geschritten war. Der Dichterfürst besuchte in Begleitung Johann Caspar Lavaters die damals im «Schönenhof» wohnende Barbara Schulthess-Wolf, Gattin des Hauptmanns und Seidenfabrikanten David Schulthess. Bäbe Schulthess, wie sie genannt wurde, ist als Verehrerin und Freundin Goethes in die Literaturgeschichte eingegangen.
Einige Jahre nach dem Besuch der beiden Herren erhielten sie und ihre gleichnamige Tochter in mehreren Lieferungen «Wilhelm Meisters theatralische Sendung», das Fragment eines Theaterromans, von Goethe zur Lektüre überlassen. Die beiden Frauen schrieben den Text ab - auf 618 Octav-Blätter.
Zwischen Goethe und der vier Jahre älteren Bäbe Schulthess habe es eine tiefe und dauerhafte Seelenverwandtschaft gegeben, schreibt Friedrich Zollinger in seinem Werk «Goethe in Zürich». Sie hielt länger als die Freundschaft mit dem Physiognomiker Lavater, von dem sich Goethe im Laufe der Jahre distanzierte. Kurz vor ihrem Tod im Jahr 1818 vernichtete Bäbe Schulthess alle Briefe, die ihr Goethe geschrieben hatte. Unberührt blieb aber die Abschrift von «Wilhelm Meisters theatralischer Sendung».
Im Laufe der Jahre muss sie durch Erbfolgen von Mutter Bäbe über Tochter Bäbe und deren Schwiegersohn Usteri-Gessner ins Eigentum von Jakob Usteri im Neuenhof gelangt sein. Dieser starb am 6. Mai 1883 kinderlos. Seine Geschwister erbten den Nachlass, zu dem auch eine Bibliothek gehörte, wo sich Bäbes Abschrift befand. Die Bibliothek wurde für 1500 Franken an Pfarrer Heinrich Denzler verkauft. Nach dessen Tod ging sie ins Eigentum seines gleichnamigen Sohnes über, der ab 1895 an der Stadelhoferstrasse 38 wohnte und als Arzt praktizierte. Damit erklärt sich auch der kurze Weg, den die Abschrift innerhalb der Stadelhoferstrasse nahm. Während 14 Jahren schlummerte der Schatz neben anderen Manuskripten meist «geistlichen» Inhalts im Eckzimmer der ersten Etage des Arzthauses.
Erben streiten um das Goethe-Werk
Nach der Entdeckung ging das Gerangel um das einzigartige literarische Dokument los. Erben Goethes meldeten Ansprüche an; das Goethe-und-Schiller-Archiv in Weimar und die Stadtbibliothek in Zürich wollten das Werk kaufen, und auch zahlreiche Verleger zeigten ihr Interesse. Die Ansprüche der Goethe-Erben standen auf wackligen Füssen, da es sich bei den Personen nur um ferne Verwandte handelte. Die Verhandlungen und das Gezerre um die Rechte am Ur-Meister setzten dem eher schwächlichen Heinrich Denzler zu. Am 18. April 1910 verkaufte Denzler, der Prozesse fürchtete und sich um seine Gesundheit sorgte, das Werk für umgerechnet 19 744 Franken den Goethe-Erben. Diese mussten sich dazu verpflichten, den Ur-Meister für 10 000 Mark dem Goethe-Schiller-Archiv zu überlassen. Seither ruht das Dokument im Prunkbau des Weimarer Archivs. 1911 erschien die Erstausgabe von «Wilhelm Meisters theatralischer Sendung».
20 Jahre später schrieb Dr. Denzler in seinem Lebenslauf, «das finanzielle Ergebnis des Goethe-Fundes war auch nicht der Mühe wert». Mit einem Teil des Geldes finanzierte er sich später wohl eine Rehabilitationskur. Sein Sohn Eduard übernahm Vaters Praxis. Der Entdecker des Ur-Meisters starb 1940 im Alter von 47 Jahren.
Johann Wolfgang Goethe in einer Zeichnung des Winterthurer Künstlers Johann Heinrich Lips. Das Porträt entstand im Januar 1791. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.09.2009, 02:03 Uhr
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