Zürich
Die Stunde der Wetterfrösche
Interaktiv
Kloten - In der Nacht vom letzten Freitag auf den Samstag, um drei Uhr in der Früh, wurde Marcel Haefliger aus dem Bett geklingelt. Die Schweizerische Depeschenagentur hielt sich ganz genau an die Vorgabe, dass alle wetterbedingten Medienanfragen im Zusammenhang mit der aktuellen Vulkanaschewolke aus Island an den Chef der Sektion Flugwetter am Flughafen Zürich-Kloten zu richten seien.
Presse und Fernsehen rissen sich in den vergangenen fünf Tagen um ein Zitat von Haefliger. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) zieht zur Entscheidgrundlage zu einem grossen Teil seine Analysen und Prognosen heran. Trotz der momentan überragenden Bedeutung des nationalen Wetterdiensts wollen Stargefühle trotzdem nicht aufkommen, weil Haefliger unpopuläre Warnungen aussprechen musste. Warnungen, die ein Ziel verfolgen: nämlich die Sicherheit der Bevölkerung und - damit eingeschlossen - der Fluggäste. Die Folgeschäden sind nicht von der Hand zu weisen: Millionenverluste - nicht nur bei der Luftfahrtindustrie.
Marcel Haefliger bleibt trotz Rummel gelassen und konzentriert sich auf seine Arbeit, um möglichst verlässliche Daten aus der Luft zu ziehen. «Das Problem ist nur, dass Dichte und Position dieser riesigen Aschewolke sich ständig verändern. Die Zusammenarbeit mit den Wetterdiensten anderer europäischer Staaten hilft da nur bedingt», erklärt er. Testflugzeuge könnten ihre Flüge durchaus unbeschadet überstehen. Die Garantie, dass zu einem späteren Zeitpunkt auf der gleichen Route ein anderes Flugzeug ebenfalls keine Schäden davonträgt, gebe es aber nicht.
Meeting im Bundeshaus
Nach einer kurzen Nacht verbrachte Haefliger den ganzen Samstag in Bern. Er wurde ins Bundeshaus zitiert, wo ein Treffen zwischen der Flugaufsichtsbehörde Bazl, der Flugsicherung Skyguide und Meteo Schweiz einberufen wurde. Das Resultat dieser Sitzung waren weiterhin leere Schweizer Flughäfen und volle Standplätze wie 2001 beim Grounding der Swissair.
Die Asche, die der isländische Vulkan Eyjafjallajökull ausstösst, besteht aus zerriebenem Gestein, kleinen Lava-Fetzen und Kristallen. Bei einem Flugzeug, das eine solche Wolke durchfliegt, können die Triebwerke beschädigt werden. Die eingesaugte Vulkanasche wird sehr stark erhitzt und verklebt die Turbinen. Zusätzlich verkleben die Aschepartikel die Geschwindigkeitssensoren des Flugzeuges und beeinträchtigen zudem den Funkverkehr.
Warnung und Beratung bilden die zwei Hauptaufgaben der Sektion Flugwetter. 17 Mitarbeitende im Schichtbetrieb stellen die Besetzung des Beobachtungspostens Oberglatt im Norden des Flughafengeländes an 365 Tagen rund um die Uhr sicher und informieren oder «warnen» den Kontrollturm im Halbstundentakt über die aktuelle Wetterlage. Dass der April macht, was er will, bestätigt Haefliger mit einem Augenzwinkern: «Das Aprilwetter ist sehr launisch. Von Nebel über Gewitter, Windböen bis zu starkem Regen ist alles möglich.» Im Operation Center 1 wird ein Beratungsdienst angeboten, wo Piloten persönliche Auskünfte erhalten. Weitere sieben Mitarbeiter sind in den beiden Bereichen Administration und Informatik tätig.
Häufiger geprüft wird niemand
Neben unberechenbaren Vulkanaktivitäten sorgen vor allem Gewitterzellen und Sturmböen für Hektik auf dem Beobachtungsposten. Mittels Standleitung zum Tower werden dringende Meldungen durchgegeben. Bei Blitzwarnungen wird ein Betankungsstopp der Flugzeuge verhängt. Herrschen Sturmböen von 30 Knoten und mehr, rückt die Feuerwehr aus und hält sich bereit.
Häufiger als Haefliger wird von Meteo Schweiz niemand auditiert. Das Bazl überprüft in regelmässigen Abständen, ob der ISO-zertifizierte Flugwetterdienst die nationalen und internationalen Messregeln einhält.
«Etwas frustrierend ist, dass Rückmeldungen nur dann kommen, wenn die Prognose nicht gestimmt hat», sagt der 47-jährige ETH-Klimatologe, der gerade von einer Sitzung im Bundeshaus in sein Büro am Flughafen zurückgekehrt ist. Er hofft nun, dass der Vulkan bald zur Ruhe kommt, sodass er wieder zum Tagesgeschäft übergehen kann. Seine Frau und seine Kinder würden es ebenfalls sehr begrüssen, wenn sich die Asche ganz verzieht und endlich wieder klare Sicht auf Gatte und Papa freigibt. Marcel Haefliger blickt für seine Wettervorhersagen nicht nur in die Kristallkugel. Foto: David Baer (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.04.2010, 02:01 Uhr
Live @ Sunset
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