Zürich
Deutsche Grenzgemeinde setzt auf Innovation
Unsere Nachbarn (3): Hohentengen/D
«Übers Wasser – übers Land» lautet das Thema des grenzüberschreitenden Skulpturenwegs zwischen Kaiserstuhl und dem denkmalgeschützten Kraftwerk in Rheinsfelden (Eglisau). Seit zehn Jahren gibt es ihn. Zwölf international bekannte Künstler haben Gedanken und Ideen zum Thema Grenze in Skulpturen umgesetzt. Auf 9,5 Kilometern führt der Rundweg auf schweizerischer und deutscher Seite entlang beider Rheinufer und lässt sich in gut zwei Stunden erwandern. Hinweistafeln vermitteln Informationen zu den Kunstobjekten. Von Zürich aus fährt die S 41 nach Kaiserstuhl. Weitere Informationen im Internet unter www.skulpturenweg.de.
Hohentengen – Wer das Städtchen Kaiserstuhl mit seinen historischen Gassen durchquert und trockenen Fusses über den Rhein will, kommt unweigerlich an ihm vorbei: Seit über 250 Jahren thront der heilige Nepomuk auf der Brücke und beobachtet den Grenzverkehr. Die Statue des Brückenheiligen und Schutzpatrons der Schiffer und Flösser ist 1752 von einem einheimischen Künstler erschaffen worden. Irgendwann musste das Original einer Kopie weichen.
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Der Fluss habe einen «verbindenden Charakter», sagt der Bürgermeister von Hohentengen, Martin Benz. «Es sind viele grenzüberschreitende Freundschaften entstanden in den vergangenen Jahren.» Dann lacht er. «Selbstverständlich gibt es auch Idioten auf beiden Seiten des Rheins.» Überhaupt sei die Grenzziehung, wie man sie heute kenne, erst nach Napoleon entstanden. Sprachlich betrachtet gebe es dank der alemannischen Vorfahren eine enge Verwandtschaft.
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Hohentengen grenzt im Norden ans Schaffhausische (Klettgau), im Osten an Wasterkingen und Hüntwangen, im Süden an Glattfelden und Weiach sowie die Aargauer Gemeinden Kaiserstuhl, Fisibach und Rümikon. Einzig im Westen liegt ein deutscher Nachbar, Küssaberg.
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Deutsche und Schweizer sind sich nicht nur geografisch nah. Seinen Strom bezieht Hohentengen von den Schaffhauser Elektrizitätswerken, der Holcim-Konzern baut Kies ab. Grenzüberschreitendes Vorzeigeprojekt ist die gemeinsam genutzte Kläranlage in Hohentengen. Dort wird auch das Abwasser der vier Rafzerfelder Gemeinden, von Weiach, Fisibach und Kaiserstuhl gereinigt. Das habe für alle Seiten nur Vorteile, sagt der Bürgermeister. Gemeinsam lasse sich Geld sparen. Zudem habe die Anlage dank der guten Auslastung bessere Reinigungswerte. Es habe keinen Staatsvertrag gebraucht, um eine gute Zusammenarbeit zu gewährleisten. Was zähle, sei der persönliche Kontakt. «Wenn es ein Problem gibt, sitzen wir zusammen und lösen es gemeinsam.»
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Umso unverständlicher ist für den Bürgermeister der jüngste Entscheid aus Glattfelden. Im Mai haben sich die Stimmbürger gegen den Anschluss an Hohentengen und für die Sanierung der bestehenden Kläranlage im Dorf entschieden. Nur schon die Entsorgung des Klärschlamms koste die Glattfelder mehr, als in Hohentengen an Betriebskosten angefallen wäre. Das nachbarschaftliche Verhältnis sei wegen des ablehnenden Entscheids keineswegs getrübt, sondern nach wie vor hervorragend, betont Benz. Der Bürgermeister steht in seinem 20. Amtsjahr. Wenn es nach dem Willen des 49-Jährigen geht, wird er noch einige Jahre das politische Oberhaupt der Gemeinde bleiben. In seiner beruflichen Funktion als Bürgermeister ist Benz auch der Chef der Gemeindeverwaltung. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen.
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In der Gemeinde Hohentengen mit ihren sechs Ortsteilen leben knapp 3700 Menschen. Seit 1986 darf man als «staatlich anerkannter Erholungsort» in Deutschland um Touristen werben. Slogan: «Die Sonnenterrasse am Hochrhein.» Zu den Attraktionen gehören die drei Burgen – Wasserstelz ge-
nannt –, die auf Felsen im Fluss stehen und vom Schweizer Dichter Gottfried Keller in einer Novelle verewigt wurden. An Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten gibt es fast alles. Das Gewerbe profitiert von den vielen Einkaufstouristen aus der Schweiz. Sie stärken die Infrastruktur. Die Schweizer Tankstellen, so gibt der Bürgermeister zu bedenken, freuen sich ihrerseits über den regen «Tank-Tourismus» der deutschen Automobilisten, die dort billiger volltanken könnten.
