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Der Klinikdirektor lernt schweissen

Von Hélène Arnet. Aktualisiert am 15.04.2010

Thomas Meyer, Direktor der Forel-Klinik, widmet sich mit Herzblut der Behandlung von Alkoholkranken. Noch bis Ende April: Dann geht er in Pension und wird Handwerker.

Ellikon an der Thur - Kein weisser Kittel, kein Doktortitel auf dem Namensschild, weder Hemd noch Krawatte, sondern Jeans, bequemer Pullover und Fitnessschuhe. Thomas Meyer entspricht nicht dem Bild, das man sich von einem Chefarzt und Klinikdirektor macht. Meyer ist Sozialpsychiater und Leiter der Forel-Klinik in Ellikon an der Thur, einer Privatklinik mit Leistungsauftrag des Kantons, die sich auf die Behandlung von Alkohol-, Medikamenten- und Nikotinkranken spezialisiert hat.

Am nächsten Dienstag eröffnet Meyer in seiner Funktion als Direktor der Forel-Klinik am Sihlquai in der Stadt Zürich eine Tagesklinik. Dann verabschiedet er sich. Der 61-Jährige geht vorzeitig in Pension und kündigt an: «Ich werde mich vollständig aus dem Fachgebiet zurückziehen.» Er sei ein «Bastler», ein manueller Typ. «Ich will mauern und schweissen lernen.» Und im Stil eines Bubentraums fügt er hinzu: «Und ich möchte eine Blues-Band gründen - eine Blues-Band für alte Männer.»

Meyer ist seit 1997 Direktor der Forel-Klinik. Er trat die Nachfolge Gottfried Sondheimers an, eines Pioniers für Behandlung von Alkoholkranken in der Schweiz. Zuvor leitete er den sozialpsychiatrischen Dienst in der Klinik Hard (Embrach). Er sagt von sich: «Ich bin durch und durch Sozialpsychiater und als solcher vom Aussterben bedroht.» Der Trend ziehe kräftig in Richtung biologische Psychiatrie. «Als ob Sucht ausschliesslich eine Krankheit des Körpers wäre.»

Abstinenz nur ein Weg zum Ziel

Meyer spricht gerne von Moral und Würde, von Liebe und Achtung, ohne ins Predigen zu verfallen. Denn diese Prädikate haben bei ihm ganz praktische Auswirkungen. So hat seine Überzeugung, dass man mit dem Patienten auf gleicher Augenhöhe verkehren müsse, dazu geführt, dass er in der Forel-Klinik die Sanktionen abgeschafft hat. Wenn ein Entzugspatient im Ausgang Alkohol konsumiert, wird ihm nicht wie einst der Urlaub gestrichen. «Im Gegenteil, wir erarbeiten mit ihm Verhaltensstrategien und schicken ihn möglicherweise erst recht wieder los.» Auch kommt die Forel-Klinik im Alltag ohne Pflegepersonal aus. «Was unsere Patienten selber machen können, sollen sie selber machen.» So werden ihnen die Medikamente gleich wochenweise ausgegeben. «Das wird kaum je missbraucht.»

Wird Meyer nach den Erfolgschancen eines Alkoholentzugs gefragt, fragt er zurück: «Was ist Behandlungserfolg?» Und fährt fort: «Nur ein Drittel ist danach trocken.» Anders sehe es aber aus, wenn die Frage nach der Zufriedenheit der Alkoholkranken gestellt werde. «Als Sozialpsychiater will ich wissen, ob mein Patient sich in seinen Beziehungen zurechtfindet, seiner Arbeit nachgehen kann und sich körperlich wohlfühlt. Nicht ob er abstinent ist.» Abstinenz sei nicht das Ziel, sondern eine «oft gute» Methode, das Ziel zu erreichen. Das Ziel ist, ein eigenständiges und möglichst zufriedenes Leben zu führen. Meyer plädiert für eine breite Palette von individuellen Therapieansätzen und schreckt auch vor medikamentöser Behandlung nicht zurück, was ihm in Fachkreisen manche Schelte einbringt (vgl. Text unten).

Grösser heisst nicht effizienter

Die Forel-Klinik gehört mit 84 Betten zu den kleinen Spitälern. Gerade deshalb, so glaubt Meyer, habe er einiges bewegen können. So hat er zusätzlich zu der stationären Klinik im ländlichen Ellikon mitten in Zürich ein Ambulatorium und eine Tagesklinik aufgebaut sowie eine webbasierte Früherfassung und Frühintervention eingeführt. Lauter niederschwellige Angebote. Gleichzeitig scheinen ihm die Fortschritte der letzten Jahre bedroht durch die ab 2012 vorgesehenen Fallpauschalen, dem drohenden Verschwinden spezialisierter Fachkliniken und dem steigenden Druck zur Fusionierung kleinerer Spitäler. «Je grösser, desto effizienter stimmt bei weitem nicht immer.»

Von Entrecote und Blues

Meyer hat sich beim Beschreiben seiner Projekte ins Feuer geredet. Dies lässt seine anfänglich geäusserte Aussage, er steige aus seinem Fachgebiet aus, immer unglaubwürdiger klingen. Es sei ihm Ernst damit, widerspricht er. «Ich hatte einen Traumjob, aber wenn ich zum Abendessen ein feines Entrecote genossen habe, bin ich satt und bestelle nicht zwei Stunden später noch eines.»

Genug des Guten, also. Bleiben zwei Fragen: Das Entrecote, mit oder ohne Wein? «Es geht wie gesagt nicht um eine Abstinenzideologie», sagt Meyer und lässt die Frage unbeantwortet. Und welches Instrument spielen Sie in der Blues-Band? «Ich kann noch gar keines spielen. Es muss also einfach zu lernen, aber gleichzeitig ausdrucksstark sein.» Chefarzt Meyer vor der Forel-Klinik in Ellikon an der Thur. Foto: Sophie Stieger (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2010, 02:01 Uhr

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