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Die Sprache der Blumen ist verloren gegangen

Aktualisiert am 24.01.2012

Der Zolliker Autor Andreas Honegger versucht in seinem neuesten Buch, die Blumensymbolik in Gemälden aus sieben Jahrhunderten zu deuten.

Von Eva Robmann

Zollikon – Die Blumen feiern in unserem Alltag ein Comeback. Blühende Wiesen ersetzen vermehrt triste Rasenflächen. Und neuerdings thronen sogar Blüten auf Tellern mit luxuriösen Gerichten. Das stellt der langjährige NZZ-Redaktor und Autor von Gartenbüchern Andreas Honegger fest. «Koch- und Gartenbücher sind derzeit auf dem Buchmarkt sehr gefragt», sagt der 64-jährige Zol- liker. Soeben ist sein Buch «Die Blumen der Frauen» erschienen. Darin spürt Honegger, der einst eine literaturwissenschaftliche Dissertation verfasst hat, der Blumensymbolik in Gemälden aus sieben Jahrhunderten nach – vom Mittelalter bis heute.

Honegger entlockt Gemälden von Botticelli, Rubens, Manet und Klimt, auf denen Frauen mit Blumen porträtiert sind, geheime Botschaften, entschlüsselt die Bedeutung von Lilien, Schlafmohn und Oleander. «Früher wurde jeder Blume eine Bedeutung zugeordnet», sagt Honegger. «Es gab eine Art Blumenkodex.» Man sagte es durch die Blume. Die Rose war die Blume der Liebe, die Lilie die Blume der Verkündigung, das Maiglöckchen die Blume der Unschuld. «Früher war alles klar definiert», sagt Honegger. Doch spätestens im 19. Jahrhundert habe eine richtiggehende Jagd nach exotischen Blumenarten stattgefunden. Orchideen und Kamelien wurden in Europa importiert. Den neuen, exotischen Blumen versuchte man ebenfalls eine Bedeutung zuzuordnen. Wie bei der Kameliendame, die mit roten und weissen Blüten ihren Liebhabern signalisierte, wann sie Besuch wünschte und wann sie lieber allein schlief. Franz Xaver Winterhalter zeigte Kaiserin Elisabeth in einem Porträt von 1864 mit Alpenrosen und Edelweiss, was laut Honegger Schönheit und Einsamkeit kombiniert. Und Theodore Wores’ Gemälde «Mädchen mit Rhododendren» von 1899 signalisiert durch die weissen Blumen und Kleider Unschuld. Doch die Blumensprache war nicht mehr so klar wie früher.Auch die Rolle der Frau änderte sich. Nannte der Maler John William Waterhouse das Gemälde, auf dem sich eine rothaarige Schönheit selbstvergessen eine Rhododendronblüte ins Haar steckt, um 1900 «Vanitas», also Eitelkeit, erscheint diese Handlung heute nicht mehr sonderlich eitel. In früheren Jahrhunderten standen eher unbekannte Frauen Modell, wobei ihnen eine Rolle sowie entsprechende Blumen zugeordnet wurden. Um 1900 posierte hingegen die reiche Erbin des Zigarettenpapierherstellers JOB für den Maler Edgar Maxence in der Pose einer Königin – in der Hand eine Zigarette, im Haar Orchideen.

Schenken, was Freude macht

«Die Blumengeschäfte führen zwar noch Listen über die Bedeutung einer Blüte, doch die Leute haben diese Sprache grösstenteils vergessen», sagt Honegger. «Dafür haben wir einen lockereren Umgang mit Blumen.» Heute gehe man zu Migros oder Coop und kaufe, was schön und bunt sei und was Freude mache. Wenn man einen Blumenstrauss schenke, könne man also nichts mehr falsch machen. «Es ist allein der Akt des Schenkens, der zählt.»

So konnte laut Honegger auch die weisse Lilie rehabilitiert werden, der man lange einen Zusammenhang mit Gräbern und Beerdigungen zugewiesen hatte. Unter dem Mistelzweig muss sich heute niemand mehr küssen, dieser taucht einfach um die Weihnachtszeit auf. Und die Maiglöckchen zeugen nicht mehr von Unschuld, sondern künden den Frühling an. «Einzig die rote Rose», sagt Honegger, «enthält noch eine Liebesbotschaft.»

«Blumen zu schenken, war früher ein Akt ausgeklügelter Botschaften, heute ist es nur noch eine nette Geste.»

Andreas Honegger

Weiss deutet Unschuld an: «Mädchen mit Rhododendren» von Theodore Wores. Foto: PD

Erstellt: 24.01.2012, 06:30 Uhr

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