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40 Prozent der Arbeitnehmer sind Grenzgänger, verdienen ihre Brötchen in der Schweiz. Dank der Zuzüger kann die Gemeinde wachsen, gleichzeitig fehlen aber gut ausgebildete Berufsleute, weil in der Schweiz höhere Löhne bezahlt werden. Zu den grössten Herausforderungen gehört der demografische Wandel. Es muss aber nicht nur für die Senioren gesorgt werden, im Fokus stehen auch Bildung und Schule. «Die Wirtschaftskrise ist bei den Gemeinden angelangt», stellt der Bürgermeister fest. Die finanziellen Aussichten seien alles andere als rosig. «Wir verfügen nur über wenige eigene Steuern.» Der zukünftige Finanzausgleich zwischen Bund und Bundesländern verheisse nichts Gutes. Laut der provisorischen Finanzplanung für 2011 muss die Gemeinde mit massiv weniger Geld haushalten.
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Die Kleingemeinde am südlichsten Rand der Bundesrepublik will trotz Spardruck in die Zukunft investieren. Bis Ende 2011 sollen alle Ortsteile Anschluss an ein Glasfasernetz erhalten. Der Bürgermeister spricht voller Stolz von einem «Jahrtausendprojekt». Fakt ist: Die Gemeinde hat sich ihren ultraschnellen Zugang zum Internet erkämpft. Nachdem die grossen Telekomanbieter kein Interesse an Hohentengen zeigten, nahm die Gemeinde die Sache selbst in die Hand. Mitte 2008 wurde ein Eigenbetrieb gegründet, seither läuft die Erschliessung aller Haushalte auf Hochtouren. Zugute kam den Hohentengern, dass die Schweizer Firma Cablecom zur gleichen Zeit eine Fernleitung von Kaiserstuhl nach Wasterkingen bauen wollte. Die Gemeinde übernahm den Bau und konnte sich in der Folge ihrerseits an den Knotenpunkt der Cablecom in Zürich anschliessen.
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Anschluss ans Rafzerfeld erhofft sich Hohentengen auch im öffentlichen Personennahverkehr. Die Buslinie des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV) könnte über Wasterkingen und die Landesgrenze hinaus verlängert werden. «Da sind wir ganz am Anfang», sagt der Bürgermeister.
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Es ist nicht der Verkehr auf der Strasse, der in der südlichsten Gemeinde Deutschlands für anhaltenden Ärger sorgt. Es sind die Flugzeuge im Landeanflug auf Kloten. «Wir fühlen uns nach wie vor nicht ernst genommen», sagt Benz. Seit Jahrzehnten werde einseitig über das Anflugregime entschieden. Zum Nachteil der süddeutschen Grenzgemeinde.
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Aufmerksam verfolgt der Bürgermeister die verkehrspolitische Diskussion ennet der Landesgrenze. «Wir sind nicht gegen den Zürcher Flughafen, sondern bereit, einen Teil der Lasten zu tragen.» Weiterhin sei aber in der Schweiz von der «Nordausrichtung» des Flughafens die Rede. «Das geht einfach nicht!» Seine Gemeinde habe jedes Jahr über 100 000 Landungen zu verkraften. Dem stehe ein verschwindend kleiner Anteil zugunsten der Gemeinde am gesamtwirtschaftlichen Nutzen des Flughafens gegenüber. Der Fluglärm sei nach wie vor ein sachliches Thema, das trotz unterschiedlicher Haltungen vernünftig diskutiert werden könne. «Es ärgert mich, wenn bestimmte Stellen bewusst versuchen, Trennlinien aufzubauen.» Dabei sei doch gerade die grenzüberschreitende Zusammenarbeit unter Nachbarn der Schlüssel zum Erfolg, sagt Benz. «Wir müssen enger zusammenwachsen.»
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Nicht nur der Schutz vor übermässigem Fluglärm ist ein grenzüberschreitendes Anliegen, wie ein grosses Plakat am Dorfeingang zeigt. «Atommüll-Lager Nördlich Lägern – nicht mit uns!», heisst es da. Widerstand gebe es quer durch die politischen Lager, sagt der Bürgermeister. Die Gemeinde mit den südlichsten Rebbergen Deutschlands fürchtet sich vor dem negativen Image, das ein Loch mit hoch radioaktivem Material bringen könnte.
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Etwas müsse er den Schweizern aber auch bei diesem Thema zugute halten. Den Verantwortlichen sei es bisher geschickt gelungen, den öffentlichen Meinungsbildungsprozess zu lenken. Unter dem Stichwort «Partizipation» seien alle Gemeindebehörden, auch die Hohentengener, zum Mitdiskutieren aufgerufen. «Jetzt sollen alle darüber sprechen, wie und wo etwas gebaut wird, obwohl man es eigentlich gar nicht will.»
Martin Benz ist einer der Brückenbauer unter den deutschen Bürgermeistern. Foto: David Baer
Erstellt: 29.08.2010, 18:35 Uhr
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