«Ein Minarett allein verändert nichts»

Von Mit Amor Ben Hamida sprach Lorenz PfrunderAmor Ben Hamida. Aktualisiert am 21.11.2009

Amor Ben Hamida wurde in Tunesien geboren, lebt in Adliswil und schreibt Bücher über die Verständigung der Kulturen. Der praktizierende Muslim spricht über den Hass des Ostens auf den Westen und die Bedeutung von Minaretten.Die islamische Welt hat ein Trauma von der Kolonialzeit.

Im Abstimmungskampf um die Minarett-Initiative war bisher vor allem von einem Plakat der Befürworter die Rede, das Minarette wie Raketen darstellt und eine komplett verhüllte Frau zeigt. Was löst ein solches Plakat bei Ihnen aus?

Das Plakat ist völlig daneben. Ich habe auch in Tunesien, meinem anderen Heimatland, noch nie eine so verschleierte Frau gesehen. Es gibt sie in der Golfregion oder im Iran. 80 Prozent der Muslime in der Schweiz sind aber europäischen Ursprungs. 40 Prozent praktizieren ihren Glauben. Die Darstellung auf dem Plakat verzerrt die Realität.

Spüren Sie im Alltag etwas davon?

Man verbindet mich als Muslim mit dieser verhüllten Frau. Ich muss mich rechtfertigen. Besonders seit dem 11. September 2001 werde ich immer wieder in Diskussionen verwickelt. Man fragt mich oft, was der Islam mit den Attacken zu tun habe. Man generalisiert, und schon sind wir Muslime in einer Verteidigungsposition. Es wäre das Gleiche, wie wenn ich sagen würde, Christen seien Pädophile, nur weil es solche gibt. Etwas Positives hat die Aufregung aber: Man diskutiert über den Islam.

Brauchen die Schweizer Moscheen Minarette?

Im Koran ist keine Rede von Minaretten. Zwar macht ein Minarett eine Moschee architektonisch komplett, zum Beten braucht es aber keines. Genauso wenig wie einen Kirchturm.

Könnte man es auch verbieten?

Die Initiative ist ein schweizerisches Recht. Der Bundesrat hat die Initiative zugelassen. Wir müssen das Resultat akzeptieren. Ein Verbot wäre aber ein negatives Signal an die Muslime. Es würde uns ein Gefühl geben, in der Schweiz nicht willkommen zu sein. Es würde auch nichts bringen: Extremisten treffen sich ohnehin in Kellern und besuchen nicht die grossen Moscheen.

Würden Minarette helfen, die Muslime aus den Kellern zu holen, die Extremisten von den Gemässigten zu trennen und die Schweizer zum Dialog einzuladen?

Ein Minarett allein bringt nichts. Damit müsste eine verbesserte Kommunikation vonseiten der Muslime einhergehen. Ein Ansporn dazu wäre der Bau eines Minaretts vielleicht.

Werden wir überall Minarette sehen, wenn die Initiative abgelehnt wird?

Ich glaube kaum. Das Baugesetz verhindert das ja. Und ich finde es in Ordnung, wenn dieses restriktiv angewendet wird. Deshalb braucht es auch kein Verbot.

Symbolisieren Minarette einen Machtanspruch?

Nicht mehr und nicht weniger als Kirchtürme.

Hinter der Initiative steht die Angst, dass Europa schleichend islamisiert wird. Wie real ist diese Gefahr?

Sie ist ein Hirngespinst. Europa hat sehr strenge Immigrationsregeln.

Man spricht von einer Islamisierung durch Demografie. Muslime weisen höhere Geburtenraten auf als Nicht-Muslime.

Von den hier Geborenen praktizieren noch weniger ihren Glauben als von den direkt Eingewanderten. In der dritten Generation sind es noch weniger. Zeit ist der stärkste Integrationsfaktor.

Ein weiteres Argument gegen Minarette: In vielen islamischen Ländern sind Kirchtürme nicht erlaubt.

Die Schweiz ist zu Recht stolz darauf, ein Rechtsstaat zu sein und Religionsfreiheit zu gewähren. Es wäre falsch, sich an Staaten zu orientieren, die solche Rechte nicht kennen. Umgekehrt verdient eine grosszügige Haltung auch in den Augen der Muslime Respekt. Ich erinnere meine Glaubensbrüder immer an das traditionelle Gastrecht der Araber: Wenn man irgendwo zu Gast ist, gelten die Regeln des Gastgebers, das ist klar. Wenn der Gastgeber den Gast gut behandelt und ihm viele Rechte gibt, ist er ein besonders guter Gastgeber und verdient Dankbarkeit.

