Zürich
Die Kirche öffnet sich für ein brandaktuelles Tabu-Thema
Stichworte
Männedorf - Die ganz grosse Aufregung entfachen die Begriffe Sterbehilfe und Suizidhilfe am rechten Seeufer nicht mehr, seit Dignitas den Schauplatz Stäfa verlassen hat. Die Diskussion hat sich merklich versachlicht, es wird differenziert argumentiert. So wie am Montagabend im Männedörfler Pfarreizentrum St. Stephan.
«Die indirekte aktive und die passive Hilfe sind immer Sterbehilfe», erklärte dort der Jurist und Buchautor Peter Rosenstock. «Sie betreffen das Verhältnis zwischen Arzt und Patienten.» Für den Männedörfler, der von der Ökumene Männedorf-Uetikon für einen Informationsanlass eingeladen worden war, ist klar: «Es ist die organisierte Suizidhilfe, die so viele Fragen aufwirft.» Rosenstock erklärte umfassend die heutige Rechtslage. Das Phänomen der organisierten Suizidhilfe gebe es in der Schweiz seit der Gründung von Exit 1982. Entgegen einer weitverbreiteten Meinung sei sie aber im Strafgesetzbuch nicht geregelt (siehe Kasten). Das Gesetz von 1937 genüge der aktuellen Situation in keiner Weise. «Damals kannte man ausschliesslich die private Suizidhilfe, und diese ist gemäss Artikel 115 nur dann strafbar, wenn sie aus Habgier oder anderen selbstsüchtigen Motiven erfolgt.»
Peter Rosenstock fordert deshalb eine explizite gesetzliche Regelung für die organisierte Suizidhilfe, wie sie der Bundesrat in die Vernehmlassung geschickt hat. Der Jurist plädiert allerings auch für eine gemeinsame politische Haltung der christlichen Kirchen zu diesen Fragen.
«Lebens- statt Sterbehilfe»
Für den reformierten Pfarrer Andreas Egli aus Männedorf stehen die christlichen Grundsätze im Vordergrund. Mit dem Bibelzitat «Geborenwerden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit» umriss er seine Ansicht. Suizid wertet er als Ausdruck von letzter Verzweiflung: «Ein Suizid oder Suizidversuch ist immer ein Aufschrei: So kann ich nicht mehr leben.» Betroffene bräuchten Mitmenschen, die ihnen Zuwendung geben. Menschliche Wärme und Nähe seien wichtig. «Gefragt sind lebendige Menschen, die präsent sind und wirksame Hilfe leisten. Eine Organisation kann das nicht ersetzen.»
Die Schlussworte seines Vortrages waren klar und eindrücklich: «Es steht mir nicht zu, den Suizid zu verurteilen. Ebenso wenig kann ich den Selbstmord als Lösung empfehlen. Ein verzweifelter Mensch braucht Hilfe zum Leben, nicht Hilfe zum Sterben.»
Suizid, ganz konkret
Als dritte Referentin trat Brigitte Lanter aus Hombrechtikon auf, die einst als Pflegefachfrau für die Spitex gearbeitet und zusätzlich als Freiwillige Pensionäre in einem Altersheim betreut hatte. Sie erzählte die Geschichte einer 84-jährigen Frau, die Selbstmord begangen hatte. Dieses Schicksal bewegte die Zuhörer. Lanter präsentierte keine «Patentrezepte», sondern erzählte Geschichten von Menschen und deren Suizidabsichten.
Einigkeit herrschte vor allem in einem Punkt: Die Antworten auf die Fragen, die sich im Zusammenhang mit Suizidhilfe stellen, sind von grösster gesellschaftlicher Bedeutung. Denn nicht der Einzelne ist betroffen, sondern unsere Kultur und unsere geistigen Werte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.02.2010, 02:01 Uhr
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!