Sie schreiben seit Jahren Bücher über das Verhältnis zwischen Schweizern und Muslimen. Es geht dabei meist um alltägliche Probleme in gemischten Ehen. In Ihrem neuesten Buch, «Kampf der Dörfer», behandeln Sie aber in grossem Rahmen den Konflikt zwischen Ost und West. Viele herausragende Leute haben sich schon damit beschäftigt. Warum äussern auch Sie sich dazu?

Ich fühle mich gewissermassen auf einer Mission. Ich kenne den Westen und den Islam gut, lebte in beiden Kulturen und fühle mich in beiden wohl. Ich bin ein gutes Beispiel, dass ein solches Leben funktioniert, und fühle mich berufen, meine Erfahrungen und Gefühle weiterzugeben.

Sie versuchen vor allem den Hass des Ostens und des Südens auf den Westen zu erklären. Verspüren Sie einen solchen Hass?

Nein, auf keinen Fall. Ich sehe aber, dass viele Leute im Westen denken, die Muslime seien neidisch und gönnten ihnen den Wohlstand nicht. So einfach ist es nicht. Ich versuche die Gründe zu erklären, warum viele Muslime einen Groll auf den Westen hegen und warum es zu Attacken wie am 11. September 2001 kommen kann.

Warum?

Lassen Sie mich ein Bild gebrauchen: Wenn ein grosser Hund dauernd einen kleinen Hund beisst und der kleine Hund eine Chance kriegt, zurückzubeissen, wird er diese Chance nutzen. Ein grosses Trauma für die islamische Welt ist die Kolonialzeit. Sie wurde nie genügend aufgearbeitet. Diese Verletzung ist in vielen ehemaligen Kolonien noch spürbar. Ich kann nachvollziehen, dass Völker wütend sind.

Also ist es die Schuld des Westens, wenn er von Terroristen attackiert wird?

Solche Attacken sind Ausdruck eines grossen Frusts. Der Westen hat eine Mitschuld daran, dass dieser entstand. Es gibt aber nichts, was solche Angriffe legitimieren könnte. Selbstmordattentäter handeln gegen den Islam. Es sind politische Attacken, die leider religiös legitimiert werden und der muslimischen Gemeinschaft schaden.

Warum haben viele Muslime dann Mühe, sich klar von solchen Attacken zu distanzieren?

In weiten Teilen der islamischen Welt werden die USA als Feind angesehen. Wenn jemand den USA schadet, freuen sich leider viele.

Manche Leute sagen, Rache sei ein islamisches Gefühl, das Christentum lege mehr Wert auf Vergebung.

Es wäre lächerlich, Rache als islamisch zu bezeichnen. Es ist ein urmenschliches Gefühl, das lange existierte, bevor es Religionen gab. «Auge um Auge, Zahn um Zahn» steht im Alten Testament, nicht im Koran. Es gibt aber verschiedene Wege, mit Rache umzugehen, und anscheinend hat die südliche Hemisphäre ein grösseres Problem damit. Das beginnt schon in Sizilien, einer sehr katholischen Region, wo das Konzept der Vendetta verbreitet ist. Kreuzzüge, Inquisition und andere Verbrechen, die im Namen des Christentums begangen wurden, haben auch nichts mit Vergebung zu tun.

Wie können die Probleme zwischen Osten und Westen gelöst werden?

Wir müssen einen Schlussstrich ziehen. Wir müssen uns weniger von Gefühlen leiten lassen und beginnen, miteinander zu diskutieren. Dafür ist es wichtig, die Position der anderen Seite zu kennen. Diese versuche ich in meinem neuesten Buch einem europäischen Publikum zu vermitteln. Wenn es gelingen würde, die Beziehung des Westens zu Afrika und Asien neu zu definieren, wäre das genial.

Eine Annahme der Initiative könnte ein Zeichen sein, dass auch der Westen seinen Gefühlen und Ängsten folgt. Wagen Sie eine Prognose?

Das ist ja wie beim Fussball! Ich tippe auf 68 Prozent Nein und 32 Ja. Amor Ben Hamida posiert vor dem reformierten Kirchturm von Adliswil. Foto: Patrick Gutenberg (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2009, 02:02 Uhr

